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Schmerzhafte Erinnerungen:Die Schreie der Ertrinkenden

Hans Fackler aus Glonn überlebte am 30. Januar 1945 den Untergang der Gustloff

Bücher helfen Fackler dabei, seine Erlebnisse einzuordnen.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Manche Narben sind offensichtbar. Und auch von ihnen trägt Hans Fackler genug. Unterm rechten Auge, auf dem rechten Unterarm, genau zwischen Elle und Speiche, rund um die gesamte Nasenspitze - noch heute kann man sehen, wo ihn vor beinahe sieben Jahrzehnten die Splitter einer Granate trafen. Andere Narben liegen verborgen. Sie sieht, hört und fühlt nur Hans Fackler.

Als am 30. Januar 1945, vor genau 68 Jahren, die "Wilhelm Gustloff" von einem russischen U-Boot vor der heute polnischen Ostseeküste versenkt wird, war Hans Fackler als verwundeter Soldat mit an Bord. Vermutlich 9000 Menschen kamen damals beim Untergang des Schiffs ums Leben. Dimensionen, die Fackler selbst lange nicht klar waren. Ein paar Jahre nach dem Krieg habe er gelesen, dass das Schiff als Kreuzfahrer für 1000 Passagiere konzipiert war. Dass sich, wie heute vermutet wird, tatsächlich über 10 000 Menschen an Bord drängten, die meisten von ihnen Zivilisten auf der Flucht vor der russischen Armee, wusste er nicht.

KDF-Schiff "Wilhelm Gustloff"

1937 vom Stapel gelaufen, 1945 versenkt: die Wilhelm Gustloff.

(Foto: SCHERL)

Die Verletzungen der Granate, die ihn in seinem letzten Gefecht trafen und ihn bis heute zeichnen, waren damals noch drei Tage frisch. Vieles aus dieser Nacht auf der Gustloff nimmt der damals 19-Jährige nur schemenhaft wahr, die Schmerzen und das Morphium dominieren sein Denken. "Den Einschlag der Torpedos habe ich gehört, aber ich habe mir keine Sorgen gemacht, " sagt er. Als dann Panik einsetzt und die Menschen zu den wenigen vorhandenen Rettungsbooten drängen, ist es letztlich Facklers Verletzung, die ihn rettet. Denn durch sie ist er als nicht registrierter Passagier direkt aufs oberste Deck gekommen, gleich neben den Booten.

Heute sieht Fackler von seinem Wohnzimmerfenster aus, wie die Sonne über Wald und Feldern untergeht. Seit 50 Jahren lebt der gebürtige Kemptener in Haslach in der Gemeinde Glonn. Die Geschichte von einem guten Freund, den er wecken möchte, nur um festzustellen, dass er nicht schläft, sondern mit einem Loch in der Stirn am Maschinengewehr lehnt; die Geschichte, wie die höchste Antenne auf dem Deck der Gustloff noch Stunden nach dem Untergang zwischen den Leichen aus dem Meer ragt - all dies scheint so wenig in Facklers heutige, ruhige Welt mit dem blau-weißen Kissen in Herzform, der hölzernen Eckbank und der bunt bemalten Heiligenstatue neben der Küchentür zu passen. Und doch werden diese Erinnerungen jetzt immer wichtiger. Jetzt, wo der ehemalige Uhrenhändler lange verrentet ist, die zwei Kinder selbst schon über 40 sind, kommen die Bilder zurück. 17 Jahre ist Fackler alt, als er in die Wehrmacht eingezogen wird. Jugoslawien, Ungarn, Russland: Seine Einheit ist immer direkt am Frontverlauf stationiert. Vor dem Frontverlauf, um genau zu sein. "Ich habe Minen verlegt", sagt Fackler nüchtern, "viele von uns, sind durch unsere eigenen Waffen umgekommen."

Einerseits, sagt er, sei der Untergang der Gustloff für ihn nur ein Schrecken unter vielen. Andererseits ist es das Ereignis, mit dem er sich heute am meisten beschäftigt. "Die ersten Jahre nach dem Krieg habe ich mit niemandem darüber gesprochen", erinnert er sich. In den ersten Monaten, erzählt er, sei es gewesen, als laufe in ihm der immer gleiche Film ab. Wie er vom Rettungsboot aus die Schreie der Ertrinkenden hört, wie das Wasser um ihn herum voller Menschen ist. Und wie nach wenigen Minuten völlige Stille einkehrt: In dem eiskalten Wasser konnte niemand lange überleben. "Ich bin dankbar, dass ich diese Schreie heute nicht mehr höre", sagt er. Heute will er einfach mehr darüber herausfinden, was er damals eigentlich erlebt hat. Als 1959 "Nacht fiel über Gotenhafen", der erste Spielfilm über den Untergang der Gustloff, in die Kinos kommt, war das für Fackler zunächst überraschend: "Als andere begannen, meine Geschichte zu erzählen, da habe ich selber auch angefangen, mir mehr Gedanken zu machen." Ein Buch solle er schreiben, sagen seine Freunde. Das sei ganz schön schwierig, sagt Fackler. Doch immerhin zu drei Seiten hat er sich gezwungen. Drei Seiten, auf denen er beschreibt, wie ihn ein Sanitäter vom Schlachtfeld rettet, ihn mit einem Pferdeschlitten in einer Kirche in Sicherheit bringt. Wie er dort schwer verwundet am Altar liegt, während die anwesenden Offiziere über weitere Angriffe beraten. Wie er in eine kleine Holzbaracke an der Küste gebracht wird. Fünf verletzte Soldaten liegen am Abend in der Hütte, am nächsten Morgen wachen nur drei von ihnen wieder auf. Er ist einer von ihnen. Wie er heimlich über einen Flaschenzug auf das Schiff gehievt wird. Wie er sich schließlich zu einem der Rettungsboote schleppen kann. Drei Seiten, die von einem einzelnen Menschen erzählen, der viel Glück gehabt hat, und von tausenden anderen, die direkt neben ihm starben.