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Grünen-Chef in Zorneding:"Mit Moral oder Nächstenliebe brauchen wir da nicht ankommen"

Robert Habeck in Zorneding; Robert Habeck am Mittwoch in Zorneding.

Robert Habeck am Dienstagabend in Zorneding.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Robert Habeck von den Grünen spricht beim Zornedinger Kulturherbst über die Herausforderungen des respektvollen Streitens.

So viel man hinterher auch zusammenkehrt, Aussagen bleiben hängen. Wie bei Robert Habeck zum Beispiel, Bundesvorsitzender der Grünen, zu den Landtagswahlen 2017. "Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern", sagte er in einem Video auf Twitter. Als ob die absolute CSU-Mehrheit eine undemokratische gewesen wäre. Wenn Habeck, wie am Dienstagabend beim verlängerten Zornedinger Kulturherbst aus seinem Buch "Wer wir sein könnten - Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht" liest, lässt sich also feststellen: Immerhin weiß der Mann, wovon er schreibt.

In 18 Kapiteln schlägt er den großen Bogen über Geschichte, Literatur, Philosophie, Soziologie und natürlich Politik, um die Grenzverschiebung in der gesellschaftspolitischen Sprache zu skizzieren. Er arbeitet sich durch Begriffsanalysen von "Gesinnungsdiktatur", "Asyltourismus" und "Volksverrat". Er streift Celan, Hölderlin und Novalis - aber bei der Lesung im Christophorus-Gemeindehaus gibt es davon: nichts.

Stattdessen liegt das Buch nach ein paar vorgelesenen Absätzen zugeklappt auf dem Rednerpult. Habeck steht mit dem Mikrofon in der Hand daneben und sagt: "Unsere Sprache entscheidet, wer wir sind. Unsere Sprache schafft Fakten, schafft Wirklichkeiten."

Damit ist Habeck, der die interessante Biografie mitbringt, vor seiner Politkarriere als Schriftsteller gearbeitet zu haben und nicht andersherum, mittendrin im Thema: "Es ist leider eine neue Zeit des politischen Niedermachens angebrochen, eine Zeit, in der Sprachverrohung und Stigmatisierung dabei sind, Argumente abzulösen", befindet er.

Wo also verläuft die Grenze zwischen konstruktivem demokratischem Streit und einer Sprache, die das Gespräch zerstört? Und ist das alles nur eine Frage mangelnden Stils?

Habecks Ausgangspunkt für eine Antwort beginnt mit einem ziemlich selbstkritischen Erklärungsansatz: Es sei die politische Linke gewesen, die mit überzogener Political Correctness Räume der Sprachlosigkeit geöffnet habe, sagt er. Diese Lücke würden nun vor allem rechte Populisten füllen - mit eben deren Sprache und Sprachbildern. "Sie wissen, dass sie keine konstruktiven Vorschläge, sondern einfach nur neue Gründe für alte Ängste liefern müssen." Denn Angst sei ein Gefühl, das sich selbst reproduziere.

Jede Gegenrede komme dann automatisch aus einer Verteidigungsperspektive heraus. Die Hoheit über die Diskursthemen liege also stets bei den Populisten. Und für diesen Teil der Debattenteilnehmer seien scharfe Worte keine Stilfrage mehr. Vielmehr würden sie als berechtigte verbale Selbstverteidigung wahrgenommen. "Sie betrachten sich selbst als Opfer, das Gegenüber als Täter. Mit Moral oder Nächstenliebe oder Mitmenschlichkeit brauchen wir da nicht ankommen."

Die Stärke von Habecks beiden Stunden im Christophorus-Gemeindehaus ist, dass er es eben bei dieser Diagnose nicht belässt. Sondern eine Perspektive öffnet, den Kreislauf aus Lautersein, Rechthaben und Besserwissen zu durchbrechen.

Zum Beispiel so: "Wenn ich als Grüner zu einem Landwirt gehe und ihm zur Begrüßung unterstelle, dass er mit seiner Mais-Monokultur die Natur kaputt macht und mit seinem Dünger die Gewässer vergiftet, dann hört der mir doch nicht mehr zu. Wenn ich aber sage: ,Lasst uns doch gemeinsam schauen, wie wir zusammen dem Wertverfall von Lebensmitteln entgegentreten', dann beginnt ein Dialog." Kurz: Der Weg zum politischen Diskurs führe über das Verständnis für die Situation des Gegenübers.

Übersetzt auf das Politbusiness könne dies nur bedeuten: "Ich muss von meinem Parteiprogramm einen halben Schritt zurückgehen und hoffen, dass es mir mein Gegenüber gleich tut." Debattenteilnehmer bräuchten immer auch die Möglichkeit zur Zustimmung, ohne das Gesicht zu verlieren. Und zwar gerade dann, wenn die Debatte unter medialer Beobachtung stattfinde.

Schließlich meldet sich ein Zuhörer zu Wort. Ob er, Habeck, denn ernsthaft glaube, dass sich eine Debattenkultur mit gutem Zureden ändern ließe? "Ja. Da bin ich zuversichtlich", antwortet der Grünen-Chef. Er halte es da mit dem früheren tschechischen Menschenrechtler und Politiker Václav Havel - und einer gesunden Portion Optimismus: "Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas einen Sinn hat, egal wie es ausgeht." Frei auf seine Poesie eines respektvollen Streitens gemünzt: Einer muss halt anfangen.

Zumindest braucht Habeck sich nicht vorwerfen lassen, die Messlatte nur für andere hochzulegen. Als es vor zweieinhalb Jahren nach dem Demokratie-Tweet zur bayrischen Landtagswahl Kritik hagelte, schlief Habeck eine Nacht drüber, griff noch einmal zum Smartphone und entschuldigte sich. Er habe das Video zwischen zwei gehetzten Terminen zu schnell aufgenommen. "Die Kritik daran nehm ich an. Das war im Wahlkampffieber einer zu viel. Sorry dafür!"