bedeckt München

Prekäre Situation:Kita-Plätze: Zornedings Reise nach Jerusalem

Viel Platz zum Spielen und Toben gibt es in der Kita in Pöring. Auch bei neuen Einrichtungen verordnet das Landratsamt Großzügigkeit: Zehn Quadratmeter pro Kind müssen vorhanden sein.

(Foto: EBE)

Die Gemeinde hat zu wenige Kita-Plätze. Bis sich die Situation verbessert, dürfte viel Zeit vergehen. Das liegt auch an den Behördenvorgaben.

Von Viktoria Spinrad, Zorneding

In Zorneding sehnen Eltern die Zeiten herbei, in denen jedes Krippen- und Kita-Kind im eigenen Ort unterkommt. In der Gemeinde fehlen viele Plätze, mit einem Millionen-Investitionsprogramm für Kindertagesstätten versucht die Kommune nun, die Lage zu entschärfen. Eigentlich sollte der Bedarf mit zwei neuen Einrichtungen im Neubaugebiet "An der Flur" und am Schmiedweg bis zum Herbst nächsten Jahres auch gedeckt sein. Nun aber wird es doch länger dauern, bis Eltern ihre Kinder nicht mehr nach Vaterstetten, Glonn oder München fahren müssen.

Die Ursache liegt im Ebersberger Landratsamt: Die Genehmigungsbehörde fordert pro Kind mindestens zehn Quadratmeter Spielfläche unter freiem Himmel - und damit mehr, als die Gemeinde vorweisen kann. Die sieht mit dieser Regelung nicht nur ihren Haushalt unnötig strapaziert, sondern auch das Kindeswohl, um das es ja gehen soll.

Die Vorgaben betreffen gleich beide neuen Einrichtungen, die den Eltern in der Gemeinde endlich Erleichterung in Sachen Kinderbetreuung bringen sollten. In der neuen Privat-Kita im Neubaugebiet "An der Flur" wollte die Gemeinde fünf Gruppen unterbringen, nun kann dort nur für drei Gruppen gebaut werden, für zwei Krippen und eine Kindergartengruppe. Statt 86 werden hier nur noch 49 Kinder betreut, weil es im Freien zu wenig Platz zum Spielen gibt.

Auf jedes Kind müssen umgerechnet zehn Quadratmeter kommen, und "direkt an der Einrichtung liegen", so steht es in den Bauleitlinien, die der Jugendhilfeausschuss im Sommer offiziell verabschiedet hat - auch, um mehr Transparenz für neue Projekte zu schaffen. Die eigenen Außenflächen der neuen Kita belaufen sich mit Garten und Spielterrasse aber nur auf 382 Quadratmeter. Zwar versuchte die Gemeinde noch, umliegende Wiesen zu pachten. "Aber das hat nicht geklappt", berichtete Bürgermeister Piet Mayr (CSU) - genau wenig wie der Vorstoß, die 400 Meter entfernt gelegene Streuobstwiese als Kompensationsfläche anrechnen zu lassen.

Einen Kompromiss macht das Landratsamt dann doch

Auf Anfrage begründete das Kreisjugendamt seine Entscheidung so: Die Wiese sei "nicht mehr als unmittelbar anzusehen - zumal für Kinderfüße". Zudem sei im Neubaugebiet "von einem relativ belebten Verkehrsaufkommen auszugehen", sowie, angesichts des geraden Straßenverlaufs, davon, dass "die Geschwindigkeitsbegrenzung nicht immer eingehalten wird". Die Kinder müssten die kreuzende Lärchenstraße überqueren - "eine der Hauptzufahrten der Gemeinde". Außerdem fehle auf der Wiese eine Toilette.

Einen Kompromiss machte das Landratsamt aber doch und rechnete den gleich nebenan gelegenen Spielplatz an. Damit werden auf jedes Kind im Schnitt 10,2 Quadratmeter Außenfläche entfallen und die eigenen Vorgaben damit "so gerade eben eingehalten". Weil nur in ganzen Gruppen gerechnet werden kann, kommen nun 37 Kinder weniger unter als erhofft. Was die Frage aufwirft: Soll die Behörde in Zeiten der Platz-Not auf ihren strengen Vorgaben beharren?

Eine Frage, auf die man in Zorneding eine klare Antwort hat. "Wieso muss man engstirnig sein, wenn es im Umkreis pfiffige Möglichkeiten gibt", sagt Peter Pernsteiner (FDP). Auf seiner Facebook-Seite hatte der Zornedinger Gemeinderat auf einen SZ-Artikel über die Kita-Situation in Zorneding reagiert und einen Appell an den Landrat gerichtet. Robert Niedergesäß (CSU) reagierte prompt und legte seine Sicht der Dinge vor.

Sein Argument, dass das Landratsamt "sein Ermessen so weit als möglich ausgeübt hat", sieht aber auch Zornedings Zweite Bürgermeisterin, Bianka Poschenrieder (SPD) kritisch. Sie verstehe nicht, "dass es für die Entscheider völlig indiskutabel war, wenn Kinder unter Begleitung eine Straße überqueren", sagt die Sozialdemokratin. Zumal es zum pädagogischen Konzept des Trägers gehöre, Kinder an den Straßenverkehr heranzuführen. Zwar loben die Gemeinderäte den grundsätzlichen Ansatz der Behörde, Vorgaben im Vorfeld transparent zu machen und als "Lobbyisten der Kinder" zu fungieren. Allerdings wünschen sie sich mehr Flexibilität.

"Kindeswohl bedeutet auch, dass das Kind im Ort unterkommt."

"Wenn die Kinder viel Platz haben, aber viele erst gar keinen Platz bekommen, ist auch den Kindern nicht gedient", sagt Werner Hintze (SPD). Helmut Obermaier (Grüne) betont: "Kindeswohl bedeutet auch, dass das Kind im Ort unterkommt." Was noch unter Kindeswohl und was unter überzogene Vorschriften fällt, das ist auch in der Nachbargemeinde Kirchseeon Thema. Weil dort Krippenkinder nicht im Erdgeschoss, sondern im Obergeschoss untergebracht werden sollen, forderte der Jugendhilfeausschuss zusätzliche Kräfte für Brandfälle. "Soll da jemand in der Ecke sitzen und warten, bis es brennt?", hatte Kirchseeons Bürgermeister Udo Ockel (CSU) im Sommer genervt gefragt.

Aus der raschen Entschärfung der Kita-Situation, die man sich in Zorneding versprochen hatte, wird nun also nichts. Der Auftrag an die Gemeinde ist damit klar: Weil aufgrund der Regelung auch in der neu geplanten Kita am Schmiedweg weniger Kinder als erhofft unterkommen werden, muss die Gemeinde anderswo Plätze schaffen - also noch mehr bauen als gedacht. "Die Millionen fehlen dann woanders", prognostiziert Obermaier. "Wir werden in Verzug geraten." Das Problem sieht auch der Bürgermeister: Mit dem massiven Kita-Ausbau "werden wir an den Rand unserer Leistungsfähigkeit kommen", sagt Piet Mayr (CSU). Nach den aktuellen Prognosen wird Zorneding im Jahr 2020 erstmals seit 30 Jahren wieder Schulden machen müssen.

Auch in Kirchseeon ist man weiterhin in Sorge. Im kommenden Jahr öffnet das neue Kinderhaus am dortigen Spannleitenberg, und die anliegende Freifläche wird dann der neuen Einrichtung und nicht mehr der anliegenden Container-Kita zugerechnet. "Wenn wir die Container dann noch brauchen, wird es problematisch", sagt Bürgermeister Ockel. Er appelliert an die Genehmigungsbehörde: "Man muss sich immer an der Not orientieren."

© SZ vom 24.03.2018/koei
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema