„Eine derartige Zerstörung habe ich nie wieder gesehen.“ Ein kurzer Satz aus den Memoiren des US-Präsidenten Harry S. Truman, notiert in Erinnerung an seine Fahrt durchs zerbombte Berlin am 16. Juli 1945, einen Tag vor Beginn der Potsdamer Konferenz. Bei der dieser Mann aus dem ländlichen Missouri dann nachdrücklich dazu beitrug, den bezwungenen Feindstaat nicht zwanghaft in Agrarland zu verwandeln, sondern Aufbaukräfte zu stärken und eine Rückkehr in die Völkergemeinschaft zu ermöglichen. Doch keine würdige Rede zum Jahrestag des Kriegsendes 1945, keine Unterrichtseinheit war es am Samstag in Poing, die diesen Moment der Weltgeschichte erkennbar und begreifbar machte. Sondern eine „Geschichtsstunde“ von ebenso ungewöhnlichem wie eindringlichem Format, zu der die Aktionsgruppe Respekt@Poing und die Kulturtage Poing eingeladen hatten.
Trumans Erinnerungen waren Teil eines vielgestaltigen Mosaiks aus Notizen, Berichten, Kommentaren und Erinnerungen aus der Zeit zwischen Kriegsende und staatlicher Souveränität, das vom Ensemble Opus 45 zusammengefügt wird, je nach Auftrittsort ergänzt um Zeitzeugnisse von dort. Rezitierte und gestaltete Textpassagen, vorgetragen von Schauspieler Roman Knižka, wechseln sich dabei ab mit illustrierenden Musikzitaten von Zeitgenossen, Nachgeborenen und Klassikern, gespielt von einem Bläserquintett.

Was sich streng und nüchtern anhört, ist in der erlebten Aufführung ein höchst lebendiges, bewegendes Gefüge von Impressionen von beispielloser Qualität und höchstem künstlerischen Niveau. Im Publikum kommt diese Mischung aus Worten und Musik nicht als Abfolge von Signalen an, sondern verflicht sich mit unwiderstehlicher Kraft: Die Botschaft der Instrumente schiebt die Gedanken an, die das soeben Gehörte ausgelöst hat – und bereitet zugleich den Weg für das Nächste, was zu hören sein wird.
Die Zitate aus verschiedensten Quellen, aus Tagebüchern, Dienstanweisungen, Schauspielen, Gedichten, Zeitungsberichten, Reden, sind hier bei aller Knappheit prägnante Zeugnisse des Geschehens und in überzeugender Wechselwirkung aufeinander abgestimmt. Der Autor Wolfgang Borchert kommt zu Wort, der Rotarmist Wladimir Gelfand, Chefankläger Robert H. Jackson, die Dichterin Nelly Sachs und viele Bekannte und Unbekannte mehr, allesamt wahrnehmbar als Gleiche unter Gleichen dieser Zeit. Eines ergibt sich aus dem anderen, Selbsterklärendes mündet in Überraschendes, auf Antworten folgen neue Fragen.
Die Dramaturgie zieht das Publikum aus dem passiven Erleben hinein ins aktive Beteiligtsein
Es ist Dramaturgie auf Spitzenniveau, die Kathrin Liebhäuser hier mit ihrem Team geschaffen hat und sich entwickeln lässt – und die das Publikum aus dem passiven Erleben hineinzieht ins aktive Beteiligtsein. Als vorteilhaft für diese Absicht erweist sich da die Strategie, keine Programmzettel zu verteilen, in denen Inhalte oder Musiktitel aufgeführt sind: So erhält sich die Neugier von der ersten bis zur letzten Minute.
Die Musiktitel, arrangiert von Ulf-Guido Schäfer und Matthias Pflaum, begleiten den Fortgang des Geschehens zuverlässig, bei aller Stilvielfalt von einer Kontinuität getragen, die sie aus dem Genre „Filmmusik“ als perfekt gelungene Nicht-Vertreterin derselben herausragen lässt. Ludwig van Beethoven und Mendelssohn Bartholdy findet sich da in bester Gesellschaft mit Glenn Miller und Sholom Secunda, das „Insulaner-Lied“ kontrastiert mit „Anatevka“ und eine ganze Reihe von weniger bekannten Komponisten wie Karl Amadeus Hartmann oder Charles Koechlin erweisen sich als großartige Entdeckungen. Allen voran mehrere Stück von György Ligeti setzen so farbige, markante Akzente, dass es weder Bühnenbild noch Lichtspektakel braucht, um eine überzeugende Szenerie zu gestalten.

80 Jahre Kriegsende:Wo Süddeutschland kapitulierte
Ausgerechnet an einem Entstehungsort monumentaler Nazi-Propaganda in Baldham unterschrieben die Kämpfer des deutschen Regimes die bedingungslose Kapitulation der süddeutschen Truppen. Oder war es doch woanders?
Kein Zufall ist es also, dass das Programm den Titel trägt „Dass ein gutes Deutschland blühe …“, der ersten Zeile von Bert Brechts „Kinderhymne“, entstanden 1950 als Gegenentwurf zu Deutschlandlied und DDR-Hymne, mühelos singbar auf die jeweilige Melodie. Je länger der Abend fortschreitet, desto häufiger ergeben sich diese „Was wäre gewesen, wenn…“-Situationen, in denen blitzartig die Erkenntnis einschlägt über potenzielle Weltläufte, die nicht nur das Leben von Völkern und Nationen grundlegend geändert, sondern sich bis in unsere Gegenwart fortgesetzt hätten. Der Wunsch nach einer Blüte hätte auch im Nichts verpuffen, das „gute“ Deutschland sich auch in eines wandeln können, in dem sich niemand wohlfühlt.
Allein die Szene zum Todeszug aus dem KZ Mühldorf, der am 27. April 1945 Poing passierte, um bis Tutzing zu gelangen, wo die Gefangen von ihren Bewachern zunächst freigelassen, dann von einem anderen Kommando niedergeschossen wurden, verdeutlicht in kaum erträglich nüchternen Sätzen, wie nah Wohl und Wehe beieinander liegen, Hoffnung und Verzweiflung. Die Erinnerungen des Poinger Zeitzeugen Laszlo „Leslie“ Schwartz sind hier mehr als ein lokaler Bezug, sie sind ein hell leuchtender Wegweiser, wie leicht es – noch – ist, an echtes Wissen zu gelangen, unmittelbar erlebt, erfahren, erlitten. „Jeder rannte um sein eigenes Leben.“
Im Anschluss ergeben sich angeregte Gespräche mit Menschen, die man zwei Stunden vorher noch nicht gekannt hat
Es liegt vor allem an der Sprachkunst von Roman Knižka, Brücken zu schlagen zwischen den anekdotisch aufgereihten Texten und aus den Verläufen von 1945 bis 1949 einen erkennbaren Ablauf zu zeichnen. Manchmal sind es nur Mikro-Variationen seiner Stimme, die aus Worten Bilder machen, etwa der einige Sätze nur andauernde typische Tonfall eines „Wochenschau“-Reporters vom Beginn der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse oder einige Silben sächsischen Untertons zur Ernennung von Wilhelm Pieck als Staatschef der DDR. Verzögern und Beschleunigen, Verharren oder behutsames Entlanggleiten: Knižka spielt nicht, er dient kompromisslos und uneitel seiner Aufgabe, Botschaften der Vergangenheit ins Heute zu dolmetschen.
Als sich Quintett und Schauspieler zum Schlussapplaus verneigen, belohnt sie das Publikum mit einem Applaus, in dessen Obertonreihe nicht nur die Anerkennung für die Leistung mitschwingt, sondern der Respekt für die Anschaulichkeit und Glaubwürdigkeit ihrer Darbietung – und die Dankbarkeit, dass aus der Zerstörung neues entstehen durfte, das jeden von uns geprägt hat. Zunächst erheben sich nur einige zum stehenden Beifall, dann reißt es den ganzen, gut gefüllten Saal mit. Im Anschluss dann ergibt sich das Beste, was aus einem solchen Anlass entspringen kann: Angeregte Gespräche mit Menschen, die man zwei Stunden vorher noch nicht gekannt hat. Kurzum: lebendige Geschichte in Reinform und in überzeugender Gestalt, die auch jenseits von Gedenktagen ihren Platz in unserer Gesellschaft beanspruchen darf.
Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes haben wir die Konferenz von Potsdam, auch bekannt als Dreimächtekonferenz von Berlin, fälschlicherweise als Wannseekonferenz bezeichnet. Wir bitten das zu entschuldigen.

