Geflüchtete im Landkreis:Gemeinsam durch den bürokratischen Dschungel

Lesezeit: 3 min

Geflüchtete im Landkreis: Im Kampf mit der Bürokratie finden Geflüchtete im Landkreis immer wieder Unterstützung.

Im Kampf mit der Bürokratie finden Geflüchtete im Landkreis immer wieder Unterstützung.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Helferkreis Poing unterstützt ukrainische Menschen auch bei Behördenangelegenheiten - ein nicht immer einfaches Unterfangen.

Von Mathilde Wicht, Poing

Was für ein Wort: "Behördenangelegenheiten". Doch genau zu diesem Thema hat sich Anfang April nach einer Infoveranstaltung der Gemeinde Poing ein Ukraine-Helferkreis gegründet. Dieser zählt heute, zwei Monate später, sieben Mitglieder, von denen einige fließend ukrainisch oder russisch sprechen. "Das ist sehr wichtig und erleichtert uns den Umgang mit den Geflüchteten enorm", sagt Götz Kirchhoff, neben Bernhard Diecker Sprecher des Helferkreises. Insgesamt sind in Poing sogar vier Helferkreise entstanden, unter anderem einer für ein Patenprojekt, einer für Deutschkurse und einer für eine Kleiderkammer, die momentan in Planung ist. "Wir bekommen sehr viele Spenden, finden aber keinen Platz zum Lagern, da suchen wir momentan noch", erklärt Diecker.

Vom Helferkreis Behördenangelegenheiten werden ukrainische Menschen bei allen Themen rund um Ämter und Anträge unterstützt. Denn wer in Deutschland als Geflüchteter ankommt, den erwartet zunächst ein Berg an Dokumenten und Formularen: vom Arbeitslosengeld ALG II über das Kindergeld bis hin zur Krankenversicherung. Was selbst für deutsche Staatsbürger oftmals kompliziert und mühsam ist, wird also Menschen zugemutet, die nicht einmal die Amtssprache beherrschen. Eine Aufgabe, die die Geflüchteten zumeist nicht alleine bewältigen können - und auch nicht sollten. Das hat sich zumindest der Ukraine-Helferkreis in Poing gedacht, und so wurde organisiert, koordiniert und strukturiert, teilweise persönlich, teilweise online. Es sollte ein Plan entwickelt werden, der simpel, aber gleichzeitig effizient ist.

Es gibt bilinguale Infoveranstaltungen und Sprechstunden für persönliche Anfragen

So ist eine Struktur entstanden, die laut Diecker und Kirchhoff gut funktioniert: Anträge werden nach Dringlichkeit sortiert, es gibt bilinguale Online-Infoveranstaltungen rund um das Thema "Formulare richtig ausfüllen" sowie Sprechstunden für persönliche Anfragen. Die erste Infoveranstaltung zum ALG II zählte 40 Online-Teilnehmer, bis heute ist die Hilfe beim Ausfüllen und Verschicken von Formularen die Haupttätigkeit des Helferkreises.

Die deutsche Bürokratie wirke in manchen Bereichen veraltet, es sei alles sehr kompliziert, berichten die Helfer. "Eine ukrainische Frau, die hier in Poing ein kleines Appartement bezogen hat, war überwältigt von diesem Zettelsalat. So viel Papierkram war sie nicht gewohnt, da in der Ukraine fast alle Anträge online gestellt werden", erzählt Diecker - und tatsächlich wäre, was Digitalisierung und Modernisierung angeht, wohl einiges zu tun. Trotzdem hat der Helferkreis einen guten Kontakt zum Jobcenter. "Es wird zusammengearbeitet und wir haben einen direkten Kontakt zur Leitung, was einiges einfacher macht. Dafür sind wir sehr dankbar", sagt Kirchhoff.

Die Sprachbarriere sei 2015 schwieriger zu überwinden gewesen, sagen die Helfer

Die Sprache bleibt freilich ein Problem, aber Kirchhoff sieht hier einen deutlichen Unterschied zur Flüchtlingswelle 2015: "Einige E-Mails kommen auf Ukrainisch oder Russisch bei uns an, dafür haben wir glücklicherweise einige Muttersprachler im Helferkreis. 2015 war das komplizierter, da kam man mit dem Übersetzen gar nicht hinterher, so viele Sprachen waren das." Auch im Poinger Helferkreis wird mit Übersetzungsplattformen gearbeitet, aber diese Technologie sei noch nicht perfekt, und so geschehe hin und wieder schon mal ein kleiner Fauxpas. Der Mensch als Übersetzer ist also nach wie vor die sicherere Option. "Ohne die Muttersprachler wäre es schwer, den Helferkreis am Laufen zu halten", sagt Diecker.

In Poing gibt es aktuell insgesamt 135 Personen, die aus der Ukraine nach Deutschland geflohen sind. Die Hälfte davon sind Kinder. Die meisten von ihnen kamen mit ihren Müttern und anderen weiblichen Familienmitgliedern in Poing an, denn die Mehrheit der Männer ist in der Ukraine geblieben. "Wir nehmen die Menschen als sehr wissbegierig wahr, sie wollen Deutsch lernen und versuchen, sich zu integrieren", sagt Diecker anerkennend. Zum Beispiel über einen offenen Treff im Familienzentrum, wo viele Aktivitäten organisiert und gerne wahrgenommen würden.

Momentan sei die Lage etwas ruhiger, so Diecker, viele Anträge seien bereits abgearbeitet. Trotzdem findet jeden Dienstag von 18.30 bis 21.30 im Poinger Bürgerhaus (Max-Mannheimer-Haus) eine persönliche Sprechstunde für geflüchtete Ukrainer statt. Alternativ können Anfragen an buerokratie.helfer@gmail.com gesendet werden.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB