Krieg in der Ukraine:"Wo geht's hier zur 46?"

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Geflüchtete Ukrainer kommen am Mittwochvormittag in der Containerunterkunft an der Zornedinger Bahnhofstraße an. Eine junge Ukrainerin steht vor einem Wegweiser. (Foto: Christian Endt)

In Zorneding kommen am Mittwoch die ersten ukrainischen Kriegsflüchtlinge an. Die meisten haben nur das Nötigste dabei. Begegnungen mit Menschen auf der Suche nach Orientierung.

Von Korbinian Eisenberger und Barbara Mooser, Zorneding

Die letzten Meter ihrer Flucht gehen sie zu Fuß. 15 Menschen mit Rucksäcken oder Taschen bewegen sich in kleinen Grüppchen die Bahnhofstraße hinunter. Kinder, junge Frauen und Männer, mittelalte und grauhaarige. Eine Familie hat ihren Hund dabei, der angeleint vor ihnen her trabt. An einer Kreuzung bleiben sie stehen. Sie blicken sich etwas unsicher um. "Please, where ist the way to 46?", erkundigt sich die Jüngste, eine Frau, vielleicht gerade 20 Jahre alt. Wo geht's hier zur Hausnummer 46? Ein Einheimischer auf dem Bürgersteig gibt Auskunft. Er deutet mit dem Finger Richtung Norden, wo die Containerdächer in der Sonne glänzen.

Containerunterkünfte für rund 60 Geflüchtete aus der Ukraine hat die Gemeinde Neuried bestellt - nun braucht sie diese nicht mehr. (Foto: Christian Endt)

An diesem Mittwoch kommen in der Gemeinde Zorneding erstmals Menschen an, die vor Putins Krieg in der Ukraine geflüchtet sind - und nun in Oberbayern aufgenommen werden. Das Landratsamt Ebersberg hat zu diesem Zweck die von einem Feuer beschädigte Container-Anlage am Ende der Bahnhofstraße reaktiviert. Oder besser: kernsaniert. 50 Ukrainer sollen hier im Laufe des Tages in Privatautos ankommen. Um kurz vor 11 Uhr betreten die ersten ihre neue Unterkunft.

Die Frau, deren Frage zum Ziel führte, zählt zur zweiten Gruppe. Während ihre Begleiter und der Hund sich Richtung Container bewegen, bleibt sie vor dem Zaun stehen und blickt sich um. Sie steht direkt vor einem Wegweiser, oder besser unter den drei Schildern dieses Wegweisers. Die dortigen Optionen: "Grub, Baldham Dorf", "München, Zorneding" oder "Pöring".

Tetiana Weiß kam vor 13 Jahren aus der Ukraine nach Zorneding - jetzt hilft sie den Geflüchteten beim Ankommen

Die Neuankömmlinge werden sich hier erstmal orientieren müssen. Und dabei hilft in aller Regel die Unterstützung von Ortskundigen, die idealerweise auch noch mehrsprachig sind. Menschen wie Tetiana Weiß, die vor 13 Jahren als Au Pair aus der Ukraine nach Hannover kam - und schließlich einen Zornedinger kennenlernte und heiratete. Jetzt steht sie vorm Container, nicht in irgend jemandes Auftrag. "Ich hab gedacht, ich muss jetzt einfach da sein", erklärt sie. "Allzu viele werden hier nicht ukrainisch und deutsch sprechen können", meint Weiß noch. Dann begrüßt sie die erste Gruppe und begleitet sie hinein.

Tetiana Weiß ist vor 13 Jahren aus der Ukraine nach Deutschland gezogen. Jetzt hilft sie in Zorneding beim Übersetzen. (Foto: Christian Endt)

Drinnen ist alles neu eingerichtet, die Wände sind frisch verputzt und gestrichen. Ein Handwerker wischt noch mit einem Tuch über die Fensterrahmen. Die Unterkunft in der Bahnhofstraße ist nach dem Brand vor einigen Monaten renoviert worden und stand unlängst frei. Mitte März wollte sie der Landkreis wieder für Asylbewerber frei geben, erklärt Marion Wolinski, Leiterin des Sachgebiets Sozialhilfeverwaltung und Asyl im Landratsamt. "Ein glücklicher Zufall, dass wir die Räume grade zur Verfügung haben."

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Wie viele werden kommen? Klar ist, dass es jetzt erst begonnen hat. Noch am Mittwoch erhielt Ebersberg die Anfrage, ob der Landkreis noch 30 weitere Geflüchtete aufnehmen könne. Wenn die Matratzen wie bestellt geliefert werden, sei man an diesem Donnerstag wohl wieder aufnahmebereit für weitere Menschen aus der Ukraine.

Der Landkreis ist offenbar darauf vorbereitet worden, dass er sich sehr schnell und um sehr viele Flüchtlinge kümmern muss. Wenn die Unterkunft in Zorneding voll ist, was innerhalb weniger Tage der Fall sein dürfte, sollen drei weitere dezentrale Unterkünfte mit Platz für bis zu 50 Menschen zur Verfügung gestellt werden. Die derzeitigen Bewohner werden auf andere Unterkünfte umverteilt.

"Wir haben gehofft, dass wir die Unterbringung in Turnhallen vermeiden können, aber das ist nicht möglich"

"Wir haben gehofft, dass wir die Unterbringung in Turnhallen vermeiden können", erklärt Landrat Robert Niedergesäß am Mittwoch. "Aber das ist aufgrund der aktuellen Situation wahrscheinlich nicht möglich." Es gebe indes "große Akzeptanz" bei den Betroffenen. Man habe bereits konkrete Vorstellungen, zunächst aber sollen die Eltern und Schüler selbst informiert werden.

Zurück in Zorneding. Hundert Meter von der Containerunterkunft entfernt hat ein Lieferwagen gehalten. Zwei Männer tragen Möbel in ein Haus hinein, unter anderem ein Bett. Der Hausbewohner richte ein Zimmer für eine ukrainische Familie ein. Der das erzählt, spricht selbst mit osteuropäischem Akzent. Dieses Bettgestell, sagt er, das trage er heute besonders gern die Treppenstufen hinauf.

Das Landratsamt hofft auf die Gastfreundschaft der Einheimischen. 350 Personen im Kreis Ebersberg haben bisher angeboten, Geflüchtete aufzunehmen, jedenfalls übergangsweise. Es sei damit zu rechnen, dass nicht alle Geflüchteten langfristig bleiben. Etwa, weil sie irgendwann zu Freunden oder Verwandten ziehen, an anderen Orten oder in anderen Ländern.

Auch die Gemeinden engagieren sich, am Mittwochnachmittag fand abermals eine Videokonferenz mit den Bürgermeistern statt. Welche Betreuung die geflüchteten Menschen brauchen, woran es ihnen fehlt, das gelte es schnell zu klären, so Wolinski: "Jetzt sollen sie erst einmal ankommen."

Grundschüler empfangen mit einem Schild in kyrillischer Schrift: "Herzlich willkommen"

In der Unterkunft erhalten die Menschen Catering und Hygienepakete. Die Ukrainer sollen die selben Leistungen bekommen, wie sie auch Asylbewerbern zustehen. Einen Asylantrag sollen und müssen sie allerdings nicht stellen, darauf weisen Wolniski und Brigitte Keller, Leiterin der Abteilung Zentrales im Landratsamt, hin. Die Aufnahme von ukrainischen Staatsangehörigen kann auf der Grundlage der Richtlinie über den vorübergehenden Schutz in allen EU-Mitgliedstaaten zur Aufnahme von Kriegsflüchtlingen erfolgen. Der große Unterschied, so Keller: Die Geflüchteten haben keine Residenzpflicht, sie können sich also aufhalten, wo sie wollen. Und sie dürfen sofort arbeiten.

Grundschüler haben ein Willkommensplakat für die Geflüchteten gebastelt. (Foto: Christian Endt)

Über Zorneding scheint die Sonne, Vögel singen gar. Schwer zu fassen, dass der Krieg so nah ist. Doch mit den Geflüchteten bekommen die verstörenden Fernsehbilder lebendige Gesichter. Kaum einer hat mehr als zwei kleine Taschen oder Rucksäcke dabei. Es wirkt, als konnten die Menschen nur noch das Nötigste einpacken.

Die Jüngste hält gar nur ein Handtäschchen in den Händen. Sie steht immer noch vor dem Wegweiser. Ihr Blick bleibt jetzt dort hängen, wo zwar kein Pfeil hinzeigt, aber ein Zauntor offen steht. Neben diesem Tor hängen zwei blau-gelbe Schilder. Zornedings Grundschüler haben sie gebastelt und unterschrieben. Auch Tetiana Weiß' Sohn Alex, dessen Oma und Onkel in einem kleinen Dorf in der Zentral-Ukraine ausharren. Über den Zornedinger Kindernamen steht "Herzlich willkommen" in kyrillischer Schrift. Die junge Ukrainerin hat sich nun für eine Richtung entschieden - und geht durch das Tor im Zaun.

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