TierwohlDenkfabrik für eine andere Landwirtschaft

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Schweine und Hühner leben auf dieser großen Weide symbiotisch zusammen. Die Schweine haben allerdings nicht immer Lust, ihre gemütlichen Hütten zu verlassen.
Schweine und Hühner leben auf dieser großen Weide symbiotisch zusammen. Die Schweine haben allerdings nicht immer Lust, ihre gemütlichen Hütten zu verlassen. Barbara Mooser

Die Schweisfurth-Stiftung feiert Jubiläum. In den 40 Jahren seit ihrer Gründung hat sie mehr als 1700 Projekte für mehr Tierwohl, eine regionale und ökologische Lebensmittelproduktion und für den Naturschutz gefördert oder selbst umgesetzt.

Von Barbara Mooser, Glonn

Kein Schwein ist da. Die Hähne rennen über die Wiese, picken im Staub, schlüpfen durch den Drahtzaun, streiten und krähen. Doch ihre Mitbewohner lassen sich nicht sehen, sie bleiben lieber in ihren Hütten. „Die sind morgens zwischen fünf und sechs unterwegs, da kann man die Uhr danach stellen, und dann abends wieder. Dazwischen schlafen sie“, sagt Karl Schweisfurth, Geschäftsführer der Herrmannsdorfer Landwerkstätten, und zuckt mit den Schultern. Gern hätte er der kleinen Gruppe, die sich an diesem kühlen Maimorgen um ihn versammelt hat, beide Bestandteile der symbiotischen Gemeinschaft vorgestellt, die sich die großzügige grüne Wiese ein paar hundert Meter vom Hof entfernt teilt. Doch so ist es nun mal in Herrmannsdorf: Die Tiere auf den Weiden dürfen sich weitgehend so verhalten, wie es ihrem Naturell entspricht – auch wenn den Besuchern das pittoreske Zusammenleben von Schwäbisch-Hällischem Landschwein und Huhn dann eben nicht vor Augen geführt werden kann.

Karl Schweisfurth zeigt die künftige Waldweide auf Herrmannsdorf,  bald wird die Tier-WG hierher umziehen.
Karl Schweisfurth zeigt die künftige Waldweide auf Herrmannsdorf,  bald wird die Tier-WG hierher umziehen. Barbara Mooser

Dass sich an diesem Morgen so viele Menschen in Herrmannsdorf versammelt haben, liegt an einer Institution, die es schon vor den Landwerkstätten gab, die aber eng mit ihnen verbunden ist: die Schweisfurth-Stiftung. Vor 40 Jahren wurde sie gegründet, um Ideen zu entwickeln, wie man die Landwirtschaft auf einen neuen, besseren Weg führen könnte – weg von der Massentierhaltung, hin zu mehr Tierwohl – und gleichzeitig bei den Menschen Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln zu wecken. „Machen wir Frieden mit der Natur“ – dieser Ausspruch des Stiftungsgründers Karl Ludwig Schweisfurth ist an diesem Tag nicht nur einmal zu hören.

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Ohne Schweisfurth, der 2020 im Alter von 89 Jahren gestorben ist, gäbe es weder die Stiftung noch die Herrmannsdorfer Landwerkstätten. Dass er sich einmal zum Pionier der Ökobewegung entwickeln würde, war freilich vor etwas mehr als 40 Jahren nicht absehbar gewesen. Die Geschichte über seinen Wandel vom Saulus zum Paulus ist inzwischen bestens bekannt: In seiner ersten Lebenshälfte steigerte Schweisfurth selbst noch das Tempo der Industrialisierung in der Fleischverarbeitung und damit auch in der Landwirtschaft. Er machte die Familienschlachterei – später das Unternehmen Herta – zu einem der größten fleischverarbeitenden Betriebe Europas. „Die ersten Fließbänder, die ersten Verpackungsautomaten und die ersten elektronischen Datenverarbeitungsmaschinen standen bei Herta. Der technische Fortschritt beherrschte unser Tun. Wir waren Pioniere der Moderne“, so beschrieb es Schweisfurth selbst einmal.

„Wichtiger denn je“ sei die Stiftung heute, so Kuratoriumsvorsitzende Anne Schweisfurth

Dann schlichen sich Zweifel an – und die Kinder Anne, Karl und Georg signalisierten sehr deutlich, dass sie den eingeschlagenen Weg nicht mitgehen würden und kein Interesse an einer Weiterführung von Herta hatten. Schweisfurth verkaufte Herta an Nestlé und verwendete das Geld, um fortan Öko-Geschichte zu schreiben.

Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten, die er in Glonn gegründet hat, werden erst im nächsten Jahr ihren 40. Geburtstag feiern, die Stiftung ist ihnen ein Jahr voraus. „Herrmannsdorf ist der Praxisort, die Hand, die Stiftung ist der Kopf, beide befruchten sich gegenseitig“, beschrieb Anne Schweisfurth, Tochter des Gründers und seit 2015 Vorsitzende des Kuratoriums, beim Festakt die Beziehung zueinander. Die Arbeit der Stiftung habe nochmals an Bedeutung gewonnen: „Angesichts dessen, dass die Welt sich gerade rückwärts zu drehen scheint, und angesichts des fortschreitenden Artenverlustes und der Klimakrise ist sie wichtiger denn je.“

Anne Schweisfurth, die Tochter des Gründers, ist Kuratoriumsvorsitzende der Schweisfurth-Stiftung, Niels Kohlschütter leitet sie als Vorstand.
Anne Schweisfurth, die Tochter des Gründers, ist Kuratoriumsvorsitzende der Schweisfurth-Stiftung, Niels Kohlschütter leitet sie als Vorstand. Barbara Mooser

Nach eigenen Angaben hat die Stiftung in den vergangenen 40 Jahren mehr als 1700 Projekte für mehr Tierwohl, eine regionale und ökologische Lebensmittelproduktion und für den Naturschutz gefördert oder selbst umgesetzt, im Vordergrund stehen dabei laut Stiftungsvorstand Niels Kohlschütter drei Themengebiete: Verbundenheit von Mensch und Tier – also vieles, was sich unter dem Begriff Tierwohl zusammenfassen lässt –, die Verbundenheit von Stadt und Land – darunter fällt beispielsweise der Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten – und schließlich der Bereich Natur oder „Mitwelt“, wie es Kohlschütter nannte. „Blühbotschafter“ etwa bildet die Stiftung aus, auch Urban Gardening und Flussschutz fällt in diesen Bereich. Mehr als 900 000 Euro hat die Stiftung im vergangenen Jahr ausgegeben, 82 Prozent davon für Projekte. Das Stiftungsvermögen macht in der Regel dabei etwa ein Drittel der Einnahmen aus, ein weiteres Drittel sind Drittmittel, die eingeworben werden müssen, der Rest setzt sich aus Spenden und anderen Einnahmequellen zusammen.

Immer wieder sind es Studien, die die Stiftung finanziert – und hier schließt sich der Kreis zu den Hühnern und Schweinen, die auf der Wiese in Herrmannsdorf zusammenleben. Beide profitieren voneinander auf ganz besondere Weise: Die Hühner freuen sich, dass die Schweine ihnen durch das Wühlen im Boden den Weg zu Regenwürmern und anderen Leckereien frei machen und ihnen außerdem Raubvögel vom Leib halten. Sie revanchieren sich bei den Schweinen durch Körperpflege.

Dennoch, so erzählt es Karl Schweisfurth bei der Führung am Morgen, hatte es Bedenken gegeben, ob das, was jahrhundertelang praktiziert wurde – nämlich die gemeinsame Haltung verschiedener Tierarten – modernen Anforderungen überhaupt genügt, ob das Konzept möglicherweise Parasiten und Bakterien Vorschub leisten könnte – mit entsprechenden Folgen für die Lebensmittelsicherheit. Forscher der TU München untersuchten mit Unterstützung der Schweisfurth-Stiftung zwei Jahre lang Hühner, Schweine und Boden und stellten fest, dass derartige Bedenken gegen die Tier-WG keine Grundlage haben – im Gegenteil.

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