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Beistand in der Krise:Per Anruf aus der Verzweiflung

Telefonseelsorge in Poing

Seit einem guten Jahr arbeitet Manuela G. aus Poing als Ehrenamtliche bei der Telefonseelsorge.

(Foto: Christian Endt)

In der Pandemie suchen viel mehr Menschen Rat bei den 105 deutschlandweiten Telefonseelsorge-Stellen. Wie aber müssen sich Mitarbeiterinnen wie Manuela G. verhalten, um trotz des großen Andrangs eine Hilfe sein zu können?

Von Johanna Feckl

Ein Desaster. So bezeichnet Manuela G. ihre erste Chat-Schicht als ehrenamtliche Telefonseelsorgerin. Es war im Frühsommer vergangenen Jahres, ein Samstagnachmittag. Neben der Poingerin saß eine erfahrene Kollegin - ein solches Tandem-Prinzip ist üblich bei der ersten eigenen Schicht. Auf dem Computer-Bildschirm vor den beiden Seelsorgerinnen poppte ein Chat-Fenster auf. Eine Frau schrieb, eine Mutter mehrerer Kinder. "Sie wollte sich umbringen", erzählt Manuela G., die eigentlich anders heißt. Die 63-Jährige schrieb mit der Frau hin und her, ganz ruhig, Schritt für Schritt. Dann, ganz plötzlich: Der Monitor wurde schwarz, Server-Absturz - der Kontakt zu der hilfesuchenden Frau war abgebrochen.

Ein solches "Desaster" bleibt zwar die Ausnahme, herausfordernd sind die Gespräche bei der Telefonseelsorge jedoch immer. Im Jahr 2019 lauteten die häufigsten Themen, die bei der Erzdiözese München/Freising mit ihren drei Dienststellen in München, Mühldorf und Bad Reichenhall eingelaufen sind: körperliche Befinden (18 Prozent), Einsamkeit und Isolation (17 Prozent), familiäre Beziehungen (15 Prozent), depressive Stimmungen (14 Prozent) und Ängste (13 Prozent).

Und: Die Telefonseelsorge der katholischen und evangelischen Kirche boomt. Während der Corona-Lockdowns haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der 105 deutschlandweiten Telefonseelsorge-Stellen jeweils rund 30 Prozent mehr Telefonate und 40 Prozent mehr Chat- und Mail-Beratungen übernommen als in den entsprechenden Zeiträumen des Vorjahres.

Auch die Erzdiözese München/Freising konnte ihr Beratungsangebot kräftig ausbauen, wie Alexander Fischhold, Einrichtungsleiter und Leiter der Münchener Dienststelle, sagt. "Unsere Haupt- und Ehrenamtlichen haben 80 Prozent mehr Chat-Schichten gemacht als im Vorjahr und unser Dienstplan war während des Lockdowns so schnell besetzt wie noch nie." Wie aber müssen sich Seelsorger wie Manuela G. aus Poing verhalten, um bei diesem großen Andrang den Ratsuchenden mit all ihren belastenden Themen eine Hilfe sein zu können?

Menschen, die sich ratsuchend an die Telefonseelsorge wenden, landen bei hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern oder bei Ehrenamtlichen wie Manuela G. Seit einem guten Jahr übernimmt die Poingerin regelmäßig Schichten, entweder am Telefon oder per Chat. Dieser Tage absolviert sie eine Weiterbildung, sodass sie bald auch Hilfesuchende per E-Mail unterstützen kann.

Manuela G.s Weg zur Telefonseelsorge begann im Jahr 2011. In ihrem damaligen Hauptberuf hatte sie am Rande mit der Institution zu tun und so kam es, dass sie eine Telefon-Schicht hospitieren konnte. "Wow, das war toll", sagt die 63-Jährige heute. Ihr Job ließ ihr aber keine Zeit, um einem solch anspruchsvollen Ehrenamt nachzugehen. Dann aber, als sie vor ein paar Jahren mit den Überlegungen begann, wie sie ihre freie Zeit im Ruhestand ausfüllen möchte, stand die Telefonseelsorge sofort auf dem Plan. "Ich wusste einfach: Das ist das Richtige für mich."

"Man kann nur ein guter Telefonseelsorger sein, wenn man mit den eigenen Kräften gut haushalten kann"

Die Ausbildung zur ehrenamtlichen Telefonseelsorgerin, die auch die Poingerin absolvierte, dauert etwa ein halbes Jahr. Zuvor müssen die Interessierten einen Fragebogen ausfüllen, wie Tobias Lehner von der Pressestelle der Telefonseelsorge in München erklärt: beruflicher Werdegang, psychische Stabilität, zeitliche Verfügbarkeit für das Ehrenamt - "damit klären wir ab, ob eine Zusammenarbeit grundsätzlich klappen könnte", so Lehner weiter. Die Interessenten arbeiten in den unterschiedlichsten Berufen und auch bei den Altersgruppen ist von 33 bis 83 alles dabei.

Etwa 15 von ihnen bilden schließlich einen Ausbildungsjahrgang. Die Lehrkurse an den Wochenenden finden über ein Jahr hinweg monatlich statt und reichen von Hospitationen, über Rollenspiele und Gesprächstaktiken bis hin zu Selbsterfahrungen. Dabei spielt das Reflektieren der eigenen Ressourcen eine große Rolle. "Man kann nur ein guter Telefonseelsorger sein, wenn man mit den eigenen Kräften gut haushalten kann", erklärt Lehner. Gut haushalten bedeutet für Manuela G.: Ruhe bewahren.

Insgesamt sind bei der Erzdiözese München/Freising mit ihren drei Telefonseelsorge-Dienststellen 110 Ehrenamtliche und 14 Hauptamtliche für Menschen in Not da. Manuela G. arbeitet eigentlich vom Münchner Büro aus. Damit dort nicht zu viele Menschen zur selben Zeit sitzen, gibt es seit Ende März 2020 neben Tutzing im Landkreis Starnberg auch in Poing ein Außenbüro - eine Corona-Schutzmaßnahme. Das provisorische Büro in Poing befindet sich im Katholischen Pfarrbüro, Hausherr und Pfarrer Philipp Werner stellt den Raum zur Verfügung. Dort arbeitet Manuela G. seit Corona in der Regel einmal pro Woche, zwei ihrer Kolleginnen kommen für ihren Dienst ebenso ins Pfarrhaus.

Es ist ein Dienstagabend. Bald beginnt Manuela G.s Chat-Schicht. Die 63-Jährige - kurze Haare, Ohrringe, hellblauer Pullover - steht vor einem Schreibtisch im Poinger Provisorium der Telefonseelsorge. Sie knipst die Lampe mit einem roten Schirm auf dem Tisch an, drückt den An-Knopf am Laptop daneben. Dann zündet die Seelsorgerin eine Kerze an und stellt sie in ein Glas auf dem Tisch.

Daneben legt sie ein kleines Kreuz aus Holz - die Ecken sind abgerundet, es wirkt weich und freundlich. Zuletzt positioniert die 63-Jährige zwei Halbliterflaschen Wasser rechts neben dem Laptop. Diese Handgriffe macht Manuela G. zu Beginn einer jeden Schicht, am Ende durchläuft die Seelsorgerin sie in umgekehrter Reihenfolge: Wasserflaschen aufräumen, Kreuz einpacken, Kerze löschen, Laptop ausschalten, Lampe ausknipsen. "Das ist wie ein Ritual für mich, es beruhigt mich."

Die Gespräche, die Manuela G. dann führt, laufen ebenfalls nach einem Schema ab: Nach einer Begrüßung geht es um den Anlass des Kontakts, dann um den Aspekt, über den nun gesprochen werden soll. Damit ist der Rahmen abgesteckt für das eigentliche Gespräch, in dem ein Plan für das weitere Vorgehen entwickelt wird. Manuela G. nennt das eine "ressourcenorientierte Problembehandlung": "Wenn der Betroffene durch mein Nachfragen eigene Vorschläge entwickelt, dann ist das wertvoller, als wenn ich ihm sage, was er tun soll." Also verläuft das weitere Gespräch sehr individuell. Am Ende wird eine konkrete Handlung vereinbart, die der oder die Ratsuchende an diesem Tag noch erledigen soll.

"Ich muss in solchen Fällen darauf vertrauen, dass es gut gegangen ist"

Die Individualität scheint das Schwierigste an Manuela G.s Ehrenamt zu sein: Sie weiß nie, was kommt - ein Teenager, den sein erster Liebeskummer plagt, oder eine erwachsene Frau, die eine konkrete Suizid-Absicht äußert. In Situationen wie in ihrer ersten Chat-Schicht wäre die 63-Jährige früher wahrscheinlich in Nervosität verfallen, erzählt sie. "Aber solche Reaktionen muss man sich abgewöhnen, die Hilfesuchenden brauchen eine nüchterne Persönlichkeit als Gesprächspartner." Manuela H. erklärt die Gründe dafür so: Ziel eines jeden Kontakts sei es, den Zustand des Ratsuchenden zu stabilisieren. Und das gelinge am besten, indem sie als Seelsorgerin wie ein Anker auftritt: solide, ohne Hektik und vertrauensvoll - ruhig eben.

Das ist auch der Grund, weshalb sich Manuela G. dazu entschlossen hat, immer in dem kleinen Büro im Pfarrhaus zu arbeiten, obwohl sie Chat-Schichten auch am privaten Laptop zu Hause erledigen könnte. "Mir sind die Gespräche ansonsten zu nahe an mir dran." Sie braucht den räumlichen Abstand, um das notwendige Maß an emotionaler Distanz herzustellen. Und das, so die Telefonseelsorgerin weiter, sei unerlässlich, um ein ruhiges Gespräch mit Hilfesuchenden führen zu können.

Aber ist Ruhigbleiben überhaupt möglich, wenn der Server mitten im Gespräch mit einer suizidalen Person zusammenbricht? So weiß Manuela G. bis heute nicht, was mit der Frau von damals geschehen ist - alle Kontakte bei der Telefonseelsorge finden anonym statt. Hat die Mutter den Notruf gewählt, wie es ihr die 63-Jährige noch geraten hatte, bevor der Kontakt abgebrochen war? Oder hat sie ihren ursprünglichen Plan in die Tat umgesetzt? "Ich muss in solchen Fällen darauf vertrauen, dass es gut gegangen ist."

Manuela G. hat die Ruhe zu einem notwendigen Prinzip ihrer Arbeit gemacht - ein Entschluss, der viele kleine Entscheidungen umschließt. Selbst der Stift, mit dem die Seelsorgerin Gesprächsnotizen führt, zählt dazu: Der Stift ist rosa, eine Kugelschreibermine am einen Ende, am anderen ein Kristall aus Plastik. "Total kitschig, ich weiß", sagt Manuela G. und lacht. Und trotzdem ist der Stift für sie ein großer Helfer: Der Kristall leuchtet, sobald die 63-Jährige mit der Kugelschreibermine auf ein Blatt Papier aufdrückt und zu schreiben beginnt. "Dadurch werde ich mit jedem Buchstaben daran erinnert, mich nicht im Gespräch zu verlieren." Manuela G. legt den rosa Stift auf einen Block vor dem Laptop ab und loggt sich im System ein. Ihre Schicht beginnt.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten. Grund dafür ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Eine Ausnahme sind Berichte, die das Leid der Angehörigen thematisieren, weil sie auch präventiv wirken können. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie 24 Stunden täglich Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

© SZ vom 25.03.2021/koei/syn/infu
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