Reden wir über Mehrstimmiges Solo

Stimmkünstlerin Beate Eckert.

(Foto: privat)

Beate Eckert lädt mit ihrer Gruppe zu Obertongesang ein

Interview Von Anna Horst

Wem klassischer Chorgesang zu langweilig erscheint, der ist vermutlich am Wochenende in der Hebammenpraxis in Grafing richtig. Am Sonntag, 11. November, nämlich lädt dort ein kleiner Kreis von Grafinger Obertonsängern dazu ein, seine ungewöhnliche Musizierweise kennenzulernen. Die Stimmkünstlerin Beate Eckert gibt vorab am Telefon ein kleines Ständchen und erklärt, wie Obertongesang funktioniert.

SZ: Frau Eckert, was ist Obertongesang überhaupt?

Beate Eckert: Viele Leute denken, dass man dabei ganz hohe Töne singt. Das ist aber schon mal falsch. Beim Obertongesang singt man einen Ton in relativ tiefer, also bequemer Lage. Dieser Grundton wird dann in Teiltöne zerlegt, und die macht man mit einer bestimmten Zungentechnik hörbar. Ich kann Ihnen ja mal was ins Telefon singen, aber nicht wundern wenn Sie es nicht gleich hören! (Sie singt einen tiefen Grundton und gleichzeitig eine Tonfolge in höherer Lage)

Wahnsinn, da waren echt mehrere Töne gleichzeitig zu hören! Wie funktioniert das denn? Kann das jeder lernen - oder braucht man geheime Superkräfte dafür?

Das kann jeder lernen. Man muss noch nicht einmal sonderlich musikalisch dafür sein. Im Grunde braucht man nur etwas Entdeckergeist und muss bereit sein, seine Ohren zu öffnen. Dann ist es nur noch Übungssache: Man legt seine Zunge leicht hinter die oberen Zähne und spannt den hinteren Teil der Zunge und den Rachen an.

Das klingt unglaublich anstrengend. Wird man davon nicht heiser?

Nein, das ist eigentlich gar nicht anstrengend. Man singt ja in einer ganz bequemen Lage. Die Obertöne schwingen da schon mit und man macht sie nur hörbar.

Das heißt, die Obertöne sind beim Singen automatisch dabei?

Obertöne sind ein Bestandteil von allen Geräuschen. Ohne sie könnten wir auch gar nicht sprechen. Wir nehmen sie normalerweise nur nicht wahr, weil unser Gehör nicht darauf trainiert ist. Genau darum soll es bei dem Kurs am Wochenende gehen. Wir wollen auf Klänge aufmerksam machen, die uns vermeintlich vertraut sind. Durchs Hören und selber Singen von Obertönen verändert sich das Hörverhalten, und irgendwann kann man sie überall wahrnehmen: Zum Beispiel, wenn der Wasserkocher pfeift und einen seltsamen Oberton von sich gibt, weiß ich: Aha, der müsste mal wieder entkalkt werden!

Jetzt hört sich diese Art von Gesang ja schon etwas gewöhnungsbedürftig an. Ist das denn konzerttauglich?

Die Reaktionen der Leute sind schon unterschiedlich, manche sind auch ganz schön überrascht. Aber bei unseren Konzerten ist bis jetzt zum Glück noch keiner rausgerannt.

Was für Stücke singen Sie da denn so?

In Grafing singen wir meistens Werke, die vor allem zum Üben gut sind, wie beim Klavierspielen die Etüden. Mittlerweile gibt es auch Komponisten in Deutschland, die Stücke extra für Obertongesang schreiben, aber eine Tradition ist das nicht. In Europa ist die Idee, den Obertongesang zum Beispiel beim Jazz einzubringen, erst in den letzten 20 Jahren aufgekommen. Anders ist es zum Beispiel in der Mongolei. Da gibt es die Gesangsweise schon lange, aber man benutzt dort eine andere Technik.

Wie sind Sie eigentlich zu dieser Gesangsweise gekommen? Aus der Mongolei stammen Sie ja schon mal nicht...

Ich hab schon immer in Chören gesungen. Vor ungefähr zehn Jahren kam dann eine Freundin auf mich zu, die in einem Obertonchor war, und hat mich gefragt, ob ich nicht mal zu einem Treffen mitfahren will. Weil sie gesagt hat, dass da jeder mitmachen kann, bin ich mit ihr hingegangen. Seitdem bin ich Obertonsängerin. Das verträgt sich auch super mit meiner Arbeit als Keramikerin, weil man beim Handwerken immer nebenbei singen kann!

Unter dem Motto "Martini mal ganz anders" findet die Veranstaltung zum Obertongesang am Sonntag, 11. November, von 16 bis 18 Uhr in der Hebammenpraxis in Grafing, Marktplatz 15, statt. Es gibt Klangbeispiele, Melodienrätsel und die Möglichkeit, selbst Obertöne auszuprobieren. Eine Anmeldung wird erbeten unter (08092) 40 03 oder per E-Mail an sa.grimm@t-online.de. Der Eintritt ist frei, Spenden sind aber durchaus erwünscht.