Süddeutsche Zeitung

Porträt aus Glonn:Anker am Schlagzeug

Fabian Füss ist ein vielschichtiger Drummer, er spielt in mehreren Formationen - von Hip-Hop über Rap bis Metal. Allerdings komme es in seinem Job stets auf ein und dasselbe an: Kommunikation und Zuverlässigkeit

Von Johanna Feckl

Fabian Füss steht vor seinem Schlagzeug. Von seinem Haus in Steinhausen bei Glonn, in dem er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt, sind es nur wenige Meter auf einem schmalen Weg durch den Garten bis zu dem Häuschen, in dem der 42-Jährige sein Arbeitswerkzeug untergebracht hat. Füss ist Berufsmusiker - mit namhaften Reverenzen. Zehn Jahre lang saß er bei Blumentopf hinter den Drums. DJ und Produzent der Münchner Hip-Hop-Combo war Sebastian Weiss alias Sepalot, der im vergangenen Jahr ein neues, genreübergreifendes Musik-Projekt ins Leben gerufen hat, das Sepalot Quartet. Neben Sänger und Bassist Florian Kreier alias Angela Aux und Jazz-Gitarrist und Trompeter Matthias Lindermayr ist Füss mit dabei. Im April erschien das zweite Album "Nownext". Außerdem spielt der Glonner aktuell mit den Rappern Monaco F aus Wasserburg und Roger Rekless aus München sowie in der Münchner Metalband Emil Bulls.

"Wenn der Drummer Zuverlässigkeit ausstrahlt, bringt er damit ein gewisses Gewicht auf die Bühne", sagt Füss. "Durch diese Schwere hat die Band einen guten Stand - da wackelt nichts." Bis er selbst so weit war, dauerte es allerdings ein paar Jahre. Der kleine Fabian war elf oder zwölf Jahre alt, als ihn seine Schwester mit auf ein Konzert von Kool & the Gang nahm. Irgendwas hat ihn da gepackt. Was genau, kann Füss nicht in Worte fassen - aber es war das Schlagzeug, das am deutlichsten hängen blieb: Von diesem Tag an ging es nicht mehr ohne Drums. Zwei Jahre lang durfte Füss in seiner Schule auf dem Schlagzeug im Musikzimmer trommeln. Mit 14 Jahren bekam er dann sein erstes eigenes Set.

Er hörte Kassetten und versuchte, die Beats nachzuspielen. Zunächst noch Guns 'n Roses, bald Metallica und Slayer - "das war eine ziemlich schnelle Entwicklung in Richtung hartem Metal", sagt Füss. Die Namen der Künstler wurden unbekannter, die Songs wuchtiger. Und die Zeit, die Füss mit Sticks in den Hängen verbrachte, immer mehr. Dass er damit einmal Geld verdienen könnte, daran dachte Füss als Jugendlicher nicht. Trotzdem spielte er in Bands, stets in mehreren gleichzeitig. Füss lacht und erzählt von einer Veranstaltung, bei der er mit fünf Formationen auftrat.

"Schlagzeug war einfach überpräsent bei mir." Bis Füss aber begriff, dass dies auf mehr hindeutete als nur auf ein Hobby, bis dahin sollten noch einige Jahre vergehen. Nach dem Abi, da war er 18, verbrachte er zwei Wochen in Schweden, um dort mit einer Münchner Metalband ein Album aufzunehmen. "Aber geschnackelt hat es da immer noch nicht", sagt Füss. So zog es den damaligen Münchner an die Uni, er studierte Kommunikationswissenschaften, Politik und amerikanischer Kulturgeschichte - nicht, weil das Fächer gewesen wären, für die er leidenschaftlich gebrannt hätte. Sondern eher, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Doch in der Retrospektive sagt er: "Auch wenn es mir nie so richtig getaugt hat: Geschadet hat es nicht."

Als Fabian Füss 25 war, fasste er dann aber doch einen Entschluss: "Ich hatte eigentlich eh kaum ein Buch in der Hand, sondern immer nur Stöcke", sagt der heute 42-Jährige. "Also dachte ich mir, dass ich einfach nur noch Schlagzeug spielen sollte." Und so schmiss er kurz vor den Magisterprüfungen sein Studium hin - und ging mit den Emil Bulls auf Tour.

Seitdem ist Füss Berufsmusiker. Die Wände seines Musikraums sind mit Holz verkleidet - weniger schallend als Stein und Beton, erklärt er. Davor hängen an einigen Stellen graue Vorhänge, auch das soll hilfreich sein für einen guten Klang. Füss setzt sich an sein Schlagzeug, schraubt an ein paar Teilen rum. Stack- und Ride Becken, Hi-Hat, Snare Drum - zu jedem Baustein seines Schlagzeugs sagt er ein paar Worte und spielt es an. "Das ist das Schöne am Schlagzeug: Man kann es ganz individuell gestalten und aufbauen." Am Boden, dort, wo sein Fuß das Pedal der Bass Drum bedient, hat er eine Kuhglocke hingebastelt. Manchmal passe dieser Klang sehr gut, versichert der Drummer, obwohl man es vielleicht gar nicht erwarten würde.

Hinter dem Schlagzeug lehnt eine schwarze E-Gitarre mit dunkelbraunen Hals. Hübsch sieht sie aus, schlicht und unaufgeregt, aber gleichzeitig elegant. Füss winkt ab. Gitarre spiele er nur "für den Hausgebrauch". Zum Songschreiben sei das ganz nützlich, dafür hat er sich ein paar Akkorde zusammengesucht. Eine Trompete steht auch herum, aber ohne Anleitung sei es schwierig, passable Töne heraus zu bekommen, so Füss. Aber Bass kann er spielen, und in seinen Fingern stecken immerhin acht Jahre Klavierunterricht.

"Musik ist letztlich Kommunikation", sagt Füss. "In welchem Gewand die daherkommt, ist für mich nachrangig." Füss scheint mehr Wert auf eine Vielfalt bei den Gewändern zu legen als auf ein bestimmtes Genre. Darauf lassen nicht nur die vielen Instrumente schließen, sondern auch, dass er nicht der Drummer einer einzigen Band ist. Bei ihm laufen immer mehrere Projekte parallel. Fester Bestandteil von nur einer Band zu sein, das würde in seinen Augen einer bloßen Dienstleistung gleichkommen. Ein solches Arbeitsmodell aber könne in der Musik nicht funktionieren. Von Hip-Hop übere Rap bis Metal: Es mache ihn glücklich, so der 42-Jährige, dass er eine solche kreative Bandbreite habe. Es ist die Kommunikation an sich, die für ihn zählt, die Verbindung mit anderen Musikern und mit dem Publikum.

Diese zu leben aber ist freilich schwierig in Zeiten von Corona, in der keine Konzerte stattfinden dürfen. Jetzt im Juni wäre Fabian Füss eigentlich mit den Emil Bulls auf Tour gewesen, zum 25-jährigen Bestehen der Band, dementsprechend gut hätten sich die Tickets verkauft, erzählt der Drummer. Auch mit Monaco F war einiges geplant. Der Rapper hat Anfang 2020 sein neues Album "Bierbankphilosoph" veröffentlicht. Das Releasekonzert am 21. Februar im Münchner Club Strom fand noch statt, dann war Schluss. Eine Tour mit dem neuen Album des Sepalot Quartets war und ist ohnehin erst für Ende des Jahres geplant - noch stehen die Termine.

Obwohl Füss vom kulturellen Lockdown also durchaus betroffen ist, gibt sich der Schlagzeuger positiv gestimmt. "Mich als Künstler hätte es noch viel schlimmer treffen können - wenigstens stehe ich auf vier Beinen." Denn neben all den Konzerten und Studioproduktionen hat er noch drei weitere Jobs: In der Münchner Muffathalle arbeitet Füss bei Konzerten als Produktionsleiter, beim Patentamt ist er zuständig für die Konferenztechnik. Außerdem unterrichtet der Glonner Schlagzeug, seit Mitte März wegen Corona nur mehr via Videochat. "Das macht vielleicht weniger Spaß, aber es funktioniert", urteilt Füss. Eigentlich hat der 42-jährige Familienvater also diverse Einkünfte, doch drei davon fallen im Moment komplett flach, so gesehen steht er im Moment tatsächlich nur mehr auf einem seiner vier Beine. "Ja, das was übrig geblieben ist, ist schon recht mickrig", sagt er. Trotzdem: Jammern will er nicht.

Vielleicht ist es das Schlagzeug, das dem Leben von Füss trotz Corona irgendwie Kontinuität und Sicherheit verleiht. Dieser Gedanke drängt sich jedenfalls auf, wenn der Musiker über sein Instrument spricht. Die Bass Drum sei es, auf die es ankomme, sagt er. Die große Trommel, die mit einem Fußpedal geschlagen wird, sei das "Hauptkommunikationsmittel": Sie gebe den Takt vor - das, worauf im Grunde genommen alles andere aufbaue. "Man sagt, wenn der Schlagzeuger einen guten Rhythmus hat, dann kann eigentlich nicht mehr so viel schiefgehen", so Füss.

Ein bisschen vermessen klingt das ja schon: Alles steht und fällt mit dem Schlagzeuger, also damit, ob er einen guten oder schlechten Job abliefert? Ja und Nein, so Füss: Das Aushängeschild einer Formation sei und bleibe freilich der Sänger oder die Sängerin, er oder sie gäben der Band ein Gesicht. Die Aufgabe des Schlagzeugers sei subtiler, aber nicht weniger bedeutend: Er schaffe ein Fundament. Der Drummer als Anker. "Aber in einer richtig großartigen Band gibt es kein schwaches Glied", betont der 42-Jährige. Jeder habe seine Aufgabe und jede davon sei wichtig. "Das Bild vom Schlagzeuger, der aktiv ist und einfach nur rausbläst, das ist jedenfalls nicht genug", sagt Füss. Stabilität laute das Zauberwort.

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Quelle:
SZ vom 30.06.2020
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