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Radtour durch die Alpen:Im Sattel an den Gardasee

15 Schüler des Gymnasiums Kirchseeon starten an diesem Samstag eine sechstägige Mountainbike-Tour nach Norditalien. Es werden zwar Noten vergeben - wichtig ist vor allem, dass die Gruppe zusammenhält

Die Reifen sind aufgepumpt, der Helm sitzt - nicht zu fest und nicht zu locker. "Wichtig ist, dass wir alle zusammenhalten", sagt Sabine Lörner, 17, und rückt die Sonnenbrille gerade. "Jeder hat mal einen schlechten Tag", sagt sie. "Die Gruppe ist nur so stark wie derjenige, der gerade am meisten zu kämpfen hat." Die Hitze treibt den Schülern von Sportlehrer Stefan Mühlfenzl an diesem Nachmittag den Schweiß auf die Stirn. Er und seine Schüler haben ein Projekt im Visier, "dafür müssen wir alle fit sein", sagt Sabine Lörner. Dann schwingt sie sich auf den Sattel und tritt in die Pedale.

Nachmittagsunterricht, 15 Uhr, Doppelstunde auf den buckeligen Pfaden unterhalb des Ebersberger Aussichtsturms. Der Gong des Kirchseeoner Gymnasiums ist hier nicht zu hören, stattdessen knirschen Kieselsteine unter den Reifen der Mountainbikes. Mühlfenzl bereitet eine Schülergruppe auf das Projekt "Alpencross" vor, das an diesem Samstag startet. Zusammen überqueren 15 Schüler und drei Lehrer die Alpen, innerhalb von sechs Tagen soll es nach Norditalien gehen. Jeder darf einen kleinen Rucksack mitnehmen, zwei Unterhosen, zwei T-Shirts, zwei Radlerhosen und eine Regenjacke. Zwischen den 16- bis 17-Jährigen und dem Zielort am Gardasee liegen sechs Tage, 450 Kilometer und 10 000 Höhenmeter. "Klar", sagt Mühlfenzl, "das wird keine Rentnertour."

Das Projekt der "Gipfelstürmer", wie sich die Gruppe nennt, ist etwas Besonderes, weil Schulen in der Regel weniger spektakuläre Sportausflüge bevorzugen. "Ich kenne kein vergleichbares Angebot in unserer Region", sagt Mühlfenzl. Ein Grund dafür dürfte weniger der Aufwand, als das Problem mit der Verantwortung sein. Sportlehrer, die ihre Schüler auf Skilagern, Schwimm-Ausflügen, Bergtouren oder einer Transalp-Mountainbike-Reise begleiten, gehen ein höheres Risiko ein als beim klassischen Sportunterricht in der Turnhalle oder auf dem Rasenplatz.

Alpenbiker trainieren im Forst

450 Kilometer, 10 000 Höhenmeter. Damit das Gepäck nicht zur zusätzlichen Last wird, soll jeder Schüler nur einen kleinen 20-Liter-Rucksack mitnehmen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das bayerische Kultusministerium legt Wert auf die Sicherheit der Schüler. "Die Schwierigkeit des Geländes, die Art der Vorbereitung, Witterungsverhältnisse und auch die Voraussetzungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten bedacht werden", heißt es vom Ministerium. Die Hinweise gelten neben Schulskikursen, Fachexkursionen oder Schülerwanderungen auch für Alpintouren. Ob eine solche Schülerfahrt durchgeführt wird, entscheide zwar "grundsätzlich die Schulgemeinschaft", so das Ministerium. Es empfiehlt aber, "dass die begleitende Lehrkraft eine entsprechende Qualifikation besitzt".

Mühlfenzl, der die Alpentour bereits zweimal ohne größere Zwischenfälle organisiert hat, ist sich des Risikos bewusst. "Sicherheit steht deshalb an vorderster Stelle", sagt er. Mit seinen Lehrerkollegen Sebastian Deisenrieder und Andreas Wohlgemuth hat er einen Fahrradtrainer-Übungsleiter und einen Schulpsychologen an seiner Seite. Unter seinen Schülern wird in diesen Tagen dennoch über das Lawinenunglück vom vergangenen Winter gesprochen, bei dem ein Skifahrer des WSV Glonn bei einer Tiefschneefahrt ums Leben kam und dessen Trainer jetzt zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde.

Damit die Alpentour der Kirchseeoner wie in den vergangenen Jahren glimpflich verläuft, laufen seit mehreren Monaten Vorbereitungen. "Wir trainieren seit Anfang März jede Woche", sagt Sabine Lörner. Zuvor mussten sie und 50 weitere Bewerber bei einem Casting mitmachen, einem Radltag. Die 16 geeignetsten Schüler wurden dann in das Projektseminar Soft Skills berufen. Entscheidend dafür sei nicht, dass jemand vereinsmäßig Fahrrad fährt, aber direkt unsportlich sollte man auch nicht sein - fast alle "Gipfelstürmer" sind in einem Sportverein aktiv. "Wenn man immer nur die Gefahr sehen würde, dann muss man sich in seinem Zimmer einschließen", sagt Mühlfenzl.

Alpenbiker trainieren im Forst

Sabine Lörner, 17, kümmert sich um die Pressearbeit.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Christopher Klitzen schnauft einmal kräftig durch, die Sonne ist an diesem Mittwoch gnadenlos. Der 17-Jährige hat sein Radl gegen einen Baum gelehnt. In der einen Hand hält er eine Wasserflasche, mit der anderen verscheucht er Mücken. "Wichtig ist, dass wir es uns nicht zu schwer machen", sagt er. Der 17-Jährige ist für die Routenplanung verantwortlich. "Wir haben meinen Vorschlag etwas abgeändert, weil die Strecke sonst zu ähnlich der vorherigen Überquerung gewesen wäre", sagt er. Wie Klitzen hat jeder Schüler eine Aufgabe, Sabine Lörner ist für Pressearbeit zuständig, andere kümmern sich um Sponsorenakquise oder erstellen einen Trainingsplan. Am Ende werden die Schüler wie in jedem anderen Fach benotet.

Anders als in Mathe oder Englisch geht es dabei nicht nur um das eigene Zeugnis. Im Projekt-Seminar sollen die Schüler sich weniger auf ihren eigenen Vorteil konzentrieren, sondern vor allem zu einem funktionierenden Kollektiv beitragen. "Ich musste mich eng mit den Quartiersplanern absprechen", sagt Christopher Klitzen, "die Unterkünfte sollten schließlich nahe an der Route liegen." "Wenn das nicht hinhaut, müssen wir eben am Bahnhof übernachten", sagt Mühlfenzl. Dass es dazu kommt, ist jedoch unwahrscheinlich - denn der Plan steht bereits.

Samstag: Start in Kirchseeon, Fahrt bis zum DAV-Haus Spitzingsee in Schliersee. Sonntag: Wirtshaus Nattererboden in Innsbruck. Montag: Pension Alpenhof in Sterzing. Dienstag: Jugendherberge in Meran. Mittwoch: Residenza de Poda in Cles. Donnerstag und Freitag: Campione Univela Hostel am Gardasee; Campione del Garda am Gardasee.