Süddeutsche Zeitung

Schule im Landkreis:Das frierende Klassenzimmer

Zur Corona-Prävention sind die Schulen jetzt angehalten, regelmäßig für einen Luftaustausch zu sorgen. Oft hilft im Landkreis hier die moderne Technik - und falls es doch zu kalt wird, haben zumindest in Poing Eltern bereits vorgesorgt

Von Karin Pill, Ebersberg

Fenster auf, Fenster zu, "es zieht" oder "mir ist zu warm"... Wer kennt diese Diskussionen nicht, egal ob im Büro, im Zug oder in der Schule? Doch im Schulalltag muss seit Corona persönliches Temperatur-Empfinden in diesem Herbst hinten angestellt werden. Denn Mitte Oktober hat die Kultusministerkonferenz eine Empfehlung zum Lüften in Schulen veröffentlicht. Diese Richtlinie sieht vor, dass in den Klassenzimmern alle zwanzig Minuten für fünf Minuten sämtliche Fenster und Türen ganz geöffnet werden sollten, zum Stoßlüften - und zwar völlig unabhängig von der Außentemperatur. Die Regel hat bereits viel Anlass zu Diskussionen gegeben, Schulleiter im Landkreis sehen das Thema aber einigermaßen entspannt. Viele Schulen hier sind bereits mit Lüftungsanlagen ausgestattet und fühlen sich gut gerüstet.

Ein Beispiel ist die Grundschule in Grafing. "Im Rahmen von Sanierungsarbeiten vor zwei Jahren wurde in unserer Schule gleich eine Lüftungsanlage eingebaut", so die Rektorin der Grafinger Schule, Christiane Goldschmitt-Behmer. "Somit haben wir eine sehr gute und neue Anlage. Doch trotzdem lüften wir alle zwanzig Minuten. Denn während die Fenster offen sind, können auch die Schüler ihre Masken abnehmen. Und wenn das Wetter so schön ist wie die letzten Tage, dann bleibt das Fenster einfach den ganzen Tag auf", sagt sie.

Auch der Schulleiter der Grund- und Mittelschule Ebersberg, Alexander Bär, sieht seine Schule nicht mit einer "Lüftungs-Herausforderung" konfrontiert. Im Gegenteil: "Wir sind in einer sehr glücklichen Lage", sagt Bär. "Seit Mai haben wir eine dezentral gesteuerte Lüftungsanlage, die einmal in der Stunde die Luft in den Klassenzimmern komplett mit Frischluft austauscht. Die verbrauchte Luft wird über die Raumdecke wieder ausgeblasen." Somit müsste in der Grund- und Mittelschule Ebersberg eigentlich gar nicht mehr gelüftet werden, aber Bär zufolge werden auch hier so oft es geht die Fenster geöffnet. "Maximale Frischluft sorgt für gute Konzentration", sagt Bär.

"Zusätzlich reguliert unsere Anlage die Konzentration von Kohlenstoffdioxid in den Klassenräumen. Wenn kritische Werte erreicht werden, greift die Anlage selbständig ein und sorgt für ein gutes Raumklima." Was die dezentral gesteuerte Anlage außerdem steuert, ist die Raumtemperatur. "Unsere Schüler müssen nicht frieren. Im Klassenzimmer sollte die Temperatur immer so bei 20 bis 21 Grad Celsius liegen. Wenn es einmal kälter oder wärmer wird, greift hier auch die Anlage", so Bär. "Wolldecken brauchen wir also keine", fügt er lachend hinzu.

Aktuell braucht auch in der Anni-Pickert-Grund- und Mittelschule in Poing dank der warmen Temperaturen noch niemand eine Wolldecke. Aber sollte der Winter irgendwann Einzug halten, dann ist man hier bestens vorbereitet. Denn der Förderverein der Schule hat 190 Decken, davon 50 von der Ela-Stoffmanufaktur in Pliening, gespendet. "Erst mal stehen ab jetzt in jeder Klasse fünf Decken zur Verfügung. Die Schüler konnten sich freiwillig melden, wenn sie eine Decke wollten. Die einzigen Regeln, die sie einhalten müssen, sind, dass sie die Decken regelmäßig waschen und nicht untereinander teilen. Wir probieren jetzt mal aus, wie das so funktioniert", sagt die Schulleiterin der Anni-Pickert-Grund- und Mittelschule, Eva Guerin. Generell dürfen die Schüler auch Decken von zu Hause mitnehmen, aber diese Anfrage gab es noch nie. Außerdem dürften die Schüler auch immer ihre Jacken anbehalten, wenn sie frieren, so Guerin.

Dem Staatlichen Schulamt im Landkreis Ebersberg liegen darüber hinaus keine Anfragen für Decken, Heizlüfter oder Heizpilze für die Schulen im Landkreis vor. Schriftlich teilt die Schulamtsdirektorin, Sigrid Binder, außerdem mit, dass alle Schulen im Landkreis ihre Fenster in den Klassenräumen öffnen könnten. Somit sei die im aktuell gültigen Rahmenhygieneplan vorgeschriebene regelmäßige Stoßlüftung in allen Schulen möglich und auch Lüftungsanlagen seien demnach nicht nötig.

Dennoch wollen viele Gemeindepolitiker nun auf Nummer sicher gehen und dennoch Lüftungsgeräte anschaffen. Unter anderem in Poing und Zorneding gibt es hierfür bereits Beschlüsse, auch in anderen Gemeinden steht das Thema auf der Tagesordnung.

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Quelle:
SZ vom 20.11.2020
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