Porträt Und irgendwann Don Carlos

Der Anzinger Frederic Jost ist im ganz tiefen Bass zu Hause - am Wochenende kann man ihn bei den Poinger Kulturtagen erleben

Von Alexandra Leuthner, Poing

Wenn einer schon mit Stardirigenten wie Zubin Mehta oder Simon Rattle auf der Bühne gestanden hat, möchte man meinen, gibt es nicht mehr viel, das ihm wirklich Herzklopfen machen kann. Oder? "Doch", sagt Frederic Jost, "ich hasse es, vor kleinen Gruppen zu singen. Da fehlt das Licht, die Bühne, es riecht anders. Es ist einfacher vor gefühlt Tausenden zu singen als vor drei Leuten." Hin und wieder hat er das trotzdem getan - in der Schule. Die Einser in Musik waren ihm immer sicher, wenn er seine Stimme ausgepackt hat - und die Musiklehrer am Gymnasium Markt Schwaben recht stolz auf ihren Meistersinger.

Jetzt ist Frederic Jost 25, steht gerade vor seinem Master in Liedgestaltung und Konzertgesang an der Musikhochschule in München und plant, mit seiner voluminösen Bassstimme die Opernhäuser der Welt zu erobern. Gerade mal sechs Jahre war er alt, als der Tölzer Knabenchor um Nachwuchs warb, in der Grundschule in Neuhausen, die er damals besuchte. Er ging zum Vorsingen - und ist hängen geblieben. Als Teil des berühmten Chors, bald sogar als eine der Solostimmen, reiste er durch die Welt; mal ging es nach Frankfurt oder Hamburg, dann wieder nach Chicago; alle drei Knaben in Mozarts "Zauberflöte" hat er gesungen. Er zog mit seiner Familie nach Anzing, wechselte aufs Gymnasium Markt Schwaben - wo er zwischen seinen Reisen immer mal wieder aufschlug. Zum Glück, sagt er heute, habe er vom damaligen Direktor Gerhard Dittmann jede Menge Unterstützung erfahren. "Und wenn ich fünf Schulaufgaben versäumt hab,' hab' ich halt fünf nachgeschrieben." Für die Schulkameraden sei das manchmal etwas komisch gewesen, aber gemobbt habe ihn nie jemand. Neben all den Proben, dem Reisen, dem Singen, sei auch immer noch Platz fürs Fußballspielen gewesen, "ich hab das gar nicht als anstrengend empfunden". Im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder. Der habe mit dem Singen schnell wieder aufgehört, wollte nicht dauernd unterwegs sein. "Mir hat das Spaß gemacht, ich war ja unter Freunden."

Liebt die Oper: Frederic Jost aus Anzing möchte mit seiner Stimme gerne die Bühnen der Welt erobern.

(Foto: Stephan Rumpf)

Und Glück hatte Frederic Jost auch mit seinem Talent: Der Stimmbruch konnte ihm nichts anhaben, sondern setzte ihn einfach ein paar Oktaven tiefer. Und doch habe er seine Stimme erst einmal wiederfinden müssen. "Da singst du als Knabe in den höchsten Tönen - und dann geht gar nichts mehr. Man jodelt ein bisschen, und es kracht alles." Als spiele man plötzlich auf einem anderen Instrument. Jost ging für ein Jahr nach Amerika, dann arbeitete er weiter an seiner neuen Stimme. "Mit 17 war mir klar, dass ich Profimusiker werden wollte." Er lernte Klavierspielen, bewarb sich nach dem Abi mit Erfolg an der Musikhochschule. Immer mit Rückendeckung von zu Hause. Seine Eltern, beide Beamte, hätten ihn immer machen lassen, seien zu Auftritten mitgereist, hätten ihn zu den Proben gefahren. "Aber wenn ich gesagt hätte, ich will Friseur werden, wäre das auch okay gewesen." Dass es nun ausgerechnet die Oper ist, die es ihm angetan hat, habe seine Mutter mit den Worten quittiert: "Ich liebe Robbie Williams, warum singst du nicht wie er?" Er lacht. "Wir sind nicht die Opernfamilie, hören nicht jeden Tag klassische Musik." Aber er sei da hinein gewachsen, kann sich nichts Schöneres mehr vorstellen. Gerade erst hat er sich den "Trovatore" angeschaut in München, "ich liebe die Oper, weil es so direkt ist, eine intime Sache, es ist live, es ist auf der Bühne, ohne Mikrofon, mit Orchester, mit echten Stimmen".

Seit vier Jahren betreut ihn die südafrikanische Mezzosopranistin Michelle Breedt, Gesangslehrerin an der Hochschule, und hilft ihm, seine Stimme zu formen und zu trainieren, sie "erst mal schön zu machen" und dann auszubauen. "Jedes Jahr ein Halbton mehr, sagt meine Lehrerin", erzählt der junge Bass, "sie wächst ja noch bis ich 30, 35 bin, aber es steckt viel Arbeit dahinter, bis die Stimme erwachsen ist." Bis dann auch die Hauptrollen in den Bereich des Möglichen rücken. Das schönste, das er als Mann bisher gesungen habe, sei der Sarastro aus Mozarts "Zauberflöte" gewesen, hier an der Hochschule. An der Staatsoper ist Jost zur Zeit an einem Projekt zum 40. Jubiläum der Inszenierung von August Everding beteiligt und steht im kommenden Jahr zum ersten Mal für eine Rolle in Glucks "Alceste" auf der großen Bühne der Oper. In Frankfurt singt er 2019 den ersten Handwerksburschen in Alban Bergs "Wozzeck". In Bregenz hat er im Juli im Meisterkurs von Brigitte Fassbaender mitgewirkt.

Die Kulturtage

Die Poinger Kulturtage starten am Freitag, 19. Oktober, um 19.30 Uhr in der Aula der Grundschule mit Theater, eine Gruppe von Darstellern aus Poing und Umgebung zeigt den "Raub der Sabinerinnen". In der Schule findet auch der Operettenabend am Samstag, 20. Oktober, um 19.30 Uhr statt. Am Sonntag, 21. Oktober, um 11 Uhr folgt am Sportzentrum das "Aschenputtel" der Ballettschule des Familienzentrums. Am nächsten Wochenende steht am Freitag, 26. Oktober, um 20 Uhr in der Christuskirche ein Arien- und Kammermusikabend auf dem Programm, gefolgt von einem "Bayerischen Abend" mit Poinger Vereinen am Samstag, 27. Oktober, um 19 Uhr in der Schule. Zum Abschluss, am Sonntag, 28. Oktober, um 18 Uhr gibt es noch einmal die Möglichkeit, den "Raub der Sabinerinnen" zu sehen. abl

Und sollte es nicht gleich klappen mit einer Festanstellung an einem der Opernhäuser in Mailand, London oder München, um die er sich nach dem Master bewerben will, eröffnen ihm die Gastengagements, auf die er zurückblicken kann, jede Menge Kontakte in den Opernbetrieb, der ihn so fasziniert und wo er mit seiner Stimmlage wohl gute Chancen hat. "Ich bin froh, Bass zu sein", schwärmt er - sein Traum ist es, den König Philippe in Verdis "Don Carlos" zu singen. "Ella giammai m'amò", ("Sie hat mich nie geliebt"), die Klage des trauernden Herrschers und "schönste Arie der Oper", wie Jost findet, "ein extrem intimer Moment." Aber den 60-Jährigen, "den nimmt mir jetzt noch keiner ab, das dauert lange, bis ich den singen werde".

Am kommenden Samstag steht der Anzinger auf etwas kleinerer Bühne, hat mit Operettenmelodien eine Art Heimspiel bei den Poinger Kulturtagen. Die Met kommt dann später.