Premiere in Glonn:Starke Bilder in neuen Farben

Premiere in Glonn: In der Glonner Schrottgalerie interpretiert die Hot Stuff Jazzband bekannte Melodien aus Disney-Filmen.

In der Glonner Schrottgalerie interpretiert die Hot Stuff Jazzband bekannte Melodien aus Disney-Filmen.

(Foto: Christian Endt)

Mit der Premiere von "Hot Stuff goes Disney" kehrt die Schrottgalerie in die Ohren und Augen der Jazz-Freunde zurück

Von Ulrich Pfaffenberger, Glonn

"Warum etwas sagen, wenn man es singen kann?" Walt Disney, Schöpfer bunter Fantasiewelten, hat nicht nur schöne Bilder erzeugt, sondern sie auch mit einem intensiven Wechselspiel im Bewusstsein des Publikums verankert. Tiere statt Menschen als Hauptdarsteller, animierte Zeichnungen statt lebender Figuren und eben Musik statt Sprache: Dass seine Werke zu dominierender Popularität gelangten, war kein Zufall, sondern Ergebnis eines aus Überzeugung kalkulierten Regelbruchs, der keinen schmerzt, aber alle mitreißt. Man braucht sich nur bei Gelegenheit mal wieder seinen Film "Fantasia" anzusehen und zu hören, wie er dort kunstvoll mit Melodien von Saint-Saëns, Strawinsky, Mussorgsky oder Beethoven den Bildern auf der Leinwand eine zusätzliche Dimension verschafft.

Am Sonntagabend bekam das Online-Publikum der Glonner Schrottgalerie eine neue, selten gehörte Dimension des Themas "Disney und die Musik" präsentiert. Die Hot Stuff Jazzband spielte, erstmals, aus ihrem neuen Programm "Hot Stuff goes Disney" eine Auswahl an Titeln, die alle von uns als Ohrwurm kennengelernt haben. "When I fall in love" aus Cinderella zum Beispiel oder "Bare necessities" aus dem Dschungelbuch oder "You've got a friend in me" aus Toy Story. Prägende Melodien allesamt, die starke Bilder wachrufen - und Zweifel, ob und wie man sie verändern kann und darf, ohne dass der ursprüngliche Charakter verloren geht und ohne dass sich die Interpretation auf ein simples Covern des Originals verkürzt. Es dauert nur wenige Minuten, bis hörbar wird, wie wahre Könner mit dieser Herausforderung umgehen, Könner, wie sie fast nur in der Freiheit und im Musikverständnis des Jazz heranreifen. Der König der Löwen bleibt samtpfotig, tanzt aber herzenslustig; Meerjungfrau Arielle und Krabbe Sebastian führen ihren Dialog unter Wasser nicht nur freundschaftlich, sondern in offenem Dialog der Stimmungen; in "He's a tramp" bringt Strolchi seiner Susi nicht nur Komplimente, sondern auch Staub und Steine mit.

Warum derlei so überzeugend gelingt? Wie im Film sind auch in der Band die Rollen so verteilt, dass sich Spannungen und Wechselwirkungen ergeben, die das dramatische Geschehen beleben. Heinz Dauhrer ist der souveräne Herrscher des Geschehens, omnipräsent und tonangebend, selbst wenn er gerade pausiert. Dass er die Überleitungstexte spricht, gibt ihm überdies Gelegenheit und Raum, sich dem Publikum als Wissender und Anführer zu zeigen. Gelegentliche kleine Scherze signalisieren: Es macht Spaß, der Boss zu sein. Gitarrist John Brunton ist jene Figur, die überraschend aus dem Hintergrund ins Bild springt, die für kreative Unruhe sorgt und sorgenfreie Lebensfreude versprüht. Unter der koboldhaften Oberfläche aber schlummert der Strippenzieher im Rhythmusgefüge - "das Tempo bin ich". Eric Stevens am Bass arbeitet, nur scheinbar, ganz im Verborgenen, wozu nicht nur seine Platzierung im Hintergrund beiträgt. Wie in jeder guten Jazz-Combo hat er jene Rolle inne, die völlig selbstverständlich ständig präsent ist, deren Wirkung man erst merkt, wenn er sich in Schweigen hüllt. Er, der die Arrangements der Hot Stuff Jazzband schreibt, ist der Regisseur, der im Seitenvorhang auf der Bühne steht. Mit Butch Kellem an der Posaune verfügt das Ensemble über einen kraftvollen, erfahrenen Recken, der keine Herausforderung scheut und immer ein aufmunterndes Wort für die anderen auf den Lippen hat. Er drängt sich niemanden auf, aber wenn er die Stimme erhebt, wissen alle, was angesagt ist. Hermann Roth am Schlagzeug schließlich hat zwar einen vergleichbaren Part wie der Bass, interpretiert ihn aber drängender, fordernder. Seine beobachtende Ruhe, sein routiniertes Spiel lösen sich so lange im Gesamtgeschehen auf, bis er messerscharf erkennt, dass es eine Pointe braucht, eine unerwartete Bewegung, um das Spiel aus der Routine zu reißen und im Publikum Oha-Effekte zu zünden. Was er prompt liefert. In der Kombination ergibt sich ein hochkonzentriertes, variantenreiches und flottes Spiel, um dessen Intensität und Effekte manche Bigband dieses Quintett beneiden darf.

Diese Mischung aus fast 200 Jahren Bühnenerfahrung und unverminderter Freude an der Freiheit des Jazz ist ein Erlebnis für sich. Das ist der wahre "Hot Stuff", der sich nicht einfach nach Rezeptbuch ansetzen lässt, sondern der sich aus der Chemie der Individuen Auftritt für Auftritt, Stück für Stück frisch zusammenbraut. In Abwandlung des Disney-Satzes darf man dem Quintett also getrost die Haltung unterstellen: "Was man singen kann, kann man auch spielen."

Wie sie diese Haltung aufs Parkett der Schrottgalerie gebracht und welche Lebensfreude sie ihrem Publikum via Internet haben ins Haus strömen lassen, das hat großen Respekt verdient - und einen Applaus, der bis zur nächsten Live-Begegnung anhalten sollte.

© SZ vom 25.05.2021
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