Kinderfeuerwehr:Wenn Drittklässler Feuerwehr-Uniform tragen

FFW Parsdorf

Weil es immer schwieriger wird Nachwuchs zu finden, führt die Feuerwehr Parsdorf-Hergolding Kinder an die Arbeit heran.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Vielen Ehrenamtlichen in der Region fehlt es an Nachwuchs. In Vaterstetten gibt es jetzt die erste Kinderfeuerwehr im Landkreis Ebersberg.

Von Victor Sattler, Poing/Vaterstetten

Auf 203 Einwohner kommt in Poing ein einziges Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. "Das ist gerade so an der Grenze", sagt ihr Erster Kommandant Robert Gaipl. "Unsere Mannschaft könnte aber gern noch aufgestockt werden." Die Gemeinde Poing ist zwar nicht allein mit der Problematik des fehlenden Nachwuchses, sticht im Vergleich aber innerhalb des Landkreises noch deutlich hervor. Dabei handelt es sich bei der Feuerwehr ja nicht um ein vergnügliches Hobby, sondern um eine gemeindliche Pflichtaufgabe zur Gefahrenbekämpfung. "Viele Privatpersonen wissen nicht, wie viel Freizeit wir investieren, um den Anderen zu helfen und womöglich ein Leben zu retten", so Gaipl. "Manche denken gar, wir wären eine Berufsfeuerwehr."

Vor allem untertags falle es schwer, eine deckende Einsatzbereitschaft herzustellen. Wer für seinen Arbeitsplatz nach München fährt, kann auf Abruf nicht rechtzeitig vor Ort sein, im Krisenfall. Umgekehrt gibt es aber nur vier Pendler in der Mannschaft, die nicht in Poing wohnen, sondern zum Arbeiten kommen und gleichzeitig Kameraden in der Gemeinde sind, so Gaipl.

Aber nicht nur das Pendeln stellt neue Herausforderungen an Arbeitnehmer. "Wir verstehen auch, dass jemand zu bestimmten Zeiten einfach nicht weg kann, weil keine Vertretung da ist. Das ist nicht mehr so leicht wie früher, die Zeiten haben sich geändert", sagt Gaipl. Rechtlich wird der Status des Ehrenamts noch hochgehalten: Dem Freiwilligen Feuerwehrler dürfen keine Nachteile im Arbeitsverhältnis entstehen. Dem Arbeitgeber werden die Entgelte für den freigestellten Zeitraum von der Gemeinde erstattet.

Kinderfeuerwehr: Bei einer Übung 2013 lernten die Poinger Einsatzkräfte der Feuerwehr, wie man sich bei einer Rauchgasexplosion richtig verhält.

Bei einer Übung 2013 lernten die Poinger Einsatzkräfte der Feuerwehr, wie man sich bei einer Rauchgasexplosion richtig verhält.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Mit dem Heraneilen zu brenzligen Einsätzen ist es aber nicht getan. Feuerwehrmänner und -frauen müssen Schulungen belegen, um auf dem neuesten Stand der Technik zu bleiben. Damit man etwa bei einem Hybridauto zwischen Verbrennungs- und Elektromotor unterscheiden kann, was bei einer Rettung auf der Straße sehr wichtig sein kann. Auch bei biologischen und chemischen Gefahrengütern, wie sie durch die Region transportiert werden, muss die Feuerwehr wissen, woran sie ist.

Feuerwehrmänner tragen eine Verantwortung, dessen muss man sich bewusst sein, wenn man sich für dieses Ehrenamt entscheidet. Um die Hemmschwelle zu senken, werden Robert Gaipl und seine Mannschaft am 28. Mai wieder auf dem Poinger Marktsonntag mit ihrem Stand vertreten sein. Das sei eine Gelegenheit, um ihrer Nachwuchssuche auf der Straße Gehör zu verschaffen, so Gaipl, aber auch, um Fragen zum Ehrenamt zu beantworten.

Mit acht Jahren zur Feuerwehr

Es gibt Beispiele, die zeigen, wie man dem Nachwuchsmangel begegnen kann. Eine Strategie besteht etwa darin, dass man schon Heranwachsende mit der Materie vertraut macht und ihnen Berührungsängste nimmt. Ein Pionier in dieser Aufgabe ist der Ortsteil Parsdorf-Hergolding in Vaterstetten, dort gibt es die derzeit einzige Kinderfeuerwehr im Landkreis Ebersberg, so steht es auf der Facebook-Seite der Parsdorfer Feuerwehr - Mindestalter: acht Jahre. "Wir haben festgestellt, dass sie mit zwölf dann alle schon im Fußball- oder Schützenverein sind", sagt Kommandant Leonhard Spitzauer. "Mit acht Jahren, also in der dritten Klasse, lernen sie sowieso etwas über den Brandschutz, in der Schule. Da bietet es sich an, dass wir uns und unsere Arbeit in der Klasse vorstellen."

Die Einrichtung eines solchen Freizeitangebots war aber alles andere als ein Kinderspiel. Vereinssatzungen mussten abgeändert werden, um den Versicherungsschutz der Kinder zu garantieren. Auch in pädagogischer Hinsicht gäbe es noch ganz verschiedene Ansätze und keine fertigen Ausbildungsunterlagen, so Spitzauer. Die einen finden, solange die Kinder bei der Feuerwehr wenigstens ein und ausgehen, könnten sie auch Topfschlagen spielen und Plätzchen backen. Für Leonhard Spitzauer sollte es aber zumindest einen ersten Bezug zur eigentlichen Tätigkeit haben. "Natürlich kriegen sie nicht die gefährliche Motorsäge", betont er. "Aber ein Strahlrohr ist ja wie ein Gartenschlauch, das dürfen sie ruhig in die Hand nehmen."

Die Mitgliedszahlen sprechen für das Modell. Von den zehn Jugendlichen, die in Parsdorf dieses Jahr zur Jugendfeuerwehr hinzugekommen sind, waren acht zuvor schon in der Kindergruppe und sind lediglich übergetreten. Nur zwei waren im Jugendalter noch Quereinsteiger.

Schwieriger würde es dann schon bei der Übernahme von jugendlichen Anwärtern in das vollwertige Amt. Denn einen erheblichen Teil locken nach Zeltlager und DVD-Abenden mit den Feuerwehr-Freunden plötzlich doch eher Studienplätze und andere Abenteuer.

Trotz alledem ist Parsdorf mit seiner Feuerwehr gut aufgestellt. Als nur eine von sechs Feuerwehren in der Gemeinde Vaterstetten ist sie mit ihren 100 aktiven Mitgliedern, von denen 70 Erwachsene sind, für nicht mehr als etwa eintausend Einwohner zuständig. "Wenn es in Parsdorf zum Beispiel einen Zimmerbrand B 3 gäbe, für den man laut Vorschrift acht Atemschutzgeräte braucht, dann sieht die Leitstelle gleich: Das haben sie in Parsdorf", erklärt Spitzauer.

Sprich: Bis zu einem gewissen Grad könne man hier für sich selbst sorgen, während andere Gemeinden in der gleichen Situation auf das Anrücken einer Zweitfeuerwehr angewiesen wären. Dieses Engagement der Parsdorfer ist für die Gemeinde unbezahlbar - als Berufsfeuerwehr würde es jährlich laut einer internen Hochrechnung über 130 000 Euro an Löhnen kosten.

Florian Schlögl, einer der Jugendwarte in Parsdorf, wurde dieses Jahr selbst für seine zehnjährige Mitgliedschaft geehrt. Damit ist der 24-jährige einer derjenigen, die von ihrer Jugend an dabei waren. Aber er ist auch jemand, für den die Feuerwehr eine zweite Familiengemeinschaft geworden ist. "Mein Vater war schon bei der Feuerwehr, so bin ich damals dazu gekommen", erzählt Schlögl, "er ist dann leider schon früh verstorben."

Leonhard Spitzauer, der jetzige Kommandant, war damals schon für die Jugendfeuerwehr zuständig. "Er hat sich immer darum gekümmert, dass ich gut aufgehoben war", sagt Schlögl. "Und dann waren da natürlich noch meine ganzen Spezln." Vor so einem Hintergrund versteht Schlögl die Bedeutung der Jugendarbeit nur zu gut: "Wir sind ja auf Nachwuchs angewiesen, deswegen gehört es sich, dass man sich dem annimmt. Ich finde, das ist eine sehr schöne Arbeit."

Einige Kompromisse verlangt es ihm aber mit Sicherheit auch ab, wie wohl jedem Ehrenamtlichen: Denn Florian Schlögl, Mitglied seit er 14 war, arbeitet eine 40-Stunden-Woche als Schreiner und betreibt nebenher auf seinem Hof eine Forstwirtschaft.

© SZ vom 27.03.2017/koei
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