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Poing:Weltgewandte Erstklässler

Seit Herbst 2015 läuft in der Poinger Anni-Pickert-Grundschule der Modellversuch "Bilinguale Grundschule Englisch". Auch die Unterstützer des Projekts sind von den Fortschritten beeindruckt

"The shortest bar in the diagram is the one with the squares". Eher ungewöhnlich, so etwas in einer ersten Klasse in Deutschland zu hören. "What other shape is there?", fragt Klassenlehrerin Nina Mog in die Runde. "A semi-circle!", ruft ein Schüler. Gerade haben sie gemeinsam ein Diagramm erstellt, das die Anzahl verschiedener Formen in einem Gemälde von Paul Klee vergleicht. Die Gasthörer im Klassenzimmer sind sichtlich beeindruckt. "Square heißt Quadrat, oder?" raunt eine Teilnehmerin ihrer Sitznachbarin zu. Das Niveau ist anspruchsvoll, manch Gymnasiast tut sich mit der englischen Sprache schwerer als die Schüler der bilingualen ersten Klasse der Anni-Pickert-Grundschule.

Ab und zu verfallen die Kinder zwar doch ins Deutsche, doch die Lehrerin bleibt konsequent. Sie spricht natürlich, normal schnell, verwendet den Kindern vielleicht unbekannte Worte. Die antworten in kurzen, meist richtigen Sätzen. Das Klassenzimmer ist mit bunten deutschen und englischen Postern gestaltet. An vielen Gegenständen haften gut lesbar ihre englischen Bezeichnungen.

Seit einem Jahr läuft der Schulversuch Bilinguale Grundschule Englisch des Bayerischen Kultusministeriums und der Stiftung Bildungspakt Bayern an 21 Grundschulen in Bayern. Die Modellklasse der Anni-Pickert-Schule bekam nun Besuch von Vertretern der Schulgemeinschaft und des Projekts.

Bi-Lingualer Unterricht in Poing

Die Kinder sprechen ganz selbstverständlich Englisch, selbst schwierige Vokabeln sind ihnen inzwischen ganz geläufig.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Vier Jahre lang geht der Versuch. Er wird von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft gefördert und wissenschaftlich von Heiner Böttger von der Katholischen Universität Eichstätt begleitet. Schon mehrmals habe die Schule am Versuch teilnehmen wollen, erklärt die Schulleiterin Luitgard Stephan-Wagenhäuser. Die "bunt gemischte Elternschaft" habe sich sehr dafür engagiert, bis es geklappt hat.

Im Austauschgespräch nach dem Klassenbesuch sind alle Gäste angetan. Der bayerische Staatssekretär für Bildung und Kultus, Georg Eisenreich, bezeichnet das Niveau der Schüler als beeindruckend. Und: "Die englische Sprache kommt nicht nur in Fächern wie Sport nebenbei vor, sondern wird aktiv zur Vermittlung von fachlichen Inhalten wie in Kunst oder Mathematik gebraucht." Christof Prechtl, Leiter der Abteilung Bildung der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, findet nach eigenen Angaben das Projekt "hochspannend". Es sei wichtig, international handlungsfähige junge Menschen auszubilden. Er gibt aber zu bedenken, dass es für die Ausweitung des Modells noch mehr qualifizierte Lehrkräfte bräuchte. An der Anni-Pickert-Grundschule gibt es außer Mog nur drei zum bilingualen Unterrichten qualifizierte Lehrkräften - von insgesamt 55. "Zum Glück gibt es aber viele Qualifizierungsmöglichkeiten", sagt Eisenreich. Prechtl fügt hinzu, dass an die Einheitlichkeit der Schulkarriere zu denken sei - am Gymnasium gebe es ein solches Modell beispielsweise nicht. Elternbeiratsvorsitzende Petra Schulz bemängelt, dass nicht nur zukünftige Gymnasiasten in eine bilinguale Klasse gehen könnten, und dass es vor allem an der Mittelschule an adäquater Weiterführung im Sprachunterricht fehle. "Da vergleichen Sie Äpfel und Birnen", entgegnet Eisenreich, an Lösungen für die Mittelschule sei an anderer Stelle zu denken.

"Man muss kein Experte sein, um hier den Beweis für den Erfolg des Projekts zu sehen", so Heiner Böttger. "Jeder traut sich, etwas zu sagen, das Language Switching klappt gut." Die "parallele Alphabetisierung" in beiden Sprachen sei sicher sinnvoller als plötzliches Vokabelpauken in der fünften Klasse. Auch Poings Bürgermeister Albert Hingerl und Schulrätin Angela Sauter zeigen sich begeistert. Eventuell könne man etwas Ähnliches in der Grundschule im Zauberwinkel einrichten.

Bi-Lingualer Unterricht in Poing

Staatssekretär Georg Eisenreich lässt sich von den Kindern die Lehrmethoden in der bilingualen Klasse erklären.

(Foto: Hinz-Rosin)

Auf Nachfrage des Vertreters der Stiftung Bildungspakt Ralf Kaulfuß erklärt die Lehrerin, die Struktur der Ganztagsklasse sei hilfreich. "Sprachenlernen braucht Zeit, sonst eignet man sich Halbwissen an", stimmt Böttger zu. Das sieht Eisenreich problematisch: Allen Schülern müsse das Angebot offenstehen. Fortschritte gemacht haben zumindest alle Kinder. Die Hälfte hatte keine Vorkenntnisse, die anderen waren im bilingualen Kindergarten. Sprachlich merkt man heute keinen Unterschied mehr

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