Selbsthilfe in Ebersberg:"Ich beneide dich um deine Narben"

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Psychische Erkrankungen betreffen sehr häufig junge Männer. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Psychische Krankheiten sind immer noch ein gesellschaftliches Tabu. Das wollen Betroffene und Angehörige ändern, wie bei einem Austausch in Ebersberg klar wird.

Von Franziska Langhammer, Ebersberg

Gleich zu Beginn wird ein neues Vokabular festgelegt: Hier ist niemand Betroffene oder Betroffener, sondern Erfahrungsexperte. Und auch die Angehörigen bekommen ein neues Label: professionelle Helfer. "Das find ich gut", sagt eine junge Frau, zustimmendes Gemurmel folgt. An die zwanzig Menschen haben sich an diesem Abend im Evangelischen Gemeindehaus in Ebersberg zusammengefunden und sitzen sich im Stuhlkreis gegenüber.

Es sind Mütter und Väter von Menschen mit psychischen Erkrankungen, Pärchen, die gemeinsam die Krankheit des einen Partners durchgemacht haben, Männer und Frauen, die selbst erkrankt sind oder waren und sich nun austauschen wollen. Das Format, zu dem das von Stephanie Greskötter frisch gegründete Forum "Selbsthilfe Ebersberg" geladen hat, nennt sich "Trialog über einen solidarischen Umgang mit Depressionen und anderen seelischen Belastungen", moderiert wird es von Dominique de Marné, selbst Erfahrungsexpertin, Autorin und Gründerin der Mental Health Crowd.

Was geschieht, wenn sich die Angehörigen nicht mehr kümmern können?

"Akzeptanz für die Psyche" ist das große Überthema, und damit, so erzählt es ein Angehöriger, fängt es schon an: Es sei auch Jahre nach der Diagnose schwer für ihn, die Schizophrenie seines Sohnes zu akzeptieren, das passe schwer in sein Männerbild. "Ich vermisse das Auffangen von psychisch kranken Leuten", sagt eine Mutter, "nicht mit Tabletten, sondern wo mein Sohn so aufgenommen wird wie bei mir." Auch die Frage, was mit psychisch erkrankten Kindern geschieht, wenn die Eltern älter werden und sich nicht mehr sorgen können, wird in den Raum geworfen.

Gedanken werden laut ausgesprochen, Sorgen formuliert, Antworten aus eigener Erfahrung gegeben - so funktioniert der Trialog, in den auch etwa Experten aus dem Gesundheitssystem wie der anwesende Georg Knufmann, Leiter der Sozialpsychiatrischen Dienste Ebersberg (SPDI), eingebunden sind. Er berichtet, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan habe, auch in der öffentlichen Wahrnehmung der Psychiatrie. Neben den Selbsthilfegruppen seien die SPDI in Ebersberg ein guter erster Anlaufpunkt bei psychischen Problemen, auch wenn noch keine Diagnose gestellt worden sei.

Wie kann psychisch Kranken und ihren Angehörigen besser geholfen werden? Darüber wurde nun im evangelischen Gemeindehaus diskutiert. Als Experten mit dabei: Georg Knufmann von den Sozialpsychiatrischen Diensten, Brigitte Weitzer und Steffie Greskötter von der Selbsthilfe Angehörige Psychisch Erkrankter (SAPE) und Autorin und Unternehmerin Dominique de Marné (von links). (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Manche Teilnehmer der Runde erzählen sehr offen über sich und ihre Geschichte, andere bleiben distanziert und wollen einfach nur zuhören. Dass eine Diagnose auch nur eine Schublade sei, wirft ein Mann in die Runde, und: "Man kriegt keine Hilfe, wenn man den Stempel nicht hat." Der aber sehr belastend sein könne: "Ich dachte, ich falle ins Bodenlose", erzählt die Mutter eines an Schizophrenie erkrankten jungen Mannes. "Erst der Kontakt mit anderen hat mich da rausgeholt." Einige Teilnehmer sehen das anders: Erst mit der Diagnose sei eine Erleichterung eingetreten, erzählt eine Frau. Moderatorin de Marné warnt jedoch: "Es ist wichtig, es sich in der Diagnose nicht bequem zu machen; sie darf nicht mit der Identität verschwimmen."

Die meisten der Anwesenden sind bereits in Selbsthilfegruppen; der Landkreis Ebersberg ist hier gut aufgestellt. Eine junge Frau formuliert den Vorteil der Selbsthilfe so: "Wenn ein Therapeut mal wieder so schlaue Ratschläge gehabt hat, hab ich mir gedacht: Du weißt doch gar nicht, wie das ist!" Auf Augenhöhe behandelt zu werden, sowohl als Betroffener wie auch als Angehöriger, das ist ein weiteres zentrales Thema in dieser Runde, die auch keine schwierigen Themen scheut.

Wichtig sei, die Krankheit und die davon Betroffenen gesondert zu betrachten

Eine Teilnehmerin etwa will über Selbstverletzungen sprechen. Ob jemand in der Runde Erfahrungen damit habe? Sie selbst habe andere Mitpatienten beobachtet, die ihren emotionalen Druck durch Ritzen der Arme abbauen könnten, und gesagt: "Ich beneide dich um deine Narben." Denn dies sei ein sichtbarer Hilferuf - im Unterschied zu Verletzungen, die man eben nicht sehen könne. Vor allem Unsicherheit und eine Überforderung in der Gesellschaft nennt eine andere Teilnehmerin als Grund dafür, dass oft auch sichtbare Verletzungen von anderen nicht thematisiert, sondern lieber schweigend übergangen werden.

Zum Schluss gibt Moderatorin de Marné einen wichtigen Gedanken in die Runde. "Gerade bei psychischen Erkrankungen ist es wichtig, dass wir Mensch und Krankheit nicht verzahnen", sagt sie. Zwar sei eine psychische Erkrankung keine Entschuldigung für alles, jedoch müsse man sich immer fragen: Wer sitzt gerade am Steuer - der Mensch, oder die Erkrankung? Oder, wie es die Mutter eines psychisch erkrankten, inzwischen erwachsenen Kindes ausdrückt: Geduld stehe an oberster Stelle, gerade am Anfang der Erkrankung, und auch kleinste Fortschritte solle man lobend hervorheben. Geduld - und eine gewisse Art von Gelassenheit: "Man muss lernen, dass man die Art, wie der Betroffene lebt, anerkennt: Ich lass dich dein Leben leben."

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