Gymnasium KirchseeonPolitik zum Anfassen

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Mathilda Grünthaler (links) bei der KAMUN (MUN-Konferenz in Karlsruhe) vergangenen November. Mit dabei ihre Gruppenleiter Vesselina Sadovska (Mitte), Beatriz Santos Mayo (rechts) und Felix Reiland (hinten).
Mathilda Grünthaler (links) bei der KAMUN (MUN-Konferenz in Karlsruhe) vergangenen November. Mit dabei ihre Gruppenleiter Vesselina Sadovska (Mitte), Beatriz Santos Mayo (rechts) und Felix Reiland (hinten). privat

Einmal mitreden können bei den ganz großen Fragen der Weltpolitik – das ermöglichen MUN-Planspiele Jugendlichen ab 15 Jahren sowie jungen Erwachsenen weltweit. Eine Lehrerin und zwei Schülerinnen des Gymnasiums Kirchseeon berichten.

Von Paulina Weltin, Kirchseeon

Während die Entscheidungen vieler Gemeinderäte direkt das tägliche Leben in den Gemeinden beeinflussen, scheint der internationale Verhandlungstisch für die meisten unerreichbar. MUN-Konferenzen bringen diesen Abstand jedoch zum Schwinden: In Planspielen haben Schülerinnen und Schüler sowie junge Erwachsene die Möglichkeit, selbst als Diplomaten an globalen Diskussionen teilzunehmen.

MUN steht für „Model United Nations“ – eine Simulation von UN-Konferenzen, die es Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 21 Jahren ermöglicht, in die Weltpolitik einzutauchen. Zumindest in einer simulierten Form. Jedes Wochenende finden weltweit solche Konferenzen statt. Luisa Vormelker, 17 Jahre, und Mathilda Grünthaler, 15 Jahre, haben bereits mehrfach an MUN-Konferenzen teilgenommen.

Kristina Wiese, Lehrerin am Gymnasium Kirchseeon, hat das Projekt an ihrer Schule ins Rollen gebracht: Seit dem Schuljahr 2023/24 bietet sie einen MUN-Wahlkurs an, in dem sich Schülerinnen und Schüler intensiv auf die Konferenzen vorbereiten – inklusive gemeinsamer Reisen zu den Veranstaltungen.

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Die Jugendlichen verhandeln bei den Konferenzen aktuelle politische Themen, immer auf Englisch natürlich. Dabei vertreten sie unterschiedliche Länder nach dem Zufallsprinzip in verschiedenen Gremien, wie dem Sicherheitsrat, der Generalversammlung oder dem Wirtschafts- und Sozialrat. Es geht darum, das jeweilige Land möglichst glaubwürdig zu repräsentieren und mit anderen eine Allianz zu gründen. Über mehrere Tage hinweg arbeiten sie in Teams, diskutieren, entwickeln Lösungsvorschläge und bringen schließlich eigene Resolutionen ein.

„Schade daran ist nur, dass die Resolutionen nicht wirklich bei den UN auf dem Tisch landen“, merkt Kristina Wiese an.

Etwa vier Wochen vor Beginn erhalten die Teilnehmenden einen sogenannten Study Guide, ein 15- bis 30-seitiger Überblick zum jeweiligen Thema, wie Wiese weiter sagt. Danach beginnt die Recherche: Wie steht das eigene Land zur Debattenfrage? Wer sind mögliche Partner? Dann wird das Position Paper verfasst, eine einseitige Zusammenfassung der Landesposition – die besten werden ausgezeichnet.

Mathilda erhielt die Auszeichnung für das Best Position Paper bei ihrer allerersten Konferenz in Karlsruhe. „Ich hatte totale Selbstzweifel, weil mein Englisch nicht so gut ist. Mit einem Award habe ich überhaupt nicht gerechnet“, erzählt sie. Der Erfolg habe ihr viel Selbstbewusstsein gegeben: „Das war voll der Boost.“ Und in ihrem Englisch sei sie dadurch auch sicherer geworden: „Wenn ich jetzt einen Text auf Englisch schreiben muss, dann denke ich mir: Ich habe ja mal einen Preis dafür gewonnen.“

Mathilda Grünthaler hat den Award für das „Best Position Paper“ in Karlsruhe gewonnen.
Mathilda Grünthaler hat den Award für das „Best Position Paper“ in Karlsruhe gewonnen. privat

Neben dem Best Position Paper gibt es noch andere Awards, der renommierteste: Best Delegate. Dieser geht an Teilnehmende, die in der Debatte durch starke Argumente, überzeugende Reden und gute Ideen herausragen. Luisa hat diesen Preis bereits dreimal gewonnen.

Ein besonderes Highlight war für Luisa die Teilnahme an der „Yale MUN“ in Genf im März dieses Jahres – ermöglicht durch ein Stipendium. „Für mich war das ein riesiges Ding“, erzählt sie. Im Rahmen des Stipendiums sei sie zum ersten Mal allein zu einer Konferenz gereist, ohne Lehrerin oder Gruppe, eine ganz neue Erfahrung. Mit mehr als 200 Personen in der Generalversammlung sei die Konferenz beeindruckender gewesen als alles, was sie bisher erlebt habe. Umso größer die Freude, als sie erneut zur Best Delegate gekürt wurde: „Das war so ein Erfolgserlebnis. Am Anfang hätte ich nicht mal gedacht, dass ich überhaupt eine Chance habe.“

Luisa Vormelker wurde in Genf zur „Best Delegate“ ernannt.
Luisa Vormelker wurde in Genf zur „Best Delegate“ ernannt. privat

Lehrerin Kristina Wiese ist überzeugt von der Wirkung der Konferenzen: „Auch wenn sie keinen Preis mitbringen – wenn die Schüler nach den drei Tagen wieder nach Hause kommen, sind sie um mindestens zehn Zentimeter gewachsen.“

„Politik zum Anfassen“ nennt die Lehrerin das. Die Jugendlichen erleben hautnah, wie schwierig politische Entscheidungsprozesse wirklich sind. „Die da oben“, sagt Wiese, „haben es eben nicht leicht, sie müssen Kompromisse eingehen, oft viel aufgeben, um überhaupt etwas zu bewegen. Politik ist unglaublich träge.“

Auch Luisa hat durch MUN ihren Blick auf Politik grundlegend verändert. Früher habe sie eher ungeduldig gedacht: „Ja trefft halt eine Entscheidung, so schwer ist das doch nicht.“ Und jetzt: „Wenn man selbst drei Tage verhandelt und merkt, es funktioniert einfach nicht, weil es so viele unterschiedliche Meinungen gibt, entwickelt man Empathie für Politiker.“

„Die größte Hürde ist oft, dass man sich nicht traut“, sagt Luisa und rät, es trotzdem einfach mal auzuprobieren

Aktuell bereitet der Wahlkurs eine eigene Mini-MUN vor. Das Thema: geschlechtsspezifische Gewalt und Femizide (also gezielte Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts, Anm. d. Rd.). Nach den Pfingstferien wird dazu in der Schule debattiert, Luisa übernimmt die Rolle Indiens, Mathilda vertritt Brasilien. Lehrerin Wiese leitet das Projekt, im Kurs simuliert sie regelmäßig mit den Jugendlichen Debatten und führt spontane Rede- und Argumentationsübungen durch. Denn auf den Konferenzen passiert dann doch das meiste spontan durch Interaktion. Die eigentliche inhaltliche Vorbereitung findet größtenteils zu Hause statt.

Luisa hat einen wertvollen Tipp für alle, die mit MUN starten möchten: „Probiert es einfach aus. Die größte Hürde ist oft, dass man sich nicht traut.“ Sie selbst habe bei ihrer ersten Konferenz auch Herzrasen gehabt, aber man versuche immer respektvoll miteinander umzugehen und Fehler gehören dazu.„Danach fühlt sich ein Test oder ein Referat viel weniger schwer an.“

Mathilda und Luisa (von links) in ihrer Schule in Kirchseeon.
Mathilda und Luisa (von links) in ihrer Schule in Kirchseeon. privat

Auch für die Zukunft haben Luisa und Mathilda schon genaue Pläne. Luisa möchte Jura und internationales Recht studieren, „um Menschen zu helfen und in eine Position zu kommen, in der ich die Macht habe das Leben von Frauen und Kindern zu verbessern“, wie sie sagt – ganz wie ihr großes Vorbild, die britisch-libanesische Rechtsanwältin Amal Clooney: Sie ist unter anderem auf Menschenrechte und Internationales Recht spezialisiert.

Mathilda erwägt eine politische Karriere. Sie erzählt, dass sie seit ihrer Kindheit von Malala inspiriert sei, heute bewundere sie Heidi Reichinnek von der Linken „für ihre klare Haltung“. Besonders am Herzen liegt ihr die Flüchtlingsarbeit, wie sie sagt: „Es macht mich traurig, wie Geflüchtete aktuell in den Medien negativ dargestellt werden.“ Sie kenne viele, die alles verloren haben und sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen möchten. „Ich möchte dazu beitragen, dass Geflüchtete nicht polarisiert werden.“

Weitere Infos zu den Konferenzen sowie eine Möglichkeit, sich anzumelden, gibt es online unter www.mymun.com.

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