Poing Rechter Klebstoff

Omid Atai (21) aus Poing.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Gemeinde Poing ist immer wieder Ziel rassistischer Sticker und Graffiti

Von Max Nahrhaft, Poing

Die Karte, die ein Mitarbeiter der Antifaschistischen Dokumentationsstelle (Aida) auf den Tisch legt, zeigt Luftaufnahmen der Gemeinde Poing. Im Westen das Industriegebiet, im Osten der Wildpark. Dazwischen, über der gesamten Gemeindefläche, sind gelbe Punkte verzeichnet. 273 Stück sind es an der Zahl. Dort überall haben Neonazis in der vergangenen zwei Jahren Sticker geklebt - mit eindeutigen Botschaften. "Integration kostet Million, Rückflüge nur 19€." "Bitte flüchten Sie weiter! Es gibt nichts zu wollen." "Antirassismus ist Rassismus gegen Weisse." "Asylheime dichtmachen." Solche und weitere rassistische Slogans waren auf den Stickern zu lesen, die aus sächsischen und nordrhein-westfälischen Versandhandelsunternehmen stammen.

Im Poinger Gemeindegebiet blieb es auch nicht bei Aufklebern: ein falsch geschriebener "Wihte Power"-Schriftzug und großflächige Hakenkreuze-Graffiti prangten im Oktober 2015 in einer Unterführung, einige Wochen später tauchten Keltenkreuze, SS-Runen und die Schmiererei "NS-Area" auf. Als die Turnhalle der Poinger Seerosenschule Ende 2015 als temporäre Unterkunft für Geflüchtete dienen sollte, wurde dort die Scheibe eingeschlagen. Ein rassistischer Hintergrund ist zwar nicht beweisbar, doch die zeitliche Abfolge spreche für sich, heißt es aus dem Aida-Archiv. Die gravierenden Vorfälle in Poing sind keineswegs eine Alltäglichkeit, wie Aida bestätigt, vielmehr stellen sie ein negatives Höchstmaß an rechten Umtrieben im Münchener Umland dar, in kaum einer anderen Gemeinde waren Neonazis so präsent wie in Poing.

Im Dezember 2015 nahm dann die Poinger Polizeiinspektion einen Mann in Gewahrsam, der einige der Schmierereien gestand. Er nannte die "Unzufriedenheit mit den bestehenden politischen Verhältnissen" als Motiv für seine Taten. Die Polizei machte den damals 31-Jährigen für die Vorkommnisse verantwortlich. Doch das Aida-Archiv vermutet hinter den Aktivitäten mehr als eine Person. "Unseren Einschätzung zufolge war an den Stickern und Schmierereien möglicherweise eine kleine Gruppe an Neonazis beteiligt, die eng in der rechten Szene vernetzt sind", so ein Mitarbeiter von Aida, der anonym bleiben möchte.

Omid Atai, Poinger SPD-Gemeinderat und Vorsitzender der dortigen Jusos, war schockiert, als er das erste Mal im April 2015 die Sticker sah. "Wir wussten erst gar nicht, wie wir damit umgehen sollten und haben alles dokumentiert und abgerissen", so der Poinger. Die Gruppe um Atai war teilweise täglich unterwegs, um die Sticker zu entfernen. Das Ziel war ihnen klar: Eine solche Ideologie darf keinen Platz haben in einer toleranten Gesellschaft. Faschistische Sprüche dürfen nicht salonfähig werden, stimmt auch Matthias Neuner dem zu. Er ist Mitglied des Kreisjugendrings in Ebersberg und möchte, dass solche Aktionen auf keinen Fall als Kavaliersdelikte oder jugendliche Fehltritte herabgetan werden. "Rechtes Gedankengut bleibt gefährlich", sagt Neuner, "egal, ob es auf Stickern steht oder mit Gewalt durchgesetzt wird."

Denn betroffen davon sind nicht nur Minderheiten wie Flüchtlinge oder Ausländer, sondern alle Bürger. Von Rassismus ist eine offene Gesellschaft an sich bedroht. Deswegen wollte Atai auch alle Poinger aufmerksam machen. Gemeinsam mit seinen Jusos-Kollegen initiierte er Widerstand - mit Nikoläusen. Sie stellten zur Vorweihnachtszeit 250 kleine Schokonikoläuse mit Auszügen aus dem deutschen Grundgesetz in Poing auf, um auf Rechtsstaatlichkeit aufmerksam zu machen und gegen Rassismus Stellung zu beziehen. Vor allem am Bahnhof, an den Schulen und im Ortskern platzierten sie die kleinen Schokoladenfiguren. Auch die Gemeindeverwaltung zeigte sich solidarisch.

Wenn die Mitarbeiter des Bauhofs während des Dienstes Aufkleber sahen, taten sie es den Jusos gleich und entfernten sie. Auch der Gemeinderat nahm umgehend Stellung, sobald er von den Aufklebern erfuhr, und verurteilte jede Form von Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus.

Nun greift das NS-Dokumentationszentrum in München die Vorfälle in Poing in einer Sonderausstellung auf. Denn die Gemeinde sei in doppelter Hinsicht besonders. "Hier sind beide Seiten hervorragend erkenntlich", sagt die Kuratorin der Ausstellung, Isabel Enzenbach, die an der TU Berlin zum Thema Antisemitismus forscht. Einerseits archivierte und datierte Aufkleber, die von erheblichen rechten Umtrieben im Ort zeugen. Andererseits die Stärke der Gemeinde, mit der sie sich der Ausländerfeindlichkeit entgegenstellte. Ein sehr schönes Zeichen für gesellschaftliches Engagement, so Enzenbach, sind die Klebereste der abgerissenen Sticker.

Die Sonderausstellung "Angezettelt - Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute" ist vom 8. März bis zum 5. Juni im NS-Dokumentationszentrum München zu besichtigen. Dort wird Omid Atai am 11. April um 17.30 Uhr an einer öffentlichen Diskussion zu Rassismus in der Nachbarschaft teilnehmen.