Schreiben für freien Eintritt Feuilleton der Freaks

Schreiben für freien Eintritt: Ludwig Stadler aus Markt Schwaben liebt kulturelle Veranstaltungen aller Art.

(Foto: Christian Endt)

Der 21-jährige Student Ludwig Stadler aus Markt Schwaben hat ein nicht kommerzielles Online-Kultur-Magazin gegründet

Von Victor Sattler, Markt Schwaben

Bea ist gerade mal 18 Jahre alt, liebt aber klassische Konzerte und schreibt bereits "krasse Kritiken" über diese, lobt ihr Chef. Markus hingegen, ein 42-jähriger Polizist, habe sich längst nicht mehr in der Rolle des Rezensenten sehen können, folgt aber nun mit seinem Theater-Studium doch dieser heimlichen Sehnsucht - und kann nach Vorlesungsschluss den gelernten Stoff in Worte gießen. Bea und Markus sind also nicht gerade die typischen Gesichter für ein Feuilleton, aber die beiden haben etwas gemeinsam: "Das sind Leute, denen es widerstrebt, zu Hause zu versauern", erklärt ihr Chef Ludwig Stadler aus Markt schwaben, "die haben einfach einen richtigen Schreibe-Schwall in sich, den sie loswerden müssen, weil sie sonst ohne Ende ihre Freunde zutexten würden."

Solch leidenschaftliche Kultur-Freaks, 20 an der Zahl, plus fünf freie Autoren, konnte Stadler, der selbst noch Student ist, dazu überreden, dass sie seine Website mit Texten über das Münchner Kulturleben füllen. Sie machen das alle für lau und in ihrer knappen Freizeit. Knapp ein Jahr, nachdem "Kultur in München" online ging, läuft das Geschäft mittlerweile wie geschmiert: Freier Eintritt in Kulturhäuser, im Tausch gegen die Publicity für die Veranstalter. Von Kultur allein kann der Mensch zwar nicht leben, aber die Hobby-Journalisten von "Kultur in München" machen dem Gewerbe des Schreibens allein mit ihrer großen Leidenschaft alle Ehre.

Wenn heuer zum ersten Mal Werbeanzeigen auf der Website auftauchen, dann nicht, wie man meinen könnte, um Profit daraus zu schlagen. Nur schweren Herzens geht Stadler diesen Schritt - und auch nur, um die anfallenden Kosten zu decken und auf eine schwarze Null zu kommen. Außerdem hat der 21-jährige Magazin-Gründer den guten Vorsatz gefasst, sich selbst ein wenig zu entlasten: Er leistete bisher als Leiter eine 70-Stunden-Woche. Nun möchte er Aufgaben wie Social Media (das Magazin hat eine Facebook- und Instagram-Seite), Marketing oder die Bildredaktion an seine treuen Helfer delegieren. Drei weitere Leute werden das Lektorat bilden und alle Texte gegenlesen, ein letzter muss sich außerdem um die eintrudelnden Anfragen kümmern; bisweilen kann es nämlich vorkommen, dass verirrte Reisegruppen das Magazin als hiesiges Informationsbüro für den Münchner-Kultur-Dschungel benutzen, weil es ihnen auf Google weit oben angezeigt wird. Tja, dann hilft Stadler natürlich diesen Fans, an ihr Ziel zu gelangen, was auch sonst? Wie könnte er jemanden im Stich lassen, der gerne ein Konzert besuchen will?

Stadler selbst war als Rezensent auf etwa hundert Konzerten unterwegs (er zählt fleißig mit), hat Robbie Williams, Iron Maiden, die Toten Hosen, Helene Fischer und Roger Waters gesehen. Durch die Arbeit in seiner eigenen Akustik-Band Shots kenne er sich zum Beispiel besser mit der Mischung des Bühnensounds aus als der Durchschnittsbürger. Aber mit Musik allein gibt Stadler sich nicht zufrieden: "Kultur in München" soll keine Genregrenzen kennen, es geht für die Journalisten mal in Lesungen, mal ins Varieté oder Kabarett, sogar in Zaubershows. Es geht dorthin, wo es Stadler gerade lockt und sich eine Chance ergibt. Ein Interview mit Residenztheater-Star Franz Pätzold wurde von fünf bunten Ortswechseln unterbrochen und führte bis unter einen kleinen, kuschligen Regenschirm auf dem Max-Joseph-Platz. Ludwig Stadler will den Künstlern aber nicht aus Eitelkeit nahekommen, das wird deutlich. Er will eher wissen, was sie lesen und gelesen haben, für welches politische oder gesellschaftliche Ziel sie brennen und ob sie ein bisschen so ticken wie er. "Journalismus ist der abwechslungsreichste Job der Welt", sagt er glücklich. Circa 1400 Leser kämen täglich auf die Website, ein Drittel von ihnen habe die URL zielsicher in die Adresszeile des Browsers getippt, wurde also nicht über Facebook geködert. Manche Münchner Regisseure melden sich sogar auf eine Kritik hin mit positivem oder negativem Feedback. Und selbst die Branchen-Kollegen etablierter Medien wüssten mittlerweile, wer da sitzt - und dass er sich immer gern in ein Gespräch vertieft.

"Die Mathematik hinter dem Magazin ist einfach", erklärt Stadler, "entweder, ich könnte in einem Nebenjob arbeiten und würde letztlich doch mein ganzes Gehalt nur für Kulturveranstaltungen ausgeben. Oder ich drehe den Spieß einfach um und arbeite gleich auf den Veranstaltungen!" Auch für die kommenden Jahre meldet Ludwig Stadler keinerlei Pläne an, das Magazin je zu kommerzialisieren oder seine Schreiberlinge zu bezahlen. Der Journalismus sei in der Krise? Von wegen... Bei "Kultur in München" sieht die Welt doch ganz rosig aus.