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Poing:Aufstand der Verzweifelten

Seit 2010 steht in Poing nahe des S-Bahnhofs das Mahnmal, das an den Todeszug erinnern soll. Mehr als 50 Menschen starben 1945 bei dem Häftlingstransport.

(Foto: Christian Endt)

Der frühere Geschichtslehrer Heinrich Mayer legt neue Erkenntisse zum Massaker an KZ-Häftlingen in Poing vor

Von Karin Kampwerth, Poing

Es war nicht die Falschmeldung der Freiheitsaktion Bayern über das vermeintliche Kriegsende, sondern eine Revolte in den Waggons des Häftlingstransportes, die am 27. April 1945 zum Massaker an vorwiegend jüdischen KZ-Gefangenen in Poing geführt hat. Zu diesem Schluss kommt der Historiker und frühere Geschichtslehrer am Markt Schwabener Franz Marc-Gymnasium, Heinrich Mayer.

Dass sich die Zugfahrt aus dem Außenlager des Dachauer Konzentrationslagers in Mühldorf nun exakt rekonstruieren lässt, ist allerdings eher einem Zufall zu verdanken. Mayer, der nach seiner Pensionierung vor drei Jahren weiter an der Aufarbeitung der Gräueltaten des Naziregimes im Landkreis Ebersberg arbeitet, war eigentlich auf der Suche nach Arnold Wachtel, einem Berliner Juden, der auch im Todeszug saß, aber an jenem schicksalhaften 27. April 1945 entkommen konnte.

Unterschlupf hatte der damals 24-Jährige auf einem Bauernhof in Anzing gefunden. Ein Brett über einem Türstock, das Schüler des 2007 von Mayer am Markt Schwabener Gymnasium initiierten Projektes "Vergessener Widerstand" bei ihren Recherchen gefunden hatten, ist mit seinem und den Namen anderer Häftlinge versehen, die sich nach Anzing retten konnten. Nach dem Krieg, so Mayer, habe es Wachtel dann nach Markt Schwaben verschlagen, das dokumentieren Unterlagen, die Mayer im Leo Baeck Institute Center for Jewish History in New York gefunden hat. 1946 aber, und da setzten die Recherchen des Münchner Historikers an, verschwand Wachtel - spurlos.

Bis 1996 noch hatte Wachtels Bruder, der in die USA emigriert war, über internationale Suchdienste nach Arnold Wachtel gefahndet. Die einzige Spur jedoch führte von einer Markt Schwabener Familie, bei der Wachtel untergekommen war, über verschlungene Wege zu Ermittlungsakten, in denen es um einen gewissen Lothar Windmüller geht. Der Mann war von einem anderen Insassen des Todeszuge wegen vorsätzlichen Mordes angezeigt worden. Windmüller gehörte der deutschen Luftwaffe an und hat laut Prozessakten eines sowjetischen Gerichtes den Befehl gegeben, auf die aus dem Zug flüchtenden Häftlinge zu schießen. Mindestens 50 Menschen waren dabei ums Leben gekommen.

In den Prozessakten findet sich auch das Protokoll des Zugführers. Dieses bestätigt, dass der Zug bereits am 26. April in Poing angekommen war und aufgrund eines Lok-Schadens nicht weiterfahren konnte. Am 27. April dann sei es unter den 3600 entkräfteten und verzweifelten Häftlingen, die ohne Wasser und Nahrung in den Viehwaggons zusammengepfercht waren, zu einem Aufstand gekommen. Die Wächter hätten sich nicht anders zu helfen gewusst und die Waggons geöffnet.

In dem Protokoll heißt es weiter, dass der damalige Bürgermeister die Luftwaffe zur Hilfe gerufen hat. Die Nachrichtensendung der Befreiungsaktion Bayern aber, in der die Falschmeldung des Kriegsendes kolportiert worden war, sei erst am 28. April ausgestrahlt worden. "Neue zeitnahe Akten belegen das", sagt Mayer, der sich der Brisanz dieses Details durchaus bewusst ist. "Eine Befreiungsaktion hört sich natürlich besser an." Mayer aber fühle sich der historischen Wahrheit verpflichtet. Dazu gehört auch das Schicksal von Arnold Wachtel. Dessen Verbleib ist bis heute ungeklärt.

Die Gemeinde Poing lädt zur Gedenkfeier an das Massaker an KZ-Häftlingen an diesem Donnerstag um 17 Uhr am Mahnmal in der Bahnhofstraße ein.

© SZ vom 27.04.2017
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