Puppenspiel im Alten Kino Kleine Ausreißerin mit großen Gefühlen

Das "Theater auf der Zitadelle" bringt einen Klassiker von Astrid Lindgren um eine kleine Ausreißerin auf die Bühne.

(Foto: Christian Endt)

Ebersbergs Kindertheatertage starten mit "Lotta zieht um" vom "Theater auf der Zitadelle" aus Berlin

Von Anna Horst, Ebersberg

"Ich komm nicht mehr nach Hause, nie wieder!", schreit die kleine Lotta. 120 Augenpaare sind gespannt auf die Puppe gerichtet, die sich ihren "Schweinsbären" schnappt und wütend aus dem 50 Zentimeter hohen Haus stapft. "Lotta zieht um", heißt das Puppenspiel für Alle ab vier Jahren, das das Theater auf der Zitadelle aus Berlin auf die Bühne des Alten Kinos zaubert. In dieser ersten Inszenierung der diesjährigen Kindertheatertage geht es um Astrid Lindgrens "Lotta aus der Krachmacherstraße".

Weil der Pullover, den sie anziehen soll, zu sehr kratzt, zerschneidet ihn die fünfjährige Lotta kurzerhand mit ihrer Bastelschere. Dass ihre Mutter deswegen wohl böse sein wird, ist für sie Grund genug, vorsorglich auf den Dachboden der netten Nachbarin umzuziehen. Haushaltung sei ohnehin ein viel besseres Mittel gegen Langeweile als Spielen, findet Lotta, und fängt mit vollem Einsatz an, Staub zu wedeln. Dummerweise ist sie damit in ihrer kleinen Stube viel zu schnell fertig. Also beginnt sie mit dem Putzen gleich wieder von vorne. Haben sich die jungen Zuschauer im voll besetzten Saal anfangs noch nicht so recht getraut zu lachen, schallt das Gelächter jetzt umso lauter durchs Alte Kino.

Für viele der Kindergartenkinder ist es der erste Theaterbesuch überhaupt. Als die Lichter zu Beginn der Vorstellung ausgehen, schauen sich nicht wenige Kleine verwundert um, und so mancher bekommt es wohl auch ein bisschen mit der Angst zu tun. Doch als Puppenspielerin Regina Wagner auf die Bühne tritt und ihre Figuren zum Leben erweckt, ist die Scheu wie weggeblasen. Dem brummigen Vater, der aufgeregten Tante und dem älteren Bruder: ihnen allen verleiht Wagner eine ausdrucksstarke Stimme, die keinen Zweifel an der Charakteristik der Figuren lässt. Liebevoll und mit Enthusiasmus erzählt sie die einstündige Geschichte im Alleingang. "Man muss selber ein Stück weit kindlich bleiben, um beim Puppenspiel zu überzeugen", sagt Wagner. Am Anfang brauche sie immer ein bisschen, bis sie sich in die Stimmen hineingefunden habe, doch dann könne sie richtig loslegen.

Langweilig wird ihr Spiel für die kleinen Theaterbesucher nie. "Das Stück ist dramaturgisch geschickt gemacht: Es kommt immer dann eine Wendung, wenn die Kinder drohen ungeduldig zu werden", sagt Wagner. Blitzschnell ändert sie dann die Kulisse oder animiert die Kleinen auch mal zum Mitsingen. Ihr Mann, Ralf Wagner, ist für die Technik zuständig. Die Szenenwechsel untermalt er mit Musik, und wenn es Nacht wird, lässt er die Sterne funkeln.

Als Lotta am Ende doch wieder zurück zu ihrer Familie zieht, ist man auch als Erwachsener erleichtert. Zu einsam erscheint die Ausreißerin, als sie abends im Bett liegt und ihre Eltern herbeiwünscht. Es sind diese vertrauten Gefühle, die große wie kleine Zuschauer so fesseln. Wer hat sich nicht schon einmal große Sehnsucht gefühlt oder war wütend auf seine Mutter? "Die Kinder erkennen sich in den Klassikern von Astrid Lindgren wieder, deshalb sind sie immer noch so beliebt", sagt Ralf Wagner.

Das ist in Ebersberg nicht anders als in Berlin, der Heimatstadt des Ensembles: Die ersten Vorstellungen der Kindertheatertage seien bereits ausgebucht, sagt Stadtjugendpfleger Peter Hölzer, der verantwortlich ist für die Reihe. Und wundert sich nicht, denn: "Es spielen nur ausgewählte Ensembles, deren Inszenierungen auch mir persönlich sehr gut gefallen." Das Theater auf der Zitadelle findet nicht nur in Ebersberg Anklang: Gerade wurde es zusammen mit dem Theater Anna Rampe mit dem Ikarus-Preis des Jugendkulturservices Berlin ausgezeichnet, und zwar für das Puppenspiel "Einmal Schneewittchen, bitte!" Wie günstig: Das preisgekrönte Stück ist schon am Dienstag, 13. November, im Alten Kino zu sehen.