Süddeutsche Zeitung

Porträt:Der Tod in weiten Hosen

Tänzer und Yogalehrer Eric Brown darf wieder in die Masken der "Bayerischen Rauhnacht" schlüpfen.

Von Victor Sattler, München/Ebersberg

Für einen gebürtigen US-Amerikaner weiß Eric Brown mit der deutschen Sprache erstaunlich gut umzugehen: Über ein Bühnenstück, das viel künstlerische und choreografische Freiheit lässt, sagt er: "Das ist kein Schwanensee." Über eine vergangene Zeit, an die man sich wehmütig erinnert und die junge Leute gar nicht mehr kennen: "Das ist mittlerweile auch eine Ära!" Und der 68-Jährige Tänzer wünscht sich auch ein wenig zurück, in diese Zeit.

Die "Bayerische Rauhnacht" der Kirchseeoner Band Schariwari ist freilich kein Schwanensee, aber mittlerweile auch eine Ära. Genau deshalb holt die Gruppe diesen Dezember das mystische Musiktheater, mit dem sie zehn Jahre in Bayern und Österreich auf Tour war und Preise abräumte, ins Heute - nach zwölf Jahren Spielpause. Bei dem Gedanken bekommt Eric Brown eine Gänsehaut, denn die Rauhnacht ist auch für ihn etwas Einmaliges. Er fühle sich damit wie ein leibhaftiger Wanderschauspieler, als Teil einer Inszenierung, die so auch schon vor 400 Jahren über die Bühne gehen mochte, sagt der Münchner. Es ist ein Spektakel mit echten Baumwurzeln als Kulissen, mit uralten Lederhosen und Perchten-Masken, die erst aus Museen entliehen werden müssen; eine Inszenierung, bei der "endlich mal wieder nicht der Dollar die Hauptsache ist", wie Brown erleichtert sagt.

Warum ihm das so viel bedeutet, wird aus seiner Biografie deutlich. Eric Brown, geboren in San Diego und auf Hawaii aufgewachsen, wurde klassischer Tänzer, einfach des Tanzens wegen. Er bereiste die Welt, als es noch möglich war, wirklich an Orten anzukommen, statt nur an ihrem touristischen Spiegelbild. Dafür bemitleidet er die jüngere Generation hörbar. Als es noch eine echte Hürde darstellte, dorthin zu gelangen, trippelte Brown durch Frankreich, Spanien und Israel, den Iran und Libanon - "was für ein Glück!" - bevor er zum ersten Mal am Münchner Marienplatz stand und von einer Sekunde auf die andere spürte: "Das hier ist meine Stadt." Beim ZDF in München war er dann bis Ende der 80er Jahre als Tänzer angestellt.

Was ist an den bayerischen Landen so besonders? "In Amerika haben wir kaum eigene Märchen, sondern alle importiert", gesteht Eric Brown, "aber als ich den Bayerischen Wald gesehen habe, leuchtete mir plötzlich so einiges ein. Ich dachte mir, das ist wahrscheinlich, wo diese Fabelwesen geboren wurden. Hier liegt ganz offensichtlich die Inspiration."

Märchen locken ihn aus dem gleichen Grund wie das Hatha-Yoga, das er später für sich entdeckte. "Yoga-Posen sehen erstmal schmerzhaft aus. Aber ich bin nicht dieser Schmerz, das ist nur mein Körper", erklärt er, "wir spielen alle eine Rolle mit unserem Körper." Die ständige, akribische Körperbeobachtung könne - ob auf der Märchenbühne oder beim Yoga, ob hinter einer Maske oder in der weiten Hose - zu einem höheren Bewusstsein und Frieden führen. Bis 2012 praktizierte Brown diese Lehren in einem eigenen Yoga-Studio. Da hatte sich die Szene aber längst in Richtung schnellen Konsums entwickelt, womit er sich weniger identifizieren konnte. Heute ist Brown zwar noch als ungebundener Lehrer für Seminare unterwegs, schreibt aber mittlerweile viel lieber Romane über die großen Absurditäten der Yoga-Welt, die ihm über die Jahre hinweg so übel aufgestoßen sind.

Dass die "Bayerische Rauhnacht" nun ihr Revival erfahren darf, katapultiert den Tänzer ins arg vermisste Jahr 1996 zurück, als er ursprünglich für den Schariwari-Spaß angefragt wurde und die Welt noch in Ordnung war. "Das einzige Problem ist, dass ich damals ja schon nicht mehr jung war, aber heute nun ...", lacht Brown und holt tief Luft. Gerade für den Tanz mit Masken muss er auch mit 68 Jahren weiter gut geölt bleiben. Denn das ist eine andere Art des Spiels, bei der eine Augenbraue allein nichts ausrichten kann.

Mit einer theatralischen Handbewegung verkündet Eric Brown in der Rolle des Todes seine düstere Entscheidung, nachdem im Lied zuvor eine verlorene Seele, nämlich ein ungetauftes Kind, beklagt wurde. Der Glaube war auf dem Land eng mit dem Aberglauben verknüpft, zu einem Netz, das die Menschen gut in Schach hielt; und in den Rauhnächten, also zwischen Weihnacht und Dreikönigstag, erreicht beides jährlich einen Höhepunkt. Aber es muss auch nicht alles so ernst sein bei Schariwari. In seiner zweiten Rolle, als Hexe, darf Brown wärmenden Klamauk verbreiten - und als Frau Luz bringt er sogar seine persönliche Note in die Rauhnacht ein: "Die Frau Luz ist halb Mann, halb Frau, halb Licht und Dunkelheit, so sehr Yin wie Yang - eigentlich ist diese Rolle für mich die Essenz des Yogas."

"Die bayerische Rauhnacht" am Donnerstag und Freitag, 6./7. Dezember, im Alten Speicher Ebersberg ist bereits ausverkauft. Weitere Vorstellungen: am Sonntag, 9. Dezember, um 18 Uhr im KuKo Rosenheim, Tickets unter (08031) 365 93 65 oder www.veranstaltungen.kuko.de, sowie am Dienstag und Mittwoch, 1./2. Januar, um 20 Uhr, im Bürgersaal Ergolding, Tickets unter (08071) 294 75.

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Quelle:
SZ vom 28.11.2018
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