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Portrait:Der Prozess im Moment

Ulrich Steger aus Poing liefert mit seinem Foto das Cover für das neue Programm der VHS Vaterstetten. Er weiß: Neben der Kamera sind für ein gutes Bild noch ganz andere Dinge wichtig

Von Manuel Kronenberg

Im Urlaub ausschlafen, darauf kann Ulrich Steger gerne verzichten. Zumindest wenn es darum geht, ein gutes Foto zu schießen. Als er im Sommer 2018 mit der Familie auf Sardinien ist, möchte Steger unbedingt einen Leuchtturm fotografieren. Am besten in der morgendlichen Dämmerung, kurz bevor die Sonne aufgeht, denn dann ist das Licht am schönsten. Das Bauwerk liegt 60 Kilometer entfernt von der Unterkunft, wegen der bergigen Route kommt man nur schlecht voran. Also muss Steger genug Zeit für die Anreise einplanen, etwa 90 Minuten. Er bereitet sich darauf vor, mitten in der Nacht aufzustehen, stellt seinen Wecker, geht zu Bett - und verschläft. Weil der Alarm nicht losgeht. Steger steigt dennoch ins Auto, als er ankommt, steht die Sonne schon über dem Horizont.

Der Wecker ist laut Ulrich Steger für einen Landschaftsfotografen das wichtigste Werkzeug. Doch ausgerechnet an diesem Tag habe dieser seine Dienste verweigert, erzählt der Poinger und lacht. Fotografiert hat er trotzdem. Er holt sein Handy hervor und öffnet seinen Fotoblog. Dann scrollt er zu dem Bild, das er vom Leuchtturm gemacht hat. "Das ist jetzt schon relativ hart, das Licht", erklärt Steger. Das sehe man besonders an den Schatten. "Ich hätte es gerne pastelliger gehabt, weicher." Doch obwohl er damals die Dämmerung knapp verpasst hat, ist dies eines seiner Lieblingsfotos. Er grinst. "Für einen Bayern ist ein Leuchtturm eben schon was Besonderes."

Ulrich Steger, Fotoclub Vaterstetten, Gewinner Wettbewerb Bild "Erinnerung"
Titelbild VHS-Programm zum Thema "Alter(n)"

Auf dem Cover ist die Mutter des Fotografen zu sehen - als Kind und heute.

(Foto: Fotoclub Vaterstetten/OH)

Dass dem Maschinenbaukonstrukteur das Fotografieren viel Spaß bereitet, merkt man allein daran, mit welcher Freude er von seinem Hobby erzählt. Steger scrollt weiter. "Das ist ein Querschnitt durch mein Schaffen", sagt er und zeigt Fotos von Hirschen im Nebel, von einem Obststand bei Regen auf dem Viktualienmarkt, von einem alten Traktor, der auf einer Wiese steht. Steger knipst vor allem Landschaften, Dinge wie den Leuchtturm oder Fahrzeuge. Doch eigentlich finde er es am spannendsten, Menschen zu fotografieren, gibt er zu. Dies sei nur leider viel aufwendiger und schwieriger, weil man auf die Menschen ja zugehen müsse. "Man muss die erst einmal begeistern", erklärt er, damit auch ein ordentliches Bild zustande komme. Der Aufwand lohne sich aber eigentlich immer, berichtet Steger, denn man lerne viel dabei. So hat er erst vor Kurzem Fotos von einem Förster aus Anzing gemacht. Gemeinsam sind sie vier Stunden lang im Wald unterwegs gewesen. "Wir sind einfach so losgezogen, er hat mir sein Revier erklärt. Und da sieht man dann auch, mit welcher Begeisterung die Leute ihre Arbeit machen", erzählt Steger. "Währenddessen habe ich halt fotografiert. Das hat richtig Spaß gemacht."

Ein Mensch steht auch im Mittelpunkt des Fotos, das Steger nun für die Volkshochschule Vaterstetten aufgenommen hat. Für das Cover ihres neuen Programms hat sich die VHS wieder an den Vaterstettener Fotoclub gewandt. Dessen Mitglieder, darunter Steger, haben ihren monatlichen internen Wettbewerb sodann am Thema des VHS-Semsters ausgerichtet: "Alter(n)". Gewonnen hat Stegers Foto. Es zeigt ein eigentlich ziemlich naheliegendes Motiv, nämlich die Hände eines alten Menschen - in diesem Fall die seiner Mutter. Steger hat sie allerdings originell in Szene gesetzt: Die Hände halten ein aufgeklapptes Album, welches ein Kinderfoto der Mutter zeigt. "Erinnerung" lautet der Titel des Bildes. Wichtig seien ihm außerdem die zurückhaltenden Farben gewesen, erzählt Steger. Er wollte keinesfalls eine harte Schwarzweiß-Aufnahme, die Falten und somit das Alter übermäßig hervorhebt - statt dessen hat er eine betont weiche Darstellung gewählt, "denn mit dem Ergebnis soll das Model ja auch zufrieden sein - meine Mutter als Kind und heute. Für ihre Bereitschaft mitzumachen bin ich sehr dankbar." Geachtet hat Steger auch darauf, dass man die Tischdecke im Bild sieht, solche Stoffe verbinde er nämlich immer mit älteren Menschen. Man müsse auf die Details achten, erklärt er. "Dann wird es zum Schluss auch rund."

Das Bild mit dem Namen "Erinnerung" von Ulrich Steger aus Poing ziert das neue VHS-Programm.

(Foto: Christian Endt)

Wenn Steger sich daran macht, ein bestimmtes Thema zu bearbeiten, dann sammelt er zunächst Ideen, macht Skizzen. Bei dem VHS-Cover habe er sich gefragt, wie er am besten das Altern als Vorgang einfange, um nicht nur einen Zustand zu dokumentieren. Mit der Kombination aus Kinderfoto und alten Händen ist es ihm gelungen, diesen langen Prozess sichtbar zu machen. Außerdem lässt das Bild Raum für Interpretation. Wenn man sich ein bisschen darauf einlasse, könne es auch Emotionen transportieren, meint Steger. "Man kann sich vorstellen, dass der Mensch freudig oder traurig auf das Bild schaut."

Für Steger bedeutet Fotografieren immer auch Entspannung. "Das ist diese Art von Freiheit, dass ich alles so gestalten und machen kann, wie ich das möchte", erklärt er. Und dass er vom Auto über den Wald bis hin zum Menschen alle möglichen Motive einfangen könne. Als Profi lege man sich meistens auf ein Spezialgebiet fest, sagt Steger, auch deshalb bewahre er sich das Fotografieren als Hobby. Das bedeutet aber nicht, dass sich der Poinger keine neuen Herausforderungen sucht. Als Nächstes möchte er es in Angriff nehmen, mehr Menschen zu fotografieren. Vielleicht ja sogar noch ein paar, die im Forst arbeiten.

© SZ vom 23.01.2019

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