Wasserburg 40 Jahre Kunst als Künstlerpaar

Ute Lechner mit den charakteristischen schwarzen T-Shirts ihres verstorbenen Ehemannes. Sie sind ein persönlicher Teil der Ausstellung im Wasserburger Ganserhaus.

(Foto: Veranstalter/oh)

Seit den 70gern waren Ute Lechner und Hans Thurner in Wasserburg gemeinsam aktiv. Vergangenes Jahr ist er verstorben. Nun gibt es eine Doppelausstellung.

Von Theresa Parstorfer, Wasserburg

Ausgebleicht von der Sonne, abgewetzt am Kragen, an so manchem Ärmel beinahe rötlich - wie viele unterschiedliche Schattierungen ein eigentlich rein schwarzes T-Shirt annehmen kann, zeigt ein Kunstwerk von Ute Lechner: Es besteht aus 75 schwarzen T-Shirts. Feinsäuberlich, jedes einzeln auf einen Metallbügel gespannt und an einen Industrie-Kleiderständer gehängt, im Keller der Galerie im Ganserhaus.

Die Installation ist Teil der Einzelausstellung "Zeitkästen" beim AK 68 in Wasserburg. Um eine ganz besondere Ausstellung handelt es sich dabei, denn die Künstlerin Ute Lechner zeigt dort nicht nur 18 ihrer eigenen, sondern auch elf Werke ihres im vergangenen Jahr verstorbenen Ehemanns Hans Thurner. Beinahe 40 Jahre lang schaffte das Paar Kunstwerke in Wasserburg und Umgebung. Eine gemeinsame Ausstellung im Ganserhaus war schon länger geplant, konnte aber wegen Thurners Krankheit nicht mehr zu seinen Lebzeiten umgesetzt werden. Beim Konzipieren wie auch beim Hängen der Ausstellung hatte Lechner ihren Mann jedoch "immer im Kopf", sagt sie.

Teil der Einzelausstellung "Zeitkästen" beim AK 68 in Wasserburg.

(Foto: Veranstalter/oh)

In gewisser Weise ist außerdem ein sehr persönlicher Teil von Thurner in den Ausstellungsräumen anwesend - neben seiner eigenen Kunst -, denn die T-Shirts im Keller, die gehörten alle ihm. "Da waren noch viel mehr", sagt Lechner und verkleinert den Abstand zwischen zwei Bügeln, sodass sie wieder alle in Reih und Glied hängen. Mancher Bekannte hätte sich nach Thurners Tod eines genommen, sagt sie. Sie selbst habe versucht, eines als Nachthemd zu tragen, doch "das ging nicht", sagt sie, die hellen blauen Augen auf dem dunklen Stoff vor ihr, und belässt es dabei.

Die T-Shirts waren Thurners Erkennungszeichen, das erzählt der zweite Bürgermeister, Werner Gartner, in seiner Eröffnungsrede. Als Hommage habe er sich deshalb an diesem Abend ebenfalls in schwarze Jeans und schwarzes T-Shirt anstatt Hemd und Krawatte geworfen. Denn nicht einmal für feierliche Anlässe habe sich Thurner, Künstler, Landwirt, und obendrein langjähriger Bürgermeister der Gemeinde Obing, von seinem Kleidungsstil abbringen lassen.

Beinahe 40 Jahre lang schaffte das Paar Kunstwerke in Wasserburg und Umgebung.

(Foto: Veranstalter/oh)

Sie hat Spuren in der Stadt und den Köpfen der Menschen hinterlassen

Nicht nur die lange Liste an Ausstellungsorten wie Berlin, Wien oder Budapest, die Fülle an Kunstwerken, die die beiden geschaffen haben, sondern auch die vielen Gäste bei der Vernissage zeigen: Lechner und Thurner, die kennt man. Auch über die Stadtgrenzen hinaus. Viele der Besucher können Geschichten über den Hans erzählen, wie lebensfroh, wie unkompliziert er war, wie er seine T-Shirts, wenn sie zu dreckig waren, einfach auf links drehte. "Der Macher, der künstlerische Autodidakt, rostig, rissig, zumal auch grob seine Objekte", so beschreibt Gartner ihn. Lechner hingegen sei schon immer die "Ästhetin, die ihre Kunstwerke perfektioniert". Dafür erhielt sie 2017 den Kulturpreis des Landkreises Rosenheim.

Altes, kaputtes, nicht mehr benutztes "Glump" setzte das Künstlerpaar Ute Lechner und Hans Thurner in Kästen.

(Foto: Veranstalter/oh)

Seit 1980 arbeitete die in Berlin geborene, große, heute sehr zerbrechlich wirkende Frau mit den kurzen weißen Haaren in Wasserburg mit Thurner zusammen. Doch viele Werke tragen auch nur ihren Namen. Sie hat Spuren in der Stadt und den Köpfen der Menschen hinterlassen: "Kugellager" von 2006 gilt bis heute als eine der erfolgreichsten Ausstellungen im Ganserhaus. So erfolgreich, dass der Stadtrat im selben Jahr beschloss, auf dem Kreisverkehr Richtung Prien drei von Lechners massiven Messingkugeln zu platzieren und damit gleichzeitig die Tradition ins Rollen brachte, jeden Wasserburger Kreisverkehr mit einem Kunstwerk zu schmücken.

Neben diesen großen, für Lechner und auch Thurner durchaus typischen Kunstwerken - Kugeln, Schiffe, Stelzen, Körper aus Metall oder Holz im öffentlichen Raum - sind da aber auch die kleinen, intimen Arbeiten. Um diese geht es nun im Ganserhaus. Vom "Glück im Kasten", so heißt es in dem liebevoll und eigens für die Ausstellung zusammengestellten Katalog, denn über viele Jahre hinweg haben Lechner und Thurner Dinge gesammelt und in Kästen arrangiert.

Bleibt durch seine Kunst in Erinnerung: Hans Thurner im Jahr 2010 mit Ute Lechner in Rechtmehring.

(Foto: Manuel Michaelis)

Auf Flohmärkten oder in der Natur fanden sie die Protagonisten für ihre mit Glas verschlossenen Kästen in allerlei Größen: von alten Stoffmustern, winzigen Taufbecken, filigranen Vogelskeletten bis hin zu rostigen Gabeln, ausgebleichten Tierfellen und abgetragenen Schuhen. Ganz in der Tradition der objets trouvé, erzählen diese Dinge von fremden Leben, aber auch von zwei Künstlern, die ein Auge haben für das Schöne im Alten, auf den ersten Blick vielleicht Kaputten und Nutzlosen.

Eine "skulpturale Erweiterung der Collage", nennt Bürgermeister Gartner das, ein "Blick wie in ein fremdes Tagebuch" sagt Kathrin Meindl, zweite Vorsitzende des AK 68. Für diesen Blick aber müsse man sich Zeit nehmen, fügt sie hinzu. Um die vielen Details, die möglichen Geschichten wirken zu lassen. Um all die unterschiedlichen Schattierungen wirklich wahrnehmen zu können.

Ute Lechner und Hans Thurner: Ausstellung "Zeitkästen" in der Galerie im Ganserhaus in Wasserburg, Schmidzeile, zu sehen bis 8. Juli, geöffnet donnerstags bis sonntags, jeweils 14 bis 19 Uhr