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Rundgang durch Markt Schwaben:Futter für Auge und Seele

Zwanzig abwechslungsreiche Stationen in Schaufenstern, Street-Art-Painting und eine Holzskulptur: Beim Kunstpfad Markt Schwaben ist viel geboten.

Von Michaela Pelz

In die Betrachtung von Kunst versinken? Das ist derzeit entweder ausschließlich virtuell, sowie mancherorts nur nach Buchung eines Zeitfensters und mit negativem Corona-Test möglich. Nicht so in Markt Schwaben. Seit Ende Februar gibt es dank einer Initiative von Kulturpädagogin Anja Birnkraut und Bürgermeister Michael Stolze in der Marktgemeinde ein Angebot, das sich sehen lassen kann: Auf einer Strecke von geschätzt rund zwei Kilometern finden sich an zwanzig Stationen in zahlreichen Schaufenstern von Geschäften und Organisationen die Arbeiten örtlicher Künstlerinnen und Künstler.

An diesem Samstag gibt es überdies noch zwei Sonderaktionen: Rebecca Winhart bannt bei ihrem Street-Art-Live-Painting farbenfrohe und überwältigend lebensechte Motive aus dem Märchen "Der goldene Vogel" auf Teile des Bauzauns der Schulbaustelle. Stefan Pillokat wiederum zeigt dem staunenden Publikum, was passiert, wenn ein Holz-Künstler zwei Stunden lang eine 2,5 Kilo schwere Baumpflegesäge schwingt.

Dann wird nämlich aus einem Pappel-Klotz, "ausg'schaut im Schwabener Moos", ein Gebilde mit fünf filigranen Säulen. Scherzhaft tauft es der Mann im leuchtend orangenen Fleecepulli deswegen auf den Namen "Heilige Fünffaltigkeit", bevor er lachend ergänzt: "Vielleicht kauft's ja der Pfarrer!" Fertig sei das Werk natürlich noch nicht - "so eine Arbeit kann auch mal 30, 40 Stunden dauern". Als der Markt Schwabener erklärt, daher froh zu sein, nicht von der Holzkunst leben zu müssen, ist von Heiterkeit allerdings nichts mehr zu spüren: Bis vor der Pandemie konnte der gelernte Flugzeugmechaniker seine Familie als "Clown Pippo" gut ernähren, nun musste er sich einen Job in der Industrie suchen. Dennoch, so ist zu vermuten, wird Pillokat all seinen Ausdrucksformen treu bleiben - umso mehr, da der "Kunstpfad" zu einer neuen Vernetzung der örtlichen Szene geführt und man den einen oder anderen kennengelernt habe, "von dem man gar nicht wusste, dass es ihn gibt!"

Auf Rebecca Winhart trifft das nicht zu. Sie ist eher eine "alte Bekannte" - obwohl man die zierliche 30-Jährige, die ihr Sprayer-Zubehör vor der Wand gegenüber der Realschule aufgebaut hat, selbst für eine Schülerin halten könnte. Für das Märchen der Gebrüder Grimm hat sie sich deshalb entschieden, weil es "so gut in diese Zeit mit ihren Hindernissen passt: Man muss die Zufriedenheit in sich selbst finden, dann kann man auch mit dem Äußeren besser umgehen." Neben ihren eigenen Flächen hat die für ihre ausdrucksvollen Frauenporträts bekannte Malerin spontan eine "Ausprobierwand" ins Leben gerufen - für die vielen begeisterten Kinder, die sich einfanden, als sie am Vortag mit den Bildern von Käfig, Fuchs und Prinzessin begonnen hatte. Eine solche Initialzündung ist ganz im Sinne der Stadt: Der Bürgermeister will die zahlreichen Bauzaun-Segmente nicht nur für Schulprojekte zur Verfügung stellen, sondern allen Gestaltungswilligen, die sich im Rathaus oder Jugendzentrum melden. Und noch einen willkommenen Effekt hat Winharts Werk, wie sie später bei einer dampfenden Tasse Tee erzählt, gespendet von einer freundlichen Frau: "Die Resonanz der Leute! Sie finden die Bilder nicht nur schön, sondern erzählen mir sehr persönliche Geschichten, weil das Gemalte etwas mit ihnen macht."

Auch andere Werke regen zum Nachdenken an - wie die Skulpturen von Maria Heller (Station 5) oder Bernhard Winters poetische Texte, perfekt ergänzt von Miri Haddicks wunderbaren Zeichnungen (Station 5b). Manchmal wird man neugierig und will direkt mehr wissen: Etwa beim Betrachten eines Pouringbilds mit Zusatzelement in Kinderschrift "An Mama" und der Frage "Wo bist du Anna Kathrin?" (Station 10). Künstlerin Irène Scheutzow berichtet, dass sie damit die coronabedingte Trennung von ihrer Tochter verarbeitet hat, die in der Schweiz lebt - und die sie nebst Enkeln zum Glück bald wiedersehen wird.

Vor manchen Fenstern lacht man laut auf - etwa beim Anblick der frech-fröhlichen Meerjungfrauen von Lara Tomson direkt neben den Schiesser-Unterhosen (Station 6). Oder man freut sich einfach über die bunte Vielfalt wie etwa bei den Ornamenten der langen "Kunststöckchen" von Josefine Breitenbach (Station 7). Auch nach Venedig kann man sich entführen lassen - mit den verfremdeten Fotos von Günter Keil (Station 2b). Das Spektrum der Werke ist riesig, manchmal gibt es obendrein Details zur Technik oder weiterführende QR-Codes.

Am Ende hat man für die bereichernden Treffen mit den Kunstschaffenden und die Betrachtung sämtlicher Exponate zwar deutlich länger gebraucht als die Markt Schwabenerin Monika Steudel, erklärter Fan der Skulpturen von Bruno Kukla, die erzählt, sie sei alle Stationen bei früherer Gelegenheit in etwa einer Stunde abgegangen. Doch der Weg hat sich unbedingt gelohnt. Wie gut also, dass der Bürgermeister ankündigt, durch den gerade gegründeten Aktivkreis "Kunst und Kultur" dafür sorgen zu wollen, "dass die Flamme weiterbrennt", und er sich sogar (später dann) eine Kombination mit Open-Air-Events inklusive Musik und Kulinarik vorstellen kann. Das aktuelle Angebot gilt erst einmal bis zum 6. Juni. Es ist attraktiv sowie für alle live und rund um die Uhr verfügbar - kostenlos und ganz ohne "Click & Meet".

Die Standortkarte sowie weitere Infos findet sich unter www.markt-schwaben.de/de/kulturell-aktiv/Veranstaltungen/Kunstpfad-Markt-Schwaben

© SZ vom 19.04.2021
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