Ravel, Debussy - und Beethoven Mit den Händen eines Liebhabers

Begnateter Tastenkünstler: Michel Dalberto.

(Foto: Caroline Doutre/OH)

Pianist Michel Dalberto enthüllt im Vaterstettener Rathauskonzert die Seele der Musik - aber er entkleidet sie nicht

Von Ulrich Pfaffenberger, Vaterstetten

Ravel, Debussy, Beethoven - eine ungewöhnliche Kombination, für die sich der französisch-schweizerische Pianist Michel Dalberto beim Rathauskonzert Vaterstetten entschieden hatte. Schon vom Gedanken her ein starker Kontrast, erwiesen sich die zwei Teile des Abends auch in der Realität als sehr gegensätzlich, gleichwohl aber auch als schlüssig. Denn in der Zwischenwelt von Klassik und Impressionismus, von französischer und deutscher Klaviermusik kam das zum Tragen, was diesen Solisten ausmacht und womit er sein Publikum mitreißt: exzellente Technik, untrügliche Stilsicherheit und die Fähigkeit, sich vor großer Literatur zu verneigen, ohne sich ihr zu unterwerfen.

Zu hören, wie Dalberto Ravels "Valses nobles et sentimentales" spielt, versetzte einen am Sonntagabend heraus aus dem Saal des Seniorenparks, hinein in das Atelier eines bildenden Künstlers. Dem sah man aber nicht bei der Arbeit mit Meißel, Spachtel oder Messer zu, wie er aus natürlichem Material einen Korpus formte; sondern man belauschte ihn beim Dialog mit dem Schöpfer eben dieses Materials - sprich: Ravel - über die ansprechendste und anschaulichste Verwendung desselben. Das Ergebnis dieser Zwiesprache mündete unmittelbar in Dalbertos Spiel: Unmittelbar, direkt und in genau jenem Maße unbeschwert, dass Fantasie, Verspieltheit und Emotionalität des Originals erhalten bleiben.

Dialog, das fordert in diesem Fall auch Auseinandersetzung und Reflexion mit Gedanken aus der Vergangenheit. Dalberto zeigte sich auf Augenhöhe: Genauso kundig und ernsthaft wie seine Fragen erfolgten souverän und eindeutig seine Antworten. Wobei er behutsam die Melodien vor dem Schlaglicht schützte, das mit der unmittelbaren Präsentation auf einer Bühne verbunden ist. Mit dem perfekten Gespür für Intimität, das den wahren Liebhaber auszeichnet, enthüllte er die Seele der Stücke, entkleidete sie aber nicht. Daraus ergab sich etwas, das mit dem Begriff "Authentizität" nur unzureichend beschrieben ist: Selbstverständlich hat der Pianist diese Melodien viele Male gespielt. Aber die Art und Weise, wie er sie vor dem Publikum ausbreitet, lässt es teilhaben an jenen schon lange zurückliegenden Momenten, in denen er das Werk für sich entdeckte und entwickelte, in denen er den Weg gefunden hat, auf dem er dem Komponisten gerecht wird, sich ihm verbunden fühlt.

Noch mehr bei den beiden Stücken aus Debussys Gedankenwerkstatt offenbarte sich Dalberto als "Sculpteur". Mit den "Images Livre 1" und "6 Préludes du 1er Livre" hatte er sich für eine Reihe kunstvoll entwickelter musikalischer Gedanken entschieden, die noch keine Fantasien sind, aber durchaus dazu werden können. Entweder in der Hand des Komponisten oder in den Händen des Instrumentalisten. Sonntagabend galt das zweite: Die Wahl des Platzes auf der Empore erlaubte einen genauen Blick auf das Spiel seiner Hände, seine konzentrierten Bewegungen, Ausdruck von Können und Respekt zugleich. Wie schon beim Ravel blieb der Solist seiner Linie nahe, den Melodien nicht nur Form, sondern Gestalt zu geben, ihre Seele sichtbar zu machen und ihrer Erotik Freiraum zu gewähren. Dalberto ist keiner, der die Tasten streichelt, aber er verzichtet auch auf übertrieben angelegte, begleitende Gesten. Sein Ausdruck reift in den Handgelenken, seine Impulse entspringen der Fingermuskulatur - und seine Betonung entspringt einer Haltung, die Staunen auslöst und Bewunderung verdient. Das sieht alles so selbstverständlich aus, dass man es nicht glauben würde, könnte man es nur hören und nicht sehen.

Was, wenn auch in ganz anderer Dimension, für Beethovens Klaviersonate "Appassionata" gilt, die den Abend beschloss. Hohes Tempo und kraftvolle Akkorde, dazu flotte, treffsichere Hände - das ist zwar das, was das Publikum von den Sitzen reißt wie die Tigerdressur im Zirkus. Aber man kann sich dieser Verlockung entziehen, ohne zu enttäuschen. Wo also manch anderer "Leidenschaft" mit "laut" verwechselt, entschied sich Dalberto für akzentuiert, wo man versucht ist, mit Kraft auf Tasten und Pedale einzuwirken, ging er daran, die Energie zu entfesseln, die in dieser Komposition steckt. Auch hier erweist er sich mit seiner versierten Spieltechnik und seiner Intuition für die Wirkung des Moments als hinreißender Liebhaber und vollendeter Gestalter. Das spürbar beeindruckte Publikum schrieb Dalberto einen intensiven, ausgiebigen Applaus ins Gästebuch seines Ateliers, jede Sekunde davon hochverdient.