Bildung:Pooltests mit Pannen

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Bildung: Die PCR-Lollitests der Grund- und Förderschüler in Bayern werden zunächst poolweise ausgewertet.

Die PCR-Lollitests der Grund- und Förderschüler in Bayern werden zunächst poolweise ausgewertet.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)

An der Grafinger Grundschule muss der Großteil einer vierten Klasse ins Homeschooling. Grund sind fehlende Testergebnisse. Das System ist anfällig - warum stehen die Schulen dennoch dahinter?

Von Korbinian Eisenberger, Grafing

Die schlechte Nachricht für Familie Haack ging um 18.46 Uhr per Email ein: "Ihr Pool-Ergebnis lautet: positiv." Für Nadja Haack und ihre neunjährige Tochter begann das Warten. So etwas kann schon mal vorkommen, wenn die PCR-Testergebnisse aller Kinder einer Klasse gesammelt und gemeinsam ausgewertet werden. Dann muss ein zweiter Test, das Einzelergebnis, Klarheit bringen, ob man tatsächlich selbst betroffen ist. Nur gibt es damit ein Problem: Die Haacks haben kein Zweitergebnis erhalten, erklärt die Mutter. "So wie die meisten in der Klasse."

An Bayerns Grund - und Förderschulen wird seit längerem der sogenannte Pooltest praktiziert, um Corona-Infektionen klassenweise gleichermaßen sicher wie effizient zu identifizieren: Jeder Schüler macht zwei Mal pro Woche kurz vor Unterrichtsbeginn zwei sogenannte Lollitests, die deutlich angenehmer sind als die Variante mit dem Stäbchen. Test Nummer eins aller Schüler einer Klasse wird zu einer Testmenge gemischt und dann getestet. Nur bei einem positiven Resultat werden die Zweittests ausgewertet, dann separat, um die infizierte Person zu bestimmen. Bei dieser zweiten Auswertung gab es nun eine Panne an der Grundschule in Grafing.

Betroffen sind dort 19 von 25 Schülern der Ganztagsklasse vier, die nach dem positiven Pooltest vergeblich auf das Ergebnis des Zweittests warteten - und nun zuhause bleiben müssen. Zu ihnen zählt die neunjährige Tochter von Nadja Haack, die am Mittwochmittag daheim lernt. Gerade stehe Mathematik an, berichtet ihre Mutter am Telefon. Fürs Homeschooling sei ihre Tochter gut ausgerüstet, nachdem sie die dritte Klasse nahezu ausschließlich zu Hause bestritten hat. "Die Lehrerin schickt per Teams-Chat Unterrichtsmaterial, das Kind sitzt vor dem Tablet und löst Aufgaben", sagt Haack. Ihre Tochter komme damit zurecht, sagt die 39-Jährige. Allerdings ist es damit nicht getan. Haack hätte heute Dienst gehabt. "Ich bin Krankenschwester und falle deswegen aus."

Das Beispiel der Familie Haack aus Grafing zeigt einerseits, wie wichtig ein funktionierendes Testsystem an den Schulen für eine funktionsfähige Gesellschaft ist. Es macht aber auch deutlich, welche Verantwortung auf den Schulen und ihren Test-Laborbetreibern lastet.

"In so einer Krise ist nicht zu managen, dass alles immer hundert Prozent läuft."

Ein Anruf bei Simone Fleischmann aus Zorneding, früher selbst Grundschuldirektorin in Poing, seit 2015 Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands. "Solche Fälle sind keine Einzelfälle", sagt sie. Angesichts der Überlastung der Labore und des hohen Drucks auf die Lehrer und Schulleiter in der Pandemie sei auch nicht zu verhindern, dass es zu Fehlern oder Verzögerungen komme. Sie kenne zahlreiche ähnliche Beispiele wie nun in Grafing. In einem anderen Landkreis etwa war in einer Klasse der Pooltest positiv, sämtliche Einzeltests hingegen negativ. Fleischmann: "In so einer Krise ist es nicht zu managen, dass alles immer hundert Prozent läuft."

Zu einer von Tausenden Corona-Managerinnen in Bayern zählt Christiane Goldschmitt-Behmer, die Grundschulleiterin in Grafing. Ihr Team sind Lehrer, zu deren Stellenbeschreibung mittlerweile der morgendliche Test gehört. Nicht Mathe, sondern Corona. Goldschmitt-Behmer berichtet, dass die ersten und zweiten Klassen immer montags und mittwochs testen, die Jahrgangsstufen drei und vier dienstags und donnerstags. Alle gleichzeitig zu testen, sagt Rektorin Goldschmitt-Behmer, "das würde das Testlabor wahrscheinlich komplett überfordern." Die Zusammenarbeit mit dem Labor sei zwar nicht sonderlich von Kommunikation geprägt, bisher jedoch gut gewesen. Der jüngste Fall sei der erste dieser Art.

Ausgewertet werden die Coronatests der Grafinger Grundschüler von der Firma Eurofins. Das zuständige Labor wertet die Tests aus und schickt das Ergebnis idealerweise noch am frühen Abend per E-Mail an die Schule und Eltern. Wie hoch ist nun die Belastung im Ebersberger Labor und generell? Wie kam es zu der Panne in Grafing? Eine SZ-Anfrage vom Mittwoch lässt Eurofins bis Donnerstagabend unbeantwortet. Womöglich fehlt den Verantwortlichen für solche Antworten schlichtweg die Zeit.

Es ist schwierig für alle Beteiligten: Schüler, Eltern, Lehrer, Schulleiter, Labortester. "Ich verstehe Eltern, die sich beschweren", sagt Lehrerverbands-Präsidentin Fleischmann. Sie appelliert dennoch zur Besonnenheit, weniger auf Klärung der Schuldfrage bei Pannen zu drängen, zumal die selten eindeutig sein dürfte. Wenig hilfreich sei es etwa, wenn Eltern verhindern wollen, dass ihre Kinder in der Schule getestet werden. "65 Schulleiter und Konrektoren haben in Bayern 2021 hingeschmissen, weil sie der Belastung in der Pandemie nicht mehr standhielten", sagt Fleischmann.

Nadja Haack hat sich nicht beschwert. Warum auch, sagt sie bei dem Telefonat am Mittwoch. Der Schule könne man keinen Vorwurf machen, sagt Haack, und überhaupt. "Bei all den Umständen läuft doch vieles gar nicht so schlecht", sagt sie. Einen Tag später, am Donnerstag, trudeln schließlich doch noch weitere Ergebnisse von Zweittests ein. Darunter auch der von Nadja Haacks neunjähriger Tochter. Ergebnis: negativ.

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