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Reden wir über:Folgenschwere "Leahads"

Bernhard Schäfer.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Historiker Bernhard Schäfer über altbayerischen Verehrungskult

Interview von Karin Pill

Für viele Traditionalisten in Bayern ist der 6. November ein inoffizieller Feiertag. Denn schon seit vielen hundert Jahren finden in Orten wie Grafing, Kreuth oder Bad Tölz alljährlich um dieses Datum herum Leonhardiritte und -umfahrten statt. Der Heilige Leonhard wird dabei als Schutzpatron der Nutztiere, der Gefangenen und aller Notleidenden verehrt. Trotz der klirrenden Kälte erfreut sich der "Leahads" stets großer Beliebtheit. Leonhardifeste, die im Sommer gefeiert werden, sind unter Eingeschworenen hingegen als moderne, verstädterte Volksfeste verschrien. Viele wissen dabei jedoch nicht, dass einst auch die Grafinger rauschende Leonhardifeste im Sommer feierten - bis die Erzdiözese München und Freising dem Sommer-"Leahads" einen Riegel vorschob. Bernhard Schäfer , Grafings Archiv- und Museumsleiter, erklärt, warum.

SZ: Wann gab es die erste Leonhardiwallfahrt in Grafing?

Bernhard Schäfer: Das lässt sich so genau gar nicht sagen. Die erste Erwähnung einer Leonhardifahrt war beiläufig. In einem Gerichtsprotokoll wird eine Schlägerei in Grafing erwähnt, die sich "verwichnen Jacobi, und zwar als die Fahrt nach Sanct Leonhardt beschechen", zugetragen habe. Das Datum der Straftat wird auf den 25. Juli 1708 datiert. Somit ist das die erste urkundliche Erwähnung. Allerdings gehen wir davon aus, dass es schon im 17. Jahrhundert Leonhardifahrten in Grafing und der Umgebung gab.

Warum fand die Umfahrt damals im Juli statt und nicht, wie heute, um den Leonhards-Tag am 6. November herum?

Das ist ganz einfach: Im Sommer lässt es sich halt schöner feiern (lacht). Für die Tiere ist es besser, denn dann frieren sie nicht bei der Umfahrt. Natürlich ist es auch für die Menschen viel angenehmer im Sommer. Dann muss man beim Gottesdienst nicht in der Kälte stehen und bei den anschließenden Leonhardi-Märkten wurde natürlich auch mehr Geld ausgegeben, wenn das Wetter besser war.

Warum wurden die Leonhardiumfahrten dann in den November verlegt?

Genau das, was das Feiern im Juli so schön machte, wurde der Leonhardiwallfahrt im Sommer zum Verhängnis: 1881 hat die Diözese München und Freising erlassen, dass Leonhardiumfahrten in der gesamten Diözese nur noch am 6. November stattfinden dürften. Grund hierfür war, dass es bei Leonhardifesten in verschiedenen Dörfern zu erheblichen Ausschweifungen gekommen war. So heißt es in einem Schreiben von 1891, dass die Feierlichkeit im Juli jungen Leuten "ein willkommenes Stelldichein" bot. Der Grafinger Pfarrer Liebhardt betonte in dem Schreiben zwar, dass "bei dieser Gelegenheit Tanzmusiken oder irgendein grober Unfug in Grafing nie vorkam", es jedoch sicher ist, "daß manche jungen Leute beim nach Hause gehen in schwere Sünden fielen. Jeder Pfarrer macht die Erfahrung, daß gerade solche Festtage junger Leute, wie sie die Markttage et cetera bieten, Ursache sind, daß manche Wesen gegen den Willen Gottes das Licht der Welt erblicken." So berichtete Liebhardt, dass 1890 47 "illegitime Kinder" zur Welt kamen. Nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen wollten die Grafinger ihr Fest im Juli beibehalten, doch die Erzdiözese blieb bei ihrem Entschluss.

Inzwischen findet ja der Grafinger "Leahads" immer am letzten Sonntag im Oktober statt. Wann gab es dann die Erlaubnis für diese Veränderung?

Das war nach 1968. Das Argument dafür war damals, dass Berufstätige an einem 6. November, der auf einen Werktag fällt, nicht an der Leonhardiumfahrt oder den Feierlichkeiten teilnehmen können.

Dieses Jahr fallen viele Leonhardiumfahrten in der Region wegen der Corona-Pandemie aus. Gab es so etwas in Grafing schon einmal?

Ja das gab es immer mal wieder. Die ersten drei Jahre des Ersten Weltkrieges konnten dem Grafinger Leonhardiritt nichts anhaben. Erst 1918 musste das Fest ausfallen. 1923 gab es in Grafing eine Umfahrt ohne Wagen. Grund dafür war die Inflation in Deutschland - die Kosten waren einfach zu hoch. 1938 fiel die Umfahrt wegen der Maul- und Klauenseuche ganz aus. Auch während des Zweiten Weltkrieges von 1939 bis 1945 gab es keine Umfahrt.

© SZ vom 24.10.2020
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