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Kirchseeon:100 Jahre Seetaler Trachtler: Im Dirndl durchs Corona-Jahr

Dass man Tracht das ganze Jahr über tragen kann, wollten die Seetaler mit ihrer Fotoaktion zeigen.

(Foto: privat)

Eigentlich hätten die Seetaler Trachtler aus Kirchseeon 2020 Jubiläum gefeiert. Die Vereinsjugend hat sich trotz Pandemie einiges einfallen lassen.

Von Serafina Rumm, Kirchseeon

Fasching haben die Seetaler Trachtler im vergangenen Jahr noch gemeinsam gefeiert. Seitdem hat sich viel verändert, die erste Coronawelle zog ins Land, dann kam die zweite. "Niemals hätten wir gedacht, dass unser Jubiläumsjahr so aussehen würde", schreibt die Trachtenjugend des Kirchseeoner Vereins auf ihrer Facebookseite - 2020 hätten die Seetaler eigentlich ihren 100. Geburtstag gefeiert.

Im vergangenen Jahr konnten die Vereine keine Präsenzveranstaltungen anbieten, große Feste und Veranstaltungen mussten ausfallen. Doch die Kirchseeoner Trachtler ließen sich nicht unterkriegen. Im Internet lässt sich das Corona-Jahr des Vereins nachverfolgen, das zwar andere, aber nicht weniger kreative Projekte als in den Vorjahren hervorbrachte. Zu Ostern etwa haben die Jugendleiter kleine Geschenke an die Trachtenjugend und ältere Vereinsmitglieder mit dem Fahrrad ausgefahren. Wer sich nicht mehr persönlich treffen kann, muss auf andere Arten der Vernetzung umsteigen: Besonders auf ihren Facebook- und Instagramkanälen versuchten die jungen Trachtler mit diversen Bildern für gute Laune zu sorgen.

Die Seetaler Trachtler bei einer Filmaufnahme.

(Foto: privat)

Pünktlich zum ersten Lockdown im Frühjahr startete also die erste Aktion der Trachtenjugend: #365TageTracht. "Sehr viele Personen sprechen uns zu unserer Tracht an", sagt Michaela Seebauer, Pressewartin und erste Vortänzerin des Vereins, über die lustigen Fotos, auf denen zahlreiche Trachtler die traditionelle Vereinstracht oder das normale bayrische Gwand präsentieren. Aus zwei Beiträgen die Woche vor Corona, wurden in der Zeit des ersten Lockdowns tägliche Beiträge, die das Tragen von Tracht in ganz alltäglichen Situationen zeigen: Beim Gassigehen am See, beim Sport, beim Wellnessen, Kochen oder Musizieren, in der Schule oder im Büro.

Für viele Menschen sei die Anschaffung eines Dirndls ein sehr hoher Kostenaufwand, so Seebauer, die meisten würden das Gewand nur einmal im Jahr zur Wiesn oder zu besonderen Anlässen wie einer Taufe oder Hochzeit aus dem Schrank holen. "Es war mir wichtig den Leuten zu zeigen, dass es noch viele weitere Alltagssituationen gibt, wo man Tracht tragen kann", sagt Seebauer. Mit den Beiträgen versuchten die Trachtler auch, lokale Geschäfte zu unterstützen, wie den Bäcker Rau in Kirchseeon, den Kirchseeoner Buchladen oder Tierisch Kulinarisch aus Zorneding.

Aus einem Theaterprojekt wurde ein Film.

(Foto: privat)

Im Sommer wurden die strengen Regeln des ersten Lockdowns wieder gelockert, das Tanzen fiel im Verein jedoch weiterhin aus. Um auch in den Vereinsferien im August weiter in Kontakt zu bleiben, nahm die Jugend Vereinsshirts oder Tracht mit in den Urlaub und schickte sich zum Austausch gegenseitig Bilder von den Ausflügen. "Das hat sehr viel Spaß gemacht", sagt Seebauer.

Nach den Sommerferien im September starten jedes Jahr die Proben für das alljährliche Nikolaustheater der Seetaler, das im Dezember in der ATSV-Halle hätte stattfinden sollen. Die ersten Ideen für das Stück brachte die erste Jugendleiterin Bettina Scharnagl bereits im März 2020 zu Papier, so Seebauer: "Da von einer zweiten Corona-Welle die Rede war, wurde der Probenplan abgewandelt, ein Hygienekonzept geschrieben und das Stück wurde während der Proben aufgenommen."

Das Motto des Theaterstücks sollte natürlich im Sinne des 100-jährigen Bestehens der Seetaler stehen: Den Kindern wollte man zeigen, wie sich die Weihnachtsbräuche und Mode dem Wandel der Zeit und den jeweiligen Umständen angepasst und langsam verändert haben, wie man Weihnachten von 1920 bis 2020 gefeiert hat. Die Handlung des Stücks beruht, nicht ganz, aber zum Teil, auf echten Begebenheiten, denn für die Geschichten wurden echte Zeitzeugen befragt: Ältere und jüngere Vereinsmitglieder erzählten von eigenen Erlebnissen. Das Thema, das sich für das Theaterprojekt im Jubiläumsjahr der Seetaler letztendlich ergab, stand gewiss auch im Sinne des Corona-Jahrs 2020: "Auf wos wirklich o'kimmt".

Zu Beginn der Sommerferien wurden die Rollen fürs Theater also verteilt und über den Sommer trafen bei den Jugendleitern bereits erste Einsendungen ein, auf denen die Darsteller ihre Rolle auf Minivideos eingesprochen haben. Im September konnte in Kleingruppen noch gemeinsam geprobt und gedreht werden, doch als die Bundesregierung die Corona-Regeln im Herbst wieder verschärfte, nahmen sich die Beteiligten zuhause selber auf. Als die Halle dann letzten Endes für den allgemeinen Betrieb gesperrt wurde, war klar: Die Feier wird dieses Jahr ausfallen: "Umso froher waren wir, die Szenen bereits im Kasten zu haben", wie Seebauer erzählt. Aus dem Theaterstück wurde so nach und nach ein gemeinsamer Film.

Im Dezember wurden erste Ausschnitte des Films als Adventskalender im Internet veröffentlicht und anstelle der gemeinsamen Feier wurden die restlichen Vereinsmitglieder mit einem Geschenk zu Nikolaus daheim überrascht: Mit Süßigkeiten, Nüssen, Äpfeln, Mandarinen, einer Maske und natürlich - dem frisch gebrannten Film. 122 DVDs für 56 Haushalte, ausgefahren von drei Nikoläusen in drei Autos: "In drei Touren ging's von Tür zu Tür, natürlich mit Abstand und Verstand!", schreibt der Verein in den sozialen Medien. "Die Überraschung war sehr gelungen", sagt Seebauer, "es waren viele Vereinsmitglieder, Eltern, Freunde und Helfer am Projekt beteiligt, von jung bis alt."

Ein richtiges Jubiläumsfest zum 100-jährigen Bestehen konnten die Seetaler jedoch bis heute nicht feiern: "Das wurde auf unbestimmte Zeit verschoben", so Seebauer. Auch die Jugendproben finden zurzeit ganz Corona-konform online statt. "Wir haben uns ein umfangreiches Alternativprogramm überlegt", so Seebauer: "Es wird gebastelt, die Kinder machen Koordinations- und Gleichgewichtsübungen, manche haben sich auch Yoga gewünscht und wir machen Foto-Rückblicke der letzten Jahre." Aktuell sind das zum Beispiel zahlreiche Faschingsrückblicke der vergangenen Jahre.

In den Jugendgruppen können sich die Kinder zumindest online treffen, denn das ganze Jahr über fand bei den Seetalern kein Tanztraining statt: "Mir geht das Tanzen schon unheimlich ab", sagt Seebauer. Vielleicht klappt es nun dieses Jahr endlich mit der neuen Anfänger-Tanzgruppe, die Seebauer schon für das vergangene Jahr geplant hatte.

© SZ vom 18.02.2021/koei
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