Seit hundert Jahren Stromerzeugung Ende einer liebevollen Improvisation

Die Stegmühle in Glonn beherbergt zahllose Exponate aus der Pionierzeit der Elektrifizierung. Nun soll daraus ein echtes Museum werden.

Von Anja Blum

Die Stegmühle wird zum Museum. Hier der Maschínenraum. Foto: Peter Hinz-Rosin

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Er rast nur so an uns vorbei, der technische Fortschritt, eigentlich müsste es technischer Fortlauf oder Fortsprint heißen. Ein Telefon mit Kabel und Wählscheibe zum Beispiel mutet heute schon an wie aus einer anderen Zeit. Ganz zu schweigen von den zahllosen elektrischen Gerätschaften, die in der Glonner Stegmühle aufbewahrt werden: etwa ein hundert Jahre altes Bügeleisen, das so schwer ist, dass man es kaum hochheben kann, Voltameter in sämtlichen Größen, porzellanene Lichtschalter, zahlreiche alte Generatoren von umliegenden Höfen, ein Drehstrommotor aus dem Jahr 1913 oder ein sogenannter Treppenhausautomat: ein Stromzähler mit Schlitz für den Münzeinwurf. Ein echter Hingucker sind auch die alten Schaltflächen des kleinen E-Werks an der Glonn, auf denen historisch anmutende Knöpfe, Hebel und Anzeigen prangen. Mit ihrer gut hundert Jahre alten, voll funktionsfähigen Pumpanlage und einer großen Sammlung von Stücken aus der Pionierzeit der Elektrifizierung ist die Stegmühle eigentlich ein Museum - nur das sie bislang nicht wie eines aussieht. Derzeit sind alle Exponate zwar nicht beliebig, aber doch nur provisorisch gelagert, einfach an die Wand genagelt, auf Tische gelegt, die aus Böcken und Holzbrettern bestehen, oder auf kleine Paletten am Boden gestellt. Manchmal verrät ein angepinnter Zettel, um was für ein Gerät es sich handelt.

Doch dieser Zustand der liebevollen Improvisation soll sich nun ändern. Der Betreiber und Besitzer, die Stegmühle-Genossenschaft, möchte ihre Schätze in Zukunft Besuchern besser präsentieren und außerdem sorgsam für die Nachwelt erhalten. Dafür sollen jetzt erst einmal Vitrinen, geeignete Regale und Beschriftungssysteme angeschafft werden. Im Rathaus hat man dafür um einen projektbezogenen Zuschuss in beliebiger Höhe gebeten, über den der Gemeinderat an diesem Dienstagabend beraten wird.

"Wir merken einfach, dass das Interesse an unserem Werk und an Exponaten deutlich zunimmt", sagt Robert Esterl, der Vorsitzende des Aufsichtsrats. Ganz ohne Werbung verzeichne man mittlerweile bereits etwa zehn Führungen pro Jahr - gekommen seien Schulklassen aus München, diverse Naturschutzgruppen und sogar Delegationen aus dem Ausland. "Eigentlich sind wir ein Geheimtipp, aber der scheint sich rumgesprochen zu haben", sagt Esterl und lacht. "Meine Kollegen nennen mich jedenfalls schon ,Museumsdirektor'." Dem Feinmechaniker und Landwirt im Ruhestand und seinem Freund Karl Öttl, ebenfalls Landwirt, ist die Stegmühle eine Herzensangelegenheit - schon allein aus Tradition. "Unsere Väter waren schon Freunde und haben sich gemeinsam um das Werk gekümmert", erzählt Esterl. Als Mitglieder der "Elektrogenossenschaft Frauenreuth" hätten sie 1956 die Gunst der Stunde genutzt, der Familie Senkenberg die Stegmühle abgekauft und der Genossenschaft damit ihren heutigen Namen verliehen. Vorsitzender der "Stegmühle e. G." war lange der mittlerweile verstorbene Josef Rieder, der die Sammlung der Mühle begründete. "Ihm haben wir viel zu verdanken, auch dass er nie etwas weggeschmissen hat", sagt Esterl.

Ursprünglich wurde in der Stegmühle, die erstmals im Jahr 1517 urkundlich erwähnt wurde, Getreide gemahlen. Doch Baron von Büsing, Besitzer von Schloss Zinneberg, kaufte 1903 das Anwesen und ließ es zu einem Wasser- und Elektrizitätswerk umbauen, um damit seine Liegenschaften zu versorgen. Von da an lieferte die Mühle dank einer Fallstromturbine Strom und Trinkwasser in viele Glonner Ortsteile. In den 1980-er Jahren aber gab es eine neue Wasserverordnung, es wurde auf die zentrale kommunale Versorgung umgestellt, der Stegmühle ging damit eine wichtige Einnahmequelle verloren. "Wir haben darum gekämpft, aber leider verloren", erinnert sich Esterl. Heute pumpt die Mühle lediglich regelmäßig Löschwasser in den Weiher beim Schloss, der ohne natürlichen Zulauf sonst irgendwann austrocknen würde. Es folgten finanziell schwierige Zeiten, da nach Esterl alleine mit der Stromerzeugung der Erhalt der Anlage und des historischen Gemäuers nicht zu stemmen sei. Mittlerweile hat sich die Genossenschaft, die heute circa 70 Mitglieder zählt, jedoch wieder erholt: Dank zweier Neubauten auf dem Gelände ergänzen heute Mieteinnahmen den Ertrag des Werks. Der Strom, den es erzeugt, ist zwar hundertprozentig ökologisch korrekt, doch außer der Plakette "Vier für Glonn" an der Außenmauer, mit welcher die Gemeinde Engagement für die Energiewende belohnt, haben die Betreiber nichts davon: "Wir bekommen von Eon nur 7,6 Cent pro Kilowattstunde, eine staatliche Förderung für Wasserkraft gibt es nicht", erklärt Esterl und schaut etwas unglücklich.

Er und Öttl, beide sind 74 Jahre alt, haben schon viel und oft ehrenamtlich an der Anlage, die 1908 von MAN gebaut wurde, gearbeitet - und sind doch immer noch von deren Präzision begeistert. Tatsächlich läuft hier alles wie am Schnürchen: 4,50 Meter tief fällt das Wasser der Glonn bei dem Werk ab und treibt dabei eine Turbine an, über lange Riemen und riesige Schwungräder werden zwei Wasserpumpen und ein Generator mit Energie versorgt. Zu hören sind ein leises Surren und ein rhythmisches Stampfen. Pro Stunde bewegt die Stegmühle rund 40 Kubikmeter Wasser und erzeugt rund 350 Kilowatt Strom. Fest steht: Museen gibt es viele, doch wenige sind so lebendig wie dieses kleine Elektrizitätswerk in Glonn.