Technologiepark PoingBeschäftigte legen Avnet‑Lager lahm

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Heute kein Warenverkehr: Die Streikenden von Avnet Logistics schicken alle Lastwagen wieder weg.
Heute kein Warenverkehr: Die Streikenden von Avnet Logistics schicken alle Lastwagen wieder weg. Christian Endt
  • Die Beschäftigten des Avnet-Logistikzentrums in Poing streiken unbefristet gegen die geplante Schließung des Standorts Mitte Dezember, durch die rund 350 Arbeitsplätze verloren gehen.
  • Trotz Milliardenerlösen und zweistelliger Margen will der US-Konzern Avnet das Lager schließen und sich auf ein neues Distributionszentrum in Sachsen-Anhalt konzentrieren.
  • Die IG Metall und der Betriebsrat fordern bessere Konditionen für die Abwicklung, darunter höhere Abfindungen, spätere Kündigungen und kürzere Arbeitszeiten für die Jobsuche.
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Trotz Milliardenerlösen will der US‑Konzern sein Logistikzentrum in Poing schließen. Die Belegschaft reagiert mit einem unbefristeten Streik und fordert bessere Konditionen für die rund 350 Beschäftigten.

Von Anja Blum, Poing

Gewerkschafts-Rot ist die Farbe der Stunde im Technologiepark von Poing, denn der Widerstand ist sichtbar: Die Beschäftigten des Logistikzentrums von Avnet haben sich entschieden, die Pläne des amerikanischen, börsennotierten Elektronikkonzerns mit einem unbefristeten Streik zu beantworten. „Und wir werden nicht aufgeben, bis unsere berechtigten Interessen endlich Gehör finden“, ruft Symeon Xenidis, Chef des Betriebsrats, an diesem Dienstagvormittag seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern bei einer Kundgebung vor dem Firmengebäude zu.

Breite Unterstützung hat die Belegschaft des Logistikzentrums bereits seit Längerem von der IG Metall. Sie steht dem Betriebsrat in den Verhandlungen zur Seite, liefert sowohl das notwendige Know-how als auch die Infrastruktur für den Arbeitskampf und leistet jede Menge moralischen Beistand. An diesem Morgen, noch vor ihrer Schicht, sind bereits rund 60 Kollegen von BMW aus Parsdorf nach Poing gekommen, um ihre Solidarität zu bekunden. Kurz darauf tritt ein Mercedes-Mitarbeiter der IG Metall München ans Mikro. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, skandiert Lucas Marchlewitz, ein Spruch der Fridays-for-Future-Bewegung, der auch zur Situation der Avnet-Belegschaft passt.

Wirtschaft im Landkreis Ebersberg
:In Poing stehen 350 Jobs auf der Kippe

Rund hundert Beschäftigte von Avnet Logistics beteiligen sich an einem Warnstreik. Sie fürchten um ihre Arbeitsplätze am Standort. Die IG Metall fordert von dem Unternehmen eine langfristige Beschäftigungsgarantie für die Mitarbeiter.

Von Anja Blum

Der Technologiegroßhändler Avnet will nämlich sein Logistikzentrum in Poing trotz anhaltender Proteste Mitte Dezember schließen, wodurch rund 350 Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren werden. „Menschen, die im Durchschnitt schon mehr als 17 Jahre für dieses Unternehmen arbeiten, also immer sehr loyal waren“, sagt Streikleiter Philipp Schlemmer von der IG Metall. Und das, obwohl die Arbeitsbedingungen ohnehin ziemlich schlecht seien: „Die Beschäftigten bei Avnet Logistics erhalten im Vergleich zum Flächentarifvertrag der bayerischen Metall- und Elektroindustrie deutlich weniger Geld und müssen überdies länger arbeiten, nämlich 40 Wochenstunden.“

Ziel der Verhandlungen mit dem Arbeitgeber ist nun eine tarifliche Lösung. Konkret bedeutet das, dass – wenn die Abwicklung des Standorts schon nicht mehr verhindert werden kann – diese für die Beschäftigten zu besseren Konditionen erfolgen soll. Mehr Gehalt zumindest für die verbleibenden Monate, etwas spätere Kündigungen, angemessene Abfindungen, Lösungen für die Menschen kurz vor der Rente sowie kürzere Arbeitszeiten, damit die Jobsuche leichter fällt: Es gebe viele Hebel, die man in dieser Situation bewegen könnte, erklärt Schlemmer. „Wir wollen einfach Respekt und Planungssicherheit.“ Doch was die Gegenseite bislang biete, reiche bei Weitem nicht aus.

Auch Symeon Xenidis, der Vorsitzende des Betriebsrats, ist sehr enttäuscht vom Verhalten seines Arbeitgebers.
Auch Symeon Xenidis, der Vorsitzende des Betriebsrats, ist sehr enttäuscht vom Verhalten seines Arbeitgebers. Christian Endt

Dabei mache Avnet laut IG Metall „mit seinen Produkten einen Milliardenumsatz und erzielt deutlich zweistellige Margen“. Der tägliche Warenwert, der das Logistikzentrum in Poing verlasse, liege teilweise höher als die jährlichen Personalkosten des Standorts. Der Aktienkurs des Unternehmens sei nach Bekanntgabe der Standortschließung sogar noch einmal um rund zwölf Prozent gestiegen. „Hier geht es also nicht um ein Unternehmen kurz vor der Insolvenz, sondern um eiskalte Gewinnmaximierung auf Spitzenniveau.“

Avnet Logistics übernimmt die anspruchsvolle Distribution von Halbleitern sowie anderen Elektronikkomponenten und beliefert zahlreiche Kunden, darunter Bosch, Continental, Infineon und Hella. „Selbst während der Corona-Zeit haben wir ganz viele Überstunden gemacht“, berichtet Betriebsrat Xenidis. Dadurch habe das Unternehmen erhebliche Gewinne erzielt – mit denen inzwischen ein Distributionszentrum in Sachsen-Anhalt gebaut worden sei. Auf diesen Standort wolle man sich künftig konzentrieren, ließ Avnet jetzt wissen.

Großartiger Zusammenhalt: Obwohl die Lage sehr ernst ist, halten die Beschäftigten mit guter Laune dagegen.
Großartiger Zusammenhalt: Obwohl die Lage sehr ernst ist, halten die Beschäftigten mit guter Laune dagegen. Christian Endt

Deswegen haben die Beschäftigten in Poing für einen unbefristeten Streik votiert, das schärfste Mittel des Arbeitskampfs. Dazu greife die IG Metall nur sehr selten, sagt Schlemmer, in Bayern zuletzt 2024 bei der oberpfälzischen Firma Schabmüller in Berching. „Schließlich richtet man mit dieser höchsten Eskalationsstufe schon massiven Schaden an.“ Die Beschäftigten würden den Betrieb jetzt so lange lahmlegen, bis sich das Unternehmen endlich bewege. Und tatsächlich: Kein einziges Paket verlässt an diesem Dienstag das Avnet-Lager, an allen Aus- und Eingängen stehen tapfere Streikposten in der Sonne und schicken alle Lastwagen wieder weg.

„Ohne uns läuft hier gar nichts“: Der Rest der Protestierenden macht vor dem Gebäude fröhlich Lärm und applaudiert der Kundgebung, zu der sogar der bayerische IG-Metall-Chef Horst Ott gekommen ist. „Meinen tiefsten Respekt für euren Mut“, ruft er den Menschen in Rot zu. „Ihr seid ein total cooler Haufen!“ Doch der Konzern lege sich hier nicht nur mit seinen Beschäftigten an, sondern mit der gesamten Gewerkschaft. „Wir stehen komplett hinter euch“, so Ott. Denn wenn Recht zu Unrecht werde, wie in diesem Fall, dann werde Widerstand zur Pflicht.

Ob der Streik erfolgreich sein wird, das könne niemand vorhersagen, gesteht Schlemmer. „Morgen wird wieder verhandelt, mal sehen, was dabei herauskommt.“ Grundsätzlich aber sei man keinesfalls erpicht auf einen langen Streik. „Wir können das sehr gerne gleich wieder beenden“, sagt der Gewerkschafter – und grinst.

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