Ebersberg Wütende Pendler äußern Unmut über die S-Bahn

Vor allem die vielen Verspätungen erzürnten die Bürger beim Gespräch mit Bahnvertretern.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Ausfälle, Verspätungen, schlechte Kommunikation: Beim Bürgerdialog in Ebersberg versuchen die Chefs von MVV und S-Bahn, die Wogen zu glätten.

Von Valentin Tischer, Ebersberg

"Na, das passt ja", kommentiert Landrat Robert Niedergesäß, dass der Bürgerdialog mit dem Vertretern des MVV und der S-Bahn München erst mit sieben Minuten Verspätung anfangen kann. Ironischerweise kommt die S-Bahn mit deren Geschäftsführer Heiko Büttner und dem Chef des MVV, Bernd Rosenbusch, nicht wie vorgesehen in Ebersberg an. Wofür sie einige spöttische Kommentare aus dem Publikum ernten.

An Redebedarf fehlt es den rund 150 Bürgern, die am Dienstagabend in den Sparkassensaal gekommen sind, nicht. Gerade auch wegen der Einschränkungen zwischen Trudering und Zorneding tauschen im Vorfeld der Veranstaltung viele Anwesende Geschichten über die alltägliche Pendelei aus. Manche begrüßen einander auch mit: "Hallo Herr Leidgeplagter". Die Stimmung ist hitzig und gereizt.

Baustellen für eine bessere Bahn

"Bauen für eine bessere Bahn" - unter diesem Slogan fasst die Deutsche Bahn die derzeitigen Einschränkungen auf ihren Strecken zwischen München, Rosenheim und Wasserburg zusammen. Für die Pendler, die sowieso schon wegen ungeplanter Verspätungen geplagt sind, ist dieser Umstand ein zusätzliches Leid. Um sich nicht noch mehr Zorn zuzuziehen, schreibt die Bahn auf ihrer Webseite, warum es zu Fahrplanänderungen und Ausfällen kommt und verkündet, dass das Unternehmen 3,5 Millionen Euro in das Schienennetz investiert. Bereits seit vergangenen Freitag und noch bis Donnerstag, 4. April, werden zwischen Trudering und Zorneding auf einer Länge von 3,6 Kilometern Schienen, Schwellen und Schotter ausgetauscht.

Gebaut wird laut Bahn auf einem Fernbahngleis, das normalerweise von den Fern-, Regional- und Güterzügen befahren wird. Diese Züge werden über das jeweils andere Gleis geführt, auch über die Gleise der S-Bahn. Und deswegen kommt es zu den Einschränkungen. Wie die Bahn mitteilt, wendet die S4, die sonst werktags als Taktverstärker über Trudering bis Zorneding, Grafing und Ebersberg fährt, bis auf wenige Ausnahmen während der Bauarbeiten jeweils in Trudering. Normal verkehrt die Linie S 6 - teilweise jedoch zu anderen Zeiten. Pendler zwischen Grafing und Ebersberg müssen sich vor allem zwischen 7 und 8.30 Uhr auf Änderungen einstellen. Die Fahrpläne sind hier zu finden. Unbedingt auf die Webseite schauen sollten Kunden des Meridian aus Aßling, Ostermünchen und Großkarolinenfeld. Laut dem Unternehmen können diese Bahnhöfe nicht planmäßig bedient werden.

Auch in Grafing Bahnhof erschweren Bauarbeiten das Reisen. Pendler müssen wissen, dass deswegen der Bahnsteig für die aus München kommenden Meridianzüge zu kurz ist. Wer in Grafing aussteigen möchte, muss bei einigen Verbindungen in den vorderen Zugteil einsteigen. lela

Am Anfang steht die Information der Anwesenden im Vordergrund. Landrat Niedergesäß nimmt die Veranstaltung zum Anlass, einige Fortschritte herauszustellen, etwa zum überarbeiteten Tarifsystem für den Landkreis, das zum nächsten Fahrplanwechsel in Kraft treten soll. Auch bestätigt der Landrat, dass es Bestrebungen gebe, das Nadelöhr zwischen Grafing Bahnhof und Ebersberg mit Ausweichgleisen auszubauen. Dass der Termin für den Dialog mit dem der Baustelle zusammenfällt, sei Zufall, sagt Niedergesäß. "Ich selbst wusste davon auch nichts."

Die Vertreter der beiden Nahverkehrsunternehmen versuchen ebenfalls, dem Publikum die Herausforderungen und Probleme, mit denen sie sich konfrontiert sehen, zu erklären. Beide halten zu Beginn eine Präsentation und beide Geschäftsführer sagen einhellig, dass die Infrastruktur den Anforderungen nicht mehr gewachsen sei. "Das Netz muss saniert werden", sagt Bernd Rosenbusch vom MVV. "Es werden viele Neubaustrecken gebaut, aber jetzt ist es auch mal gut. Das Geld des Bundes muss in die regionalen Strecken gesteckt werden."

Die Verantwortung für die Netzinfrastruktur liegt bei Bund und Bahn

Heiko Büttner von der S-Bahn München geht in eine ähnliche Richtung. "Zu meinem Amtsantritt wurde ich gefragt, ob ich den Beschluss zum Bau der zweiten Stammstrecke als Antrittsgeschenk empfinde. Ich habe Nein gesagt. Viel lieber wäre es mir gewesen, wenn wir zu meinem Antritt die Strecke in Betrieb genommen hätten." Sowohl er als auch Rosenbusch werden nicht müde zu betonen, dass die Verantwortung für die Netzinfrastruktur beim Bund und bei der Bahn liegt. Sie könnten gegen netzbedingte Verspätungen und Ausfälle nur wenig tun und versuchen, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen. So lassen sich ihre Aussagen zu diesem Thema zusammenfassen.

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Beim zweiten großen Thema sind sich alle im Saal einig. Das Informationsmanagement lässt - nett formuliert - zu wünschen übrig. "Es ist nicht akzeptabel, dass wir im Jahr 2019 nicht in Echtzeit über Störungen informieren können", sagt Büttner. Er sei auch angetreten, dies zu ändern. Vom Saal bekommt er für diese Aussage einen größeren Applaus. Passend dazu hatte zuvor ein Fehler in der Datenverbreitung bei der Bahn dazu geführt, dass die Navigator-App der S-Bahn anzeigte, dass zwischen sieben und acht Uhr am folgenden Tag in Vaterstetten keine Bahn halten würde.

Die Liste der Themen, die im Dialog zwischen den Bürgern und den ÖPNV-Verantwortlichen diskutiert werden, ist lang. Mehr als drei Stunden dauert die Veranstaltung, mehr als zwei Stunden lang werden Fragen gestellt und beantwortet. Mehr als 20 verschiedene Themen werden angesprochen.

In einer sehr aufgebrachten Rede fordert Christoph Wacker aus Eglharting, dass Fahrgäste, die Stammkunden sind und mehrere Tausend Euro für S-Bahn-Tickets im Jahr ausgeben, für Verspätungen entschädigt werden sollten. Ein Vorschlag der viel Zuspruch im Publikum erfährt. Nicht so bei Rosenbusch und Büttner. Rosenbusch erklärt, dass Entschädigungen schon an den Freistaat gezahlt würden, der diese wiederum in Pünktlichkeitsprojekte investiere.

Ein großes Streitthema, das viele Bürger zu hämischem Lachen bewegt und Heiko Büttner etwas ratlos auf seinem Stuhl zurücklässt, ist die Pünktlichkeitsmessung der S-Bahn. Auf Nachfrage erklärt Büttner, dass der Fokus vor allem auf der Stammstrecke liege, dass Züge erst mit sechs Minuten Verspätung in die Statistik einfließen und ausgefallene Züge nicht als Verspätungen gezählt würden. Damit stößt er im Saal auf großes Unverständnis; mehrmals muss er sich den Vorwurf der Schönung anhören.

Keine Senioreneinzelfahrten, dafür Wlan in Zügen

Abseits von den großen Themen "Preise, Kommunikation und Verspätungen" werden auch einige speziellere Dinge diskutiert. So fragt Thomas John, Vorsitzender des Seniorenbeirats Ebersberg, nach ermäßigten Tickets für Senioren. Bernd Rosenbusch verweist auf die spezielle IsarCard, Senioreneinzelfahrten seien nicht angedacht. Omid Atai, Gemeinderat aus Poing, fragt, ob es geplant sei, Wlan in S-Bahnen einzuführen. Was Heiko Büttner bejaht. Ein Testzug existiere schon, so der Vertreter der S-Bahn.

Mehrere Wortmeldungen gibt es auch zum Thema Behindertengerechtigkeit. Eine sehbeeinträchtigte Ebersbergerin beschwert sich, dass die S-Bahnen nicht mehr auf ihren Frontanzeigen farbig unterschieden werden können, die S 6 in Grün und die S 4 in Rot. Büttner verweist darauf, dass dies das Eisenbahnbundesamt verboten habe, aus Furcht die Anzeigen könnten mit Signalen verwechselt werden.

Die beiden ÖPNV-Geschäftsführer zeigen sich zufrieden mit dem Abend in Ebersberg. "Die Diskussion war zu 99 Prozent fair gewesen. Wir haben alle etwas mitgenommen", sagt Bernd Rosenbusch. Ähnlich äußert sich auch Heiko Büttner: "Vor Ort zu hören, wo der Schuh drückt, was nicht gut läuft, wo wir besser werden müssen, hält uns den Spiegel vor. Als zentrales Thema habe ich mitgenommen, dass die Fahrgastinformation besser werden muss."

Landrat Robert Niedergesäß ist ebenfalls mit der Veranstaltung zufrieden und lässt verlauten, dass sie in Zukunft wiederholt werden wird. Die Stimmung der anwesenden Bürger ist nach der Veranstaltung aufgehellt, die Gesichter sind nicht mehr so ernst. Aber viele sagen, dass sie nur hoffen können, dass sich bald etwas verbessert.

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