"No Name City" in Poing Dem Wilden Westen ganz nah

Vor 20 Jahren zog sich Gründer und Impresario Heinz Bründl aus der Westernstadt "No Name City" zurück. In seiner Lagerhalle in Landsham würde Fans aber das Herz aufgehen.

Von Barbara Mooser, Poing

Der Wilde Westen lag gleich neben der bunt bemalten Betonmauer. Nur einmal um die Ecke, an dem markanten Wasserspeicher vorbei, und schon stand man mitten auf der Main Street, staubig und breit war sie, wie es sich eben gehörte, und ein Tummelplatz für Bankräuber, Revolverhelden, stolze Indianer, schöne Frauen und all diejenigen, die wochentags im Büro ihr Sehnen nach einem freien, wilden, ungebundenen Leben gerade noch so eben zügeln konnten in dem Wissen: Am Wochenende würde es nach "No Name City" gehen.

Heinz Bündl hat die Westernstadt gegründet. Noch heute bewahrt er die Kulissen auf.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Doch das Glück war nicht von Dauer: Vor 20 Jahren gingen die Glanzzeiten der Poinger Westernstadt mit dem Ausstieg des Gründers, genialen Impresarios und Teilzeit-Bankräubers Heinz Bründl zu Ende. Zwar dümpelte sie danach noch ein paar Jahre vor sich hin, doch im Frühjahr 1999 lagen die Reste der Stadt in Trümmern - und damit auch die Hoffnungen vieler Western-Fans, die das Ende ihrer Stadt fast so betrauerten wie den Abschied von einem guten Freund.

Heute steht ein gesichtsloses Bürogebäude an der Stelle, wo Buffalo Child tanzte und der Undertaker übers Gelände schlurfte, wo im "Golden Nugget Saloon" die Messer flogen und davor die Fäuste. Noch fast zwei Jahrzehnte später aber denken viele Besucher mit Wehmut im Herzen an die alten Zeiten zurück. "Howdy Trauergemeinde", grüßt etwa Jonny auf einer Facebook-Gruppe nach wie vor die Gleichgesinnten.

Der Mann, der das Hirn und die Hände, vor allem aber das Herz von "No Name City" war, lacht, wenn man ihn fragt, ob es ihm ähnlich geht: "Überhaupt nicht", sagt er vergnügt, "das Kapitel habe ich abgeschlossen."

Dazu gehören diese Bisons genauso wie...

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Vielleicht fällt es ihm leichter als anderen, weil ihn der Wilde Westen auch heute noch täglich umgibt: Zwei gewaltige ausgestopfte Bisons stehen neben dem Eingang zu seinem Büro, das er sich in einer Lagerhalle in Landsham eingerichtet hat, daneben grüßt die "Hudson's Bay Indian Trading Post", die alten, dunklen Regale vollgestopft mit Decken, Flaschen, Fallen und was man an der Grenze zur Wildnis eben sonst so brauchte.

Eine Indianerfigur lehnt an der Theke, als wolle sie gleich einkaufen, dahinter flackert im aus Natursteinen gemauerten Kamin ein heimeliges Feuer - dass es künstlich ist, bemerkt man erst auf den zweiten Blick.

Ohnehin weiß man fast nicht, wo man zuerst hinsehen soll: Gleich nebenan steht eines der Lieblingsstücke von Heinz Bründl, eine Mahagonibar aus dem Jahr 1860. Wie viele Trinker werden sich in dem Spiegel dahinter wohl betrachtet haben, wie viele Whiskeys wird der Barkeeper hier serviert haben? Ein kleiner Saloon mit Bordürentapete über dunkler Täfelung und einem Klavier an der Wand erinnert an das Pendant damals in "No Name City", mit den vielen Fotos und belehrenden Hinweisschildern aus der Zeit der Goldgräber und Trapper an der Wand.

Eingerichtet hat Heinz Bründl das alles aber nicht zu seinem Privatvergnügen, er verdient nach wie vor sein Geld mit dem Wilden Westen, seine Firma Winona konzipiert und gestaltet antike Läden, nostalgische Dekorationen, Ausstattungen und Ausstellungen für Themenparks, Gastronomie und Museen.

... diese Indianerfigur, die an der Theke der "Hudson's Bay Indian Trading Post" lehnt.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Besucht man einen Freizeitpark in Deutschland und findet dort eine authentische Westernecke vor, dann hatte der heute 66-Jährige meist bei der Ausstattung seine Finger im Spiel: Der Saloon im Hansa-Park bei Lübeck trägt ebenso seine Handschrift wie der im Europa-Park in Rust oder die Westernstadt El Dorado in Templin.

Früher fand Heinz Bründl originalgetreue Ausstattungsgegenstände vor allem bei seinen ausgedehnten Streifzügen durch die USA, heute eher auf hiesigen Flohmärkten oder in England. Viele seiner Sammlerstücke - wie etwa ein Tabaksbeutel des berühmten Häuptlings Sitting Bull - sind freilich viel zu wertvoll, um sie in Freizeitparks als Dekoration zu verwenden. Solche Raritäten leihen sich lieber Museen aus, wenn sie Ausstellungen über die amerikanischen Ureinwohner planen.

Die Regale sind vollgestopft mit Alltagsgegenständen.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Die Welt der Cowboys und Indianer lässt Heinz Bründl nicht los, dabei entdeckte er seine Leidenschaft eher zufällig - und zwar, als er hinter einer Fleischtheke stand. Der junge Münchner hatte nämlich eine Metzgerlehre absolviert und wunderte sich jeden Freitag über einen Kunden, der kiloweise Steaks abholte. Was er denn damit wolle?, fragte Heinz Bründl eines Tages mutig - und wurde aufgeklärt, dass sich die Mitglieder des "Cowboy Club München" damit allwochenendlich stärkten.

Der nette Kunde nahm den jungen Metzger kurzerhand einmal mit auf ein Treffen - und von da an nahm alles seinen Lauf. Bald eröffnete Bründl in der Münchner Dreimühlenstraße den ersten Laden, der Westernartikel führte, seine "Hudson's Bay Indian Trading Post". Sein Nachfolger, der mit dem Laden inzwischen in die Oberpfalz umgesiedelt ist, erhalte momentan Hunderte E-Mails, ob er denn wirklich Kaufhof gekauft habe, erzählt Bründl und lacht hellauf. Doch mit der milliardenschweren kanadischen "Hudson's Bay Company" hat das kleine Lädchen nun wirklich nichts zu tun.