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Noch bis 10. Juli:Schau: Fenster mit Kunst!

Sechs Mitglieder der Gruppe "Kunststoff" aus Poing bereichern die Auslagen örtlicher Geschäfte mit ihrer Ausstellung "to go" - und laden ein zum Gespräch vor zwei Ateliers.

Von Michaela Pelz

KUNSTstoff to go Poing

Beim Optiker im City-Center gibt es "Summerfeeling" von Conny Boy.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Pandemie hat so vieles mit sich gebracht, auf das man liebend gern verzichtet hätte. Doch es gibt auch positive Nebeneffekte von kreativen Notlösungen, wie die Poinger Ausstellung "Kunststoff to go" zeigt. Statt wie seit 2013 Tage der offenen Tür in ihren jeweiligen Ateliers zu veranstalten, haben sechs Mitglieder des Künstlerkollektivs dem örtlichen Handel etwa 50 Exponate zur Präsentation überlassen. Und so weiß die bis dato Ortsunkundige nach dem einstündigen Schaufenster-Hopping nicht nur Bescheid über die Lage einschlägiger Fachgeschäfte, sondern sie hat auch gelernt, genau hinzusehen. Einmal deshalb, weil sich Gemälde und Skulpturen zuweilen so harmonisch in die Auslage integrieren, dass sie trotz ihrer teils beachtlichen Größe erst auf den zweiten Blick auszumachen sind. Aber auch, weil man manche Gebäude komplett umrunden muss, um keines der an diesem Standort präsentierten Werke zu verpassen. Merke also: Flyer mit Übersicht der Exponate parat halten.

Die meisten haben ja einen Titel - aber nicht alle. Warum, erklärt Bildhauer Karl Orth. Das Gespräch mit ihm findet im "Atelier am Osterfeld" statt, wo sich zum Auftakt des "to go"-Angebots Gelegenheit zum Austausch mit den Kunstschaffenden und ein Blick auf eine größere Werkschau bietet. "Meine Objekte sind alle ohne Namen, um die Gedanken nicht in irgendeine Richtung zu lenken", erzählt Orth direkt neben einer Skulptur aus fünf filigranen Stahlfiguren, die höchst dynamisch miteinander interagieren ("sagen wir mal so: Es ist keine lustige Tanzgruppe!"). Man glaubt, Männer und Frauen zu erkennen, was der Künstler aber bewusst offenlässt, obwohl er bei der Entstehung seiner beeindruckenden Skulpturen immer konkrete Menschen im Blick hat. Eine Büste, die nicht nur "unisex" ist, sondern quasi allumfassend und in ihrer beabsichtigten, löchrigen Unvollkommenheit so perfekt, dass man sie nicht verpassen sollte, steht in der Sankt-Georgs-Apotheke. Halb Mann, halb Frau, halb Skelett mit freiliegenden Rippen, Zähnen, Augenhöhle und halb überirdisch-schönem Antlitz.

KUNSTstoff to go Poing

Inge Schmidt hat "die Freude" in Bronze gegossen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Auch die anderen Fenster des Standorts Nummer sechs verdienen eine ausführliche Betrachtung. Neben Inge Schmidts Sternenguckerin-Bronze und einem "Götterboten"-Bild findet sich auch einiges aus der "Nothing-But-Blue"-Serie von Norbert Haberkorn. Das für die Zeichnungen und Collagen verwendete Material ist höchst vielfältig: Der auf die Sonne zustrebende Hemdenmatz stammt von Zündholzschachteln made in Sweden. Dort, auf Haberkorns Lieblingsinsel Gotland, entstand 2019 die Idee für die Serie, wie Haberkorn in seinem an diesem Tag ebenfalls geöffneten Atelier erzählt. Ein Papierblock sollte es ihm ermöglichen, überall zu arbeiten. Das tut er nun mit Kuli, Tinte, Ölpastellen, Acrylfarben oder Malerlack - Hauptsache blau.

Conni Propstmeier wiederum lässt sich von allem inspirieren, was sie vorfindet. Für manche ihrer Werke hat die Architektin Lochbleche und Fassadenplatten auf Baustellen gesammelt, dann wieder bannt sie mit Acrylfarben Traumlandschaften oder Städte im Chaos (Kern Schuhe) auf die Leinwand. Doch die Frau, die auch in der Landschaft Strukturen sieht und gerne mit Licht und Schatten spielt, beschränkt sich keineswegs auf Bauten, wie man an ihren anderen Werken sieht. Festlegen lässt sich auch Conny Boy nicht. Sie will mal farbenfroh, mal zurückhaltend malen, mal Collagen aus Lampenkabeln oder Gipsbinden anfertigen. Mystik und Abstraktion gehören ebenso zu ihrem Repertoire wie Stillleben oder Florales (Blumen Birgit).

Die Natur mit Pflanzen, Blüten, Steinen und Kräutern steht normalerweise auch Modell für Rosemarie Hingerl, sie "kann" aber auch Mode, wie "Colours of Bo Kaap" (rosa Kleid mit roten Blumen) zeigt, das Ton in Ton mit der Schaufensterware im Babalu hängt. Das Motiv stammt aus einer Serie, die nach Hingerls Südafrikareise 2015 entstand und Beweis ist für ihre Aussage, sie "liebe es großflächig". Was die Künstlerin nicht daran hindert, auch mit Miniaturen zu brillieren. Fast ein Dutzend davon hängt etwa bei Poings wohl bekanntestem Bestseller-Ehepaar "Iny Lorentz". Wie zahlreiche andere Sammler sind auch diese beiden gekommen, um der Gruppe alles Gute für die Ausstellung zu wünschen. Und nicht nur das: "Einige Arbeiten werden den Besitzer wechseln", berichtet Inge Schmidt später. Die Sprecherin der Gruppe, früher als Trendscout für Kaufhausgrößen wie Macy's, Harrods und Galeries Lafayette unterwegs, hat einige ihrer Bilder mit Neon-Pigmenten "aufgepeppt", zeigt aber auch die Bronze einer pfundigen, kopflosen Dame mit keck in die Luft gerecktem Hinterteil, Ausbund an unbeschwerter, beschwingter Lebensfreude.

KUNSTstoff to go Poing

Kreative Lösungen hat das Kollektiv "Kunststoff" in Poing gefunden: Norbert Haberkorn hat seine Fotos im Freien aufgestellt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Am Ende freut man sich einerseits, durch den Kunstmix in den Fenstern einen Einblick in das Schaffen so vieler Künstlerinnen und Künstler bekommen zu haben. Andererseits hat man erkannt, wie bereichernd es ist, das vielfältige kreative Spektrum auch in den Werkstätten zu entdecken und durch ein Gespräch zu vertiefen. Wer das ebenfalls tun will, darf sich gerne beim Kollektiv melden, um einen Termin im Atelier zu vereinbaren. Ansonsten bleibt der Blick auf die Broschüren der vergangenen Jahre (im Netz verfügbar), sowie die Vorfreude auf die nächste Nach-Pandemie-Atelier-Tour von Kunststoff.

Poing: Kunststoff "to go" an elf Orten noch bis zum 10. Juli; Infos und Kontakt: kunststoff-art.de.

© SZ vom 14.06.2021
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