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Schneckenjagd im Garten:Rent an Ent'

Mission: Schneckenjagd. Andrea Halbwirth verleiht ihre Laufenten zur Schädlingsbekämpfung an Gartenbesitzer.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)
  • Andrea Halbwirth aus Untereichhofen vermietet indische Laufenten, um in Gärten Schnecken zu beseitigen.
  • 28 Laufenten beherbergt sie auf ihrem Hof. Pro Ente müssen 15 Euro Kaution hinterlegt werden, die Mietgebühr liegt pro Entenpaar bei zehn Euro pro Woche. Wer einen ganzen Monat bucht, zahlt 30 Euro.

Von Carolin Fries, Aßling

In den Gärten herrscht Krieg, erbarmungsloser Krieg. Mensch gegen Schnecke lautet der Titel der vielen täglich geführten Schlachten dieses noch jungen Sommers. Heuer ist es besonders schlimm, das bestätigen Kleingärtner landauf, landab. Sie selbst haben freilich nichts zu befürchten, sie verteidigen lediglich ihre grünen Schützlinge. Denn der junge Salat, der zarte Kohlrabi, die gebrechlichen Sonnenblumen - sie können sich ja nicht wehren gegen die schleimigen Mistviecher.

Wer die Schlachtfelder dieses Krieges nie gesehen hat, kann sich nicht vorstellen, wie viel Grün eine Schnecke binnen weniger Stunden zu fressen imstande ist. Und erst recht nicht, wie es einem Kleingärtner geht, der von seinem sorgsam auf dem Fensterbrett gezogenen Sonnenblümchen nach einer regnerischen Nacht nur mehr ein dürres, von Schleimspuren überzogenes Stängelchen gen Himmel ragen sieht.

Abends watscheln sie in einen Holzstall.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

"Meine Töchter haben das mit dem Geflügel genauso im Blut wie ich"

"Ich bin mit den Schnecken nimmer fertig geworden", erzählt Karolina Demmel. Rund um den Bauernhof der 60-Jährigen in Untereichhofen, der hier Seppnhof heißt, wächst und blüht es, dass es eine Freude ist. Mit Schnecken hat sie kein Problem mehr, seit sie sich vor etwa 30 Jahren indische Laufenten zugelegt hat. Inzwischen sind es so viele, dass ihre Tochter beschloss, die langhalsigen Tiere auf Nachfrage zu verleihen: Rent an Ent'. "Mach!", sagte die Mutter nur, als Andrea Halbwirth sie im Urlaub anrief und von ihrer Idee berichtete. "Meine Töchter haben das mit dem Geflügel genauso im Blut wie ich", sagt Karolina Demmel und lacht. Sie selbst ist mit Enten in Moosach am Doblbach aufgewachsen. Andrea Halbwirth ging noch zur Grundschule, als die ersten Enten schnatternd über den Hof in Untereichhofen liefen.

Im Radio hatte die Rechtsanwaltsfachangestellte damals einen Bericht über einen Entenverleih in Österreich gehört. Seit der Hofübergabe 2008 arbeitet sie selbständig von zu Hause aus, um sich um die Enten, Hühner, Hasen, Katzen und Schafe kümmern zu können. "So kriege ich immer mit, was los ist", sagt die blond gelockte Frau.

Andrea Halbwirth (links) mit ihrer Mutter Karolina Demmel.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Mission: Schnecken sammeln

Und es ist eine Menge los: 28 Laufenten aus drei Generationen watscheln rund um den 108 Jahre alten Nussbaum über den Rasen, die jüngsten sind gerade einmal ein paar Wochen alt. Der Besuch kommt den Muttertieren höchst ungelegen, sie schnattern und flattern aufgeregt, um den Nachwuchs zu warnen. Jeden Morgen ziehen sie aufrechten Ganges los, die Hälse lang gestreckt. Ihre Mission: Schnecken sammeln. Sie packen die schleimigen Viecher in ihre Schnäbel und Hälse, bis nichts mehr hineinpasst und spülen die Ladung dann mit Wasser runter. "Darum brauchen sie immer Zugang zum Wasser", sagt Andrea Halbwirth. Andernfalls drohe der Erstickungstod.

Den ganzen Tag sind sie unterwegs, "die halten das ganze Dorf schneckenfrei", sagt Halbwirth. Lediglich wenn es zu heiß wird, liegen sie faul im Schatten und warten - wie die Schnecken - auf den kühlen Abend. Außer diesen brauchen die Enten nur mehr Weizenkörner zum Fressen, die Halbwirth ihnen abends im Stall gibt. Denn dorthinein müssen sie mit Einbruch der Dunkelheit, sonst lauern Fuchs und Marder. "Bei Vollmond und Regen mögen sie nicht so gerne ins Bett", erzählt Andrea Halbwirth.

Die "Weibal" haben den Schnabel öfter offen

Sie hat nach dem Radiobericht und dem Einverständnis der Mutter 2008 eine Anzeige aufgeben. Schon am Telefon sprach der zuständige Bearbeiter laut Halbwirth von einer "Wahnsinnsidee". Wenige Tage später verlieh sie die ersten Pärchen nach Taglaching und Antholing. Sie verleiht immer Pärchen, wenn die Nachbarschaft die Ruhe schätzt gerne auch zwei Männchen, wie sie sagt, die "Weibal" hätten den Schnabel öfter offen. Bei Bedarf gibt es ein kleines Häuschen für die Nacht mit dazu. Pro Ente müssen 15 Euro Kaution hinterlegt werden, die Mietgebühr liegt pro Entenpaar bei zehn Euro pro Woche. Wer einen ganzen Monat bucht, zahlt 30 Euro.

Es melden sich fast ausschließlich Gartler bei Andrea Halbwirth, die sich Unterstützung im Kampf gegen die Schnecken holen. In Jahren mit wenigen Schnecken ruft kaum jemand an. "Heuer ist mehr los." Zehn Entenpärchen können dann schon mal auswärtig untergebracht sein. Wer Andrea Halbwirth um Hilfe bittet, sollte Tiere lieben und einen Garten mit Schnecken im Angebot haben. Selbstverständlich bespricht Andrea Halbwirth mit vermeintlichen Mietern, was zu beachten ist.

"Die Tiere müssen sich erst an ihre neue Umgebung gewöhnen"

Denn wer die Enten im Garten einfach laufen lässt, könnte Probleme bekommen. "Die Tiere müssen sich erst an ihre neue Umgebung gewöhnen", sagt Halbwirth, weshalb das Areal mit einem Zaun abgesteckt werden sollte. Am zweiten Tag darf das Gebiet schon ein bisschen größer sein, vom dritten Tag an sollten sie sich an Kinder, Traktoren oder Nachbarn gewöhnt haben. Dann kann man sie frei laufen lassen, sofern keine Gefahr in Form einer Straße oder Nachbars Hund besteht. "Sicherheitshalber sollte der Zaun aber immer geprüft werden", sagt Halbwirth.

Familie Halbwirth verleiht Enten für Schneckengeplagte Gartenbesitzer.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Nur selten erreichen sie Anrufe von aufgeregten Enten-Ausleihern, die sich keinen Rat mehr wissen. "Dann sitzen die Enten entweder nur im Teich oder sie wollen nicht mehr in den Stall", erzählt sie. Ihr Tipp: Ruhe bewahren - und den Teich abdecken. Dennoch kommen manche Enten, die Untereichhofen verlassen haben, nicht mehr zurück. "Es passiert immer wieder, dass die Leute die Enten nicht mehr hergeben wollen und dann abkaufen", berichtet Andrea Halbwirth.

So herrscht etwa in Sonnenhausen bei Glonn ein Eichhofener Entenpaar über eine kleine Teichinsel, und auch in Frauenneuharting watschelt ein verliebtes Duo durch einen kleinen Weiler. Wer Lust auf ein langhalsiges indisches Entenpaar bekommen hat: Aktuell ist der Nachwuchs noch zu klein, doch in ein bis zwei Wochen verleiht Andrea Halbwirth wieder die ersten Enten. Sie alle haben übrigens keinen Namen, denn bei aller Wertschätzung: Auf dem Seppnhof sind und bleiben die Enten Nutztiere, die früher oder später geschlachtet werden. Namen machen die Sache da nur kompliziert. "Aber wer will, kann sie gerne taufen", sagt Halbwirth mit einem Lächeln.

Andrea Halbwirth ist telefonisch unter (08092) 85 72 92 oder (01 72) 817 18 62 zu erreichen. Sie nimmt gerne Reservierungen entgegen.

© SZ vom 20.06.2015/lime

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