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Portrait:Die Lust an der Harmonie

Gute Laune und Musik sind Markenzeichen von Martina Kneißl, die nun den Poinger Kirchenchor leitet.

(Foto: Christian Endt)

Martina Kneißl, neue Kirchenchorleiterin in Poing, möchte die Menschen mit schönen Klängen erreichen

Von Amelie Hörger, Poing

Wenn Martina Kneißl über Musik spricht, strahlt sie übers ganze Gesicht, ihre Augen funkeln. Und wenn sie lacht, wippen ihre Locken wie im Takt mit. Seit einem halben Jahr leitet die 49-Jährige aus Frotzhofen den Kirchenchor von Sankt Michael in Poing - doch das ist längst nicht alles: Kneißl ist eine leidenschaftliche Musikerin, die neben Klavier auch ein wenig Orgel und Gitarre spielt und obendrein zwei weitere Chöre dirigiert.

Langweilig wird es der Anzingerin also nie, vor allem, weil ihre drei Chöre so verschieden sind. Nicht nur in den Musikrichtungen unterscheiden sie sich voneinander, sondern mit Blick auf die Mitglieder: Während im Poinger Kirchenchor Männer und Frauen zwischen 30 und 70 Jahren die Tonleiter erklimmen, sind bei den Anzinger Groovy Girls ausschließlich weibliche Stimmen gefragt. Hinzu kommt ein Kinderchor in Holzkirchen, den Kneißl seit zwei Jahren leitet, 13 Buben und Mädchen lernen darin momentan, mit ihren jungen Stimmen umzugehen. Sie habe also immer Kinder um sich - auch wenn sie keine eigenen habe, sagt Kneißl und lächelt.

Obwohl die Chormusik nun also einen großen Teil ihres Lebens ausfüllt, hat Kneiß die Liebe dazu vergleichsweise spät für sich entdeckt. Eine musikalische Karriere "war nach der Schule nie in meinem Bewusstsein", sagt sie. Natürlich, Klavier habe sie gespielt und auch im Schulchor gesungen - aber mehr? Das sei einfach nicht zur Debatte gestanden. Erst als die damals 20-Jährige in den Jungen Chor Markt Schwaben von Manfred Faig eintritt, flammt die Begeisterung für Chor- und Kirchenmusik erstmals in ihr auf. An diesen Lehrer erinnert sie sich heute noch liebevoll: "Er ist der Kirchenmusik mit ganzem Herzen verschrieben". Begeistert erzählt sie auch von einem wunderbaren Teamgefühl, das in dem Chor geherrscht habe.

Trotzdem dauert es noch einige Zeit, bis das Leben Kneißl zum Dirigieren führt. Zunächst stehen ein BWL-Studium, eine berufliche Orientierungsphase und ein Praktikum in einem Architekturbüro auf der Agenda, in letzterem ist die Anzingerin heute noch in Teilzeit tätig. Doch mit 30 Jahren fasst Martina Kneißl dann endgültig den Entschluss, ihre große Leidenschaft für Musik noch intensiver zu leben: Sie will Chorleiterin werden.

Es folgt eine Ausbildung beim Bayerischen Sängerbund, um Grundlagen wie Schlagtechnik, Musikgeschichte und chorpraktisches Klavierspielen zu lernen, sowie eine Ausbildung beim Ordinariat Freising im Bereich Kirchenmusik, Orgelspiel inklusive. Das allerdings habe sie in den vergangenen Jahren etwas vernachlässigt, gesteht sie. "Wollte ich mich jetzt wieder an die Tasten und Pedale wagen, müsste ich wohl erst ein bisschen üben."

Die "Lust an der Harmonie", daran, "schöne Klänge durch Stimme zu erzeugen", treibt Martina Kneißl an, egal ob Kirchenmusik, Popsongs oder rhythmische Lieder. Alle diese Genres hätten ihren Reiz, sagt sie. Und die 49-Jährige muss es wissen, schließlich konnte sie bereits in allen Bereichen Erfahrung sammeln: Nach den Ausbildungen leitete Kneißl zunächst einen Chor in Hausham am Schliersee, in dem es vor allem um Rhythmus ging. "Der Klang von Kirchenmusik ist voluminöser, in der Popmusik ist er viel schärfer", erklärt Kneißl den für sie größten Unterschied. Die Umstellung falle ihr aber trotzdem nicht schwer.

Mit dem Zeitdruck und der Verantwortung mehrerer Gesangsgruppen scheint Kneißl, die die Arbeit als Chorleiterin als ihren Nebenberuf bezeichnet, problemlos fertig zu werden. "Ich hab das Gefühl, das passt für mich so". Dienstag, Mittwoch und Donnerstag sind Proben, am Wochenende stehen Konzerte oder die musikalische Untermalung des Gottesdienstes in Poing auf dem Programm. Natürlich könne dieses Engagement auch mal viel werden, gesteht die 49-Jährige, vor allem, wenn sich plötzlich alle Ensembles gleichzeitig einbildeten, Konzerte veranstalten zu wollen. Aber auch das gehöre zum Leben einer Chorleiterin nun mal dazu.

Auf die Frage, warum sie sich nun entschieden hat, einen weiteren Chor zu übernehmen, lacht Kneißl ihr schönstes wippendes Lachen. Dann sagt sie: "Der ist mir einfach zugeflogen." Bereits nach ein paar Vertretungsstunden habe es Klick gemacht zwischen den Poinger Sängern und ihr. "Es hat sich einfach richtig angefühlt." Martina Kneißl ist also offenbar jemand, der auch mal etwas aus dem Bauch heraus entscheidet - zum Glück für die Pfarrei, die nun die Stelle der Chorleitung wieder dauerhaft besetzen konnte. "Großen Respekt" hat Kneißl, wenn sie einen neuen Chor übernimmt. Doch sie sieht die Herausforderung auch sportlich, schließlich gehe es hier nur um eines: "Es müssen Emotionen transportiert werden. Die Musik muss etwas machen mit dem Zuhörer, das ist mein Anliegen."

© SZ vom 17.07.2018

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