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Recycling in Grafing:Gelbe Hoffnung

Solche Bilder will in Grafing niemand sehen: Wild abgelegte Müllsäcke, wie hier am Marktplatz. Damit dies in Zukunft nicht mehr vorkommt, will die Stadt einen Systemwechsel hin zur Gelben Tonne, doch der gestaltet sich nicht einfach.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Stadtrat startet Initiative für Einführung der Wertstoff-Tonne. Derweil kündigt der Bürgermeister ein Durchgreifen gegen die Vermüllung an den Sammelstellen an

Von Thorsten Rienth, Grafing

Keine Bürgerversammlung, in denen nicht jemand über die Zustände an den Grafinger Wertstoffannahmestellen klagt. Zum Beispiel über Bügelbretter oder alte Reifen neben den Containern für Plastikverpackungen. In den E-Mail-Postfächern im Rathaus haben derlei Beobachtungen sowieso Stammgastcharakter. "Kein Thema beschäftigt uns in der Verwaltung so regelmäßig so sehr wie die Wertstoffinseln", befand Bürgermeister Christian Bauer in der jüngsten Stadtratssitzung. Jetzt will das Gremium die Einführung der Gelben Tonne forcieren.

Aus Sicht des Gremiums bedeutet der Schritt so etwas wie die letzte Möglichkeit, das leidige Thema um die Annahmestellen doch noch irgendwie ins Gute zu drehen. "Es ist offensichtlich, dass alles, was bislang versucht worden ist nicht den gewünschten Effekt hatte", stellte Antragsteller und CSU-Ortsvorsitzender Florian Wieser fest. Nun also soll es ein gewisser Erziehungseffekt richten. "Wir glauben, dass der Bürger bei seiner eigenen Gelben Tonne achtsamer ist."

Was nach eher CSU-untypischer Bürger-Bevormundung klingt, findet beim zuständigen Experten im Rathaus Zuspruch ohne Einschränkungen. "Ich halte den Vorschlag für absolut sinnvoll", erklärte Wolfgang Bilo. "Wenn die Leute das vor der eigenen Haustüre stehen haben, stellen sie keine Autoreifen und Bügelbretter daneben."

Ganz so einfach ist die Angelegenheit allerdings nicht. "Das Problem: Man müsste das landkreisweit umstellen und alle Gemeinden müssten mitmachen wollen." Bilo berichtete von einem Telefonat mit seinem Counterpart aus dem Vaterstettener Rathaus. "Dort sieht man die Idee ebenfalls sehr positiv."

Das mag daran liegen, dass die Vaterstettener eine mögliche weitere Option aus dem CSU-Antrag bereits durchgespielt haben. Nämlich jene, die Container der Wertstoffinseln einfach im Boden zu versenken. Mit speziellem Gerät würde sie der Entsorger aus der Verankerung heben und den Müll auf seine Ladefläche kippen. "Am Anfang lief das wohl besser, mittlerweile schmeißen die Leute auch dort einfach alles hin." Bilo zufolge sind bis zu 50 000 Euro eine tiefergelegte Annahmestelle zu bezahlen. Hochgerechnet aufs Grafinger Stadtgebiet wäre man also schnell bei ein paar hunderttausend Euro.

Klar sein müsse aber auch, sagte Bilo: Die Gelbe Tonne würde einen kompletten Systemwechsel bedeuten - vom Bring- zum Holsystem. "Unterm Strich kommt sie wesentlich teurer, als der Betrieb von Wertstoffinseln." Zumal sich an den Glas- und Papiercontainern bekanntlich nichts ändere. Die zusätzlichen Kosten der neuen Tonne würden die Grafinger indirekt über den städtischen Haushalt bezahlen.

"Natürlich freut sich darüber niemand", konstatierte FDP-Stadtrat Claus Eimer. "Aber da müssen wir einfach so ehrlich sein und sagen: Dieser Müll ist eine Folge unserer Konsumgesellschaft und dem Trend, Sachen vor allem übers Internet zu bestellen." Eimer erinnerte daran, dass sich die Gelbe Tonne deutschlandweit zunehmend durchsetze. "Das hat ja einen Grund."

Dass der Systemwechsel beim Plastikmüll womöglich bei den Anwohnern der Wertstoffinseln Begeisterungsstürme auslöst, aber bei anderen nicht, ist in den Grafinger Beschluss schon eingepreist. "Leute, die nur einen kleinen Reihenhausvorgarten haben, werden von einer dritten Tonne nicht begeistert sein", sagte Regina Offenwanger (SPD). Worauf CSU-Chef Wieser entgegnete: "Es wird insgesamt keine ideale Lösung geben, da dürfen wir uns nichts vormachen. Aber vielleicht gibt es eine beste." Und überhaupt: Mit dem Beschluss müsse der Bürgermeister ja erst einmal an die anderen Rathäuser herantreten. Nach deren Rückmeldungen wisse man mehr.

Bis dahin ist Bauer offenbar bereit, auf eigene Faust durchzugreifen. Auf die Frage, ob man nicht vielleicht mal wieder punktuell auf Videoüberwachungen oder Detektive setzen möge antwortete der Bürgermeister: "Ja, in dem Rahmen in dem ich das auf dem Verwaltungsweg anordnen kann, werden wir das tun." Die Taktik hinter der Unklarheit ist klar: Wer seine alten Reifen illegal mit den Plastikverpackungen entsorgt soll zumindest Angst vorm Detektiv in dem dunklen Auto auf der anderen Straßenseite haben. Die unterirdischen Container verfolgt Grafing indes nicht mehr weiter.

© SZ vom 11.05.2021
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