Prozess "Ich dachte, es war der Hund"

Ein Gerüstbauer fährt in Forstinning mit mindestens 1,1 Promille Alkohol im Blut eine Fußgängerin tot. Nun muss er sich vor dem Münchner Schwurgericht verantworten. Bedauern zeigt er dabei nicht.

Von Christian Rost

Eine Anwohnerin sah den BMW mit einem "Wahnsinnstempo" durch Forstinning rasen. Hin und her schlitterte der von Thomas K. gesteuerte 5er Touring. In eine Kurve kam er vollends von der Fahrbahn ab und erfasste eine Spaziergängerin. Die 45-Jährige war mit ihrem Hund unterwegs. Über die Windschutzscheibe wurde sie 22 Meter weit in ein angrenzendes Feld geschleudert. Der betrunkene Unfallfahrer flüchtete. Die Frau erlag zwei Wochen später ihren schweren Verletzungen. Seit Donnerstag muss sich K. wegen fahrlässiger Tötung und Mordversuchs vor dem Münchner Schwurgericht verantworten.

Als Staatsanwalt Florian Gliwitzky in der Anklage die Einzelheiten der mörderischen Fahrt vom 17. Januar dieses Jahres vorträgt, sitzt K. mit angewinkeltem Knie und ausdruckslosem Gesicht in der Bank vor dem Richtertisch. Er überlässt es zunächst seinem Verteidiger Johannes Buchberger, die Vorwürfe weitgehend einzuräumen.

Allerdings will der 39-jährige K. gar nicht bemerkt haben, dass er mit dem Auto eine Frau erfasst hatte. "Ich dachte, es war der Hund", sagt der Gerüstbauer. Dass er an jenem Freitagnachmittag ohne Führerschein und zudem mit einer Blutalkoholkonzentration von mindestens 1,1 Promille unterwegs war, gibt er unumwunden zu.

Er hatte die Hauptschule besucht, zwei Lehren abgebrochen und arbeitete abwechselnd als Helfer bei Schaustellern und auf dem Bau. Sein Bundeszentralregister weist 15 Vorstrafen auf, zwei Mal saß er in Haft. Einen Führerschein hat er nie gemacht. Das hinderte ihn aber nicht daran, mit dem Auto seiner Verlobten zu fahren. Ja, das habe er öfter getan, sagt K. zum Vorsitzenden Richter Martin Rieder gewandt.

An jenem Januartag hatte er schon mittags Feierabend. Auf dem Weg von einer Baustelle zum Lager der Gerüstbaufirma, für die er arbeitete, leerte er seine ersten beiden Dosen Bier. Dann wartete er in Poing auf den Bus und trank zwei weitere Halbe mit Kollegen. Bevor er sich in den Bus setzte, besorgte er sich in einem Supermarkt noch zwei Dosen Whisky-Cola, die er unterwegs leerte. Zu Hause habe er sich dann über herumliegende Schmutzwäsche geärgert und beschlossen, eine Wäschekorb zu besorgen, berichtet K.

Zusammen mit dem 13-jährigen Sohn seiner Verlobten machte er sich im Auto auf zu einem Baumarkt nach Poing und fuhr dann weiter zu einem Möbelhaus in Parsdorf. Am Steuer trank K. drei Whisky-Cola und ließ zwischendurch auch den Jugendlichen für eine kurze Strecke ans Steuer. Zurück in Forstinning verfuhr sich K. Er lebte erst ein paar Monate in dem Ort und kannte sich nicht richtig aus. Im Forsthausweg wollte er dann mit seinem Fahrzeug wenden und erfasste beim Rückwärtsfahren einen geparkten BMW. Die Halterin sah das und eilte herbei. Der Angeklagte stieg aber nur kurz aus, um dann sofort wieder in den Wagen zu springen. Er gab Vollgas.

"Ich hatte Panik", sagt K., der nicht betrunken und ohne Führerschein erwischt werden wollte. Im Forsthausweg gilt Tempo 30, der Mann aber beschleunigte auf 70 Stundenkilometer. In einem Linksbogen will er noch kurz eine Frau mit einer Hundeleine in der Hand gesehen haben. Dann gab es auch schon einen heftigen Knall, woraufhin sein 13-jähriger Beifahrer schrie, er solle sofort anhalten. Thomas K. jedoch gab weiter Gas. Warum er nicht angehalten habe?, fragt Richter Rieder. "Tunnelblick", meint der Angeklagte.

Zu Hause erzählte er seiner Verlobten von einem Unfall. Er habe einen Hund überfahren, gab K. vor. Seine Freundin solle das Auto rasch verstecken, falls die Polizei auftauche. Beamte nahmen den Unfallfahrer noch am selben Tag fest. Es gab mehrere Zeugen, die ihn im Forsthausweg gesehen hatten. Der Schwerverletzten waren Anwohner zu Hilfe geeilt. Sie konnte aber nicht mehr gerettet werden. Am 28. Januar starb sie an den Folgen massiver Hirnblutungen im Klinikum Bogenhausen. Sie hinterließ einen Mann und zwei Kinder.

Ein Wort des Bedauerns ist vom Angeklagten am ersten Prozesstag nicht zu hören. Und als die Kammer ergründen will, weshalb sich jemand, der ohnehin betrunken ist, beim Autofahren noch weitere Dosencocktails in sich hineinschüttet, stößt sie an K.s Grenzen: "Ich weiß selbst nicht, was ich dabei gedacht habe", sagt er. Seit dem 14. Lebensjahr trinkt er regelmäßig, mit 17 Jahren kam Schnaps dazu. Zuletzt lag seine tägliche Dosis bei acht Bier und fünf Dosen Whisky-Cola. Was der Alkohol mit ihm gemacht habe?, fragt der Vorsitzende. "Ich war antriebsarm", sagt der Angeklagte. Der Prozess dauert an.