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Poing/Markt Schwaben:Zoff unter den Luftkissen

Die Traglufthalle in Grub wird von mehr als 200 Flüchtlingen bewohnt, Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen bleiben da nicht aus.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wieder kommt es unter den 200 Flüchtlingen, die vor Kurzem von der Plieninger in die Gruber Traglufthalle umziehen mussten, zu einer Schlägerei. Ein Bewohner schildert die Vorfälle aus seiner Sicht

Von Korbinian Eisenberger, Poing/Markt Schwaben

Bereket Fissahaye saß daneben, als es passierte. Es war der Donnerstagabend, Essenszeit in der Traglufthalle in Grub. Um kurz nach acht hatte sich der 25-Jährige gerade mit einer Portion Nudeln an eine Biertischgarnitur gesetzt, als es vorne an der Ausgabe laut wurde. Einer von Fissahayes eritreischen Landsmännern hatte seinen Pappteller samt Essen auf den Hallenboden gepfeffert, wütend, weil ihn ein Security-Mitarbeiter an die Regel erinnerte, den Teller nicht ins Schlafzimmer mitzunehmen. Der Teller, so erzählt es Fissahaye, landete schließlich auf dem Boden, die Soße spritzte vom Teller des Eritreers auf die Jacke eines Mitbewohners aus Syrien. Es war der Moment als die Situation eskalierte.

Der Tag danach, Mittagsstunde, Fissahaye sitzt mit Sweatshirt und Jeans im Markt Schwabener Rathaus, dieses Treffen mit der SZ hatte er sich schon vor Tagen erbeten; als noch nicht abzusehen war, dass er und 200 andere Flüchtlinge wegen eines Brandes von der Plieninger in die Gruber Traglufthalle umziehen sollten. Fissahaye will erklären, was das eigentliche Problem unter den Tragluftkissen ist. Und warum es immer wieder zu Schlägereien wie am Vorabend kommt.

Die Polizei berichtet am Freitag von einem geworfenen Teller, der "eine Gruppe von Syrern" getroffen habe, wodurch ein Handgemenge entstand, auch Einrichtungsgegenstände seien geflogen. Nach der Alarmierung rückte die Polizei mit einem Großaufgebot an, 18 Streifenwagen mit Beamten aus Poing und München, mehrere Krankenwagen waren vor Ort - ähnliche Einsätze hat es auch in der Plieninger Halle öfter gegeben. Fissahaye erzählt, wie er und die fünf anderen Eritreer in der Halle von 40 Syrern an die Wand gedrängt worden seien. "Statt uns rauszulassen, haben zwei Securitys die Drehtür versperrt", sagt Fissahaye auf Englisch. "Wir haben uns zum Schutz gegen die Wand gedrückt", sagt er und hält die Hände hinter den Kopf. Er hebt sein T-Shirt, zeigt eine schimmernde Blessur an der Schulter. Er habe Holz gespürt, wahrscheinlich von einer Bierbank.

Die Polizei spricht von vier Verletzten - darunter ein Security-Mitarbeiter - und nahm vier Personen in Gewahrsam - darunter Bereket Fissahaye, der die Nacht in der Zelle des Staatsschutzes in Erding verbracht hat. Warum, sagt er, habe man ihm nicht erklärt, geschlägert habe er jedenfalls nicht. Nach seiner Entlassung am Freitagmorgen rief er bei Tobias Vorburg vom Helferkreis Markt Schwaben an, ob er ihn - Bargeld- und orientierungslos abholen könne, sie hatten ja den Termin mit der Zeitung. Vorburg kennt Fissahaye aus der Halle in Markt Schwaben, eine frühere Station Fissahayes. "Das Landratsamt muss die Leute schleunigst aus der Massenunterkunft holen", fordert Vorburg.

Bereket Fissahaye hat einen Bachelor in Pharmazie gemacht, flüchtete wegen des Militärregimes und würde gerne weiterstudieren. Seit seiner Ankunft vor acht Monaten hat er in vier Turn- und Traglufthallen gewohnt - Kirchseeon, Markt Schwaben, Pliening und jetzt Grub. Vorburg kann sich über Beispiele wie dieses maßlos ärgern, besonders über die Zustände in der Plieninger Halle, wo es so viele Probleme gab: unerträgliche Hitze im Sommer, Sechsbettzimmer, ausgefallene Haustechnik, und zuletzt das Feuer. Fissahaye schimpft nicht, er ist nicht hier, um sich öffentlich über seine persönliche Wohnsituation zu beschweren, er will erklären, was man nur verstehen kann, wenn man mitten drin ist.

Fissahaye erzählt von seiner Zeit in der Turnhalle Kirchseeon, als ihm Mitbewohner aus Syrien ein Kreuz aus Zahnpasta auf den Rücken des Pullovers geschmiert hätten, "anschließend gab es von jedem, der vorbei kam, einen Hieb", sagt er. "Und in Pliening rufen die Syrer den Eritreern 'Ungläubiger' nach." Zu einem Konflikt gehören immer zwei, und dass es zwischen Eritreern und Syrern kracht, ist für Temesgen Afework, Vorsitzender der eritreischen Zivilgesellschaft in Deutschland, wenig überraschend. Fast alle Eritreer seien koptisch-orthodoxe Christen, die meisten Syrer Muslime. "Die Konflikte beginnen bereits auf der Flucht", sagt Afework, auch er ist zu diesem Treffen erschienen. "Eritreer werden bereits in Libyen von syrischen Flüchtlingen unterdrückt", sagt er, etwa, wenn es darum geht, wer in das nächste Boot darf und wer nicht. "Wenn man dann auf engem Raum zusammenlebt, sorgt das für Spannungen", sagt Afework, der in solchen Fällen bayernweit vermittelnd eingreift.

Und doch gibt es Beispiele, wie das Zusammenleben funktionieren kann, auch im Landkreis Ebersberg, wenige Kilometer von Grub entfernt. Im Markt Schwabener Containerdorf, wo sich zwei Flüchtlinge einen Raum teilen, "da kann man die Polizeieinsätze des letzten Jahres an einer Hand abzählen", sagt Vorburg. Wenn jeder einen Rückzugsort hat, dann führe das sogar zu Annäherung. Am Dienstag hat Afework noch einmal vermittelt, als sich die Eritreer weigerten, wieder mit den Syrern in eine Halle zu ziehen. Er würde auch dem Landratsamt helfen, wenn jemand anruft, sagt er: "Vielleicht ist es aber einfacher, wenn die Eritreer und Syrer voneinander getrennt werden."

© SZ vom 05.11.2016
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