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Pliening:Schlechter Film

Die Trauerfeier für den Tubisten der Münchner Philharmoniker Tom Walsh soll seine 93-jährige Mutter in Philadelphia per Video miterleben können. Aber der Fotograf patzt, die Aufnahme ist kaum zu brauchen.

Das Schlimmste für die Schwestern Walsh ist natürlich, dass ihr Vater nicht mehr da ist. Dass er nie mehr ins Esszimmer kommt, um sich die vielen Videos anzusehen, die er gedreht hat von Feiern, von Urlauben. Gleich zwei Bildschirme hängen an der Wand im Einfamilienhäuschen am Ortsrand von Pliening - ein großer und ein kleinerer darunter. Dort war immer Tom Walshs Videokamera angeschlossen, damit er ohne technische Umstände seinem Hobby nachgehen oder Erinnerungen nachhängen konnte.

Schlimm ist für Gloria und ihre Schwester Margaret, die aus England zur Beerdigung des Vaters gekommen war, für ihre Mutter Gerda und die ganze Familie, dass die weichen Töne aus der Tuba des Musikers nicht mehr durchs Haus schweben werden. Seit mehr als 35 Jahren war der gebürtige Amerikaner Mitglied der Münchner Symphoniker. 1979 hatte er dort als Basstubist begonnen, am gleichen Tag wie Bob Ross, der schottische Hornist und Leiter des Blasensembles Blechschaden.

Walsh gehörte zu den Mitbegründern der Gruppe. Ross, der für seine musikalische Originalität ebenso wie für seinen spitzzüngigen Humor bekannt ist, hat einmal über den Kollegen mit der Tuba gesagt, seine Spezialität sei der Hummelflug des russischen Komponisten Korsakov - da spiele er 521 Töne in nur zwei Minuten.

Besonders schlimm aber ist für die Familie in diesen Tagen die Sache mit dem vermurksten Video der Beerdigung des Tubisten. Bestimmt war die Aufnahme für seine Mutter, die, 93 Jahre alt, die lange Reise aus dem Geburtsort des Sohnes in der Nähe von Philadelphia nicht mehr auf sich nehmen konnte.

"Nicht einmal die vielen Blumen hat er gefilmt." Gloria Walsh hadert immer noch mit der Filmaufnahme der Beerdigung ihres Vaters.

(Foto: Alexandra Leuthner)

Aber irgendwie dabei sein wollte sie doch, also fassten die Enkeltöchter und ihre Mutter den Plan, ein Profi solle einen Film vom Begräbnis machen - das ja alles andere als eine normale Beerdigung gewesen ist. Die Trauergäste kamen aus aller Welt auf den Plieninger Friedhof, die Geschwister des 61-Jährigen aus Amerika und Alaska, eine Tochter aus England, Musikerfreunde und Begleiter des Tubisten auf seinen musikalischen Stationen, von denen eine der letzten die Carnegie Hall in New York war, von überall her.

Die Violinvirtuosin an der Stuttgarter Philharmonie, Keiko Waldner, eine langjährige Freundin, spielte das Adagio von Albinoni. Die Sängerin Lily Jordan sang das Ave Maria, natürlich war Blechschaden dabei. Der Chef, Bob Ross, zählte zu den Trauerrednern, der Intendant der Münchner Philharmoniker Paul Müller und der Präsident der Münchner Musikhochschule, Bernd Redmann. Walsh hatte hier jahrzehntelang unterrichtet.

Ehemalige Schüler bedankten sich nach der vom Geltinger Pfarrer Norbert Joschko geleiteten Feier mit einem Choral, die Musikerkollegen Bob Tucci und David Leclair spielten noch einmal Ave Maria, die Posaunengruppe der Münchner Philharmoniker begleiteten die Grablegung mit Irish Blessing. Alle sind hier noch nicht einmal genannt.

Drei Stunden dauerte die Feier - doch auf der Videoaufnahme, die Walshs Witwe Gerda Anfang der Woche im Fotostudio abholte, ist nur ein Bruchteil davon zu sehen. Viele Teile fehlen komplett, andere sind verwackelt"die Grablegung der Urne hat er gar nicht gefilmt", sagt Tochter Gloria, und das Schlimmste: Der größte Teil der Predigt, gefilmt von der Empore in der Geltinger Pfarrkirche, ist ohne Ton. Als der dann endlich einsetzt, ist die Aufnahme so unscharf, dass man den Redner unten im Kirchenschiff nicht erkennen kann.

Tom Walsh und seine Tuba - eine lebenslange Liebe.

(Foto: Ulrich Haas)

"Ich konnte es erst gar nicht fassen", sagt Gloria, die immer noch voller Zorn ist. "Erst dachten wir, wir könnten das noch retten", assistiert ihre Schwester Margaret", wir haben einen Termin mit einem Toningenieur ausgemacht. Doch der Fotograf, den sie in seinem Geschäft aufsuchten, musste schließlich einräumen, dass es tatsächlich keinen Ton zu diesem Teil der Aufnahme gibt.

Bis er Rede und Antwort gestanden habe, erzählen die Schwestern empört, habe es aber gedauert, auf Emails habe er nicht reagiert. Erst als Margaret im Laden in Tränen ausgebrochen sei, habe er sich entschuldigt, angeboten, das Geld zurück zu geben. Margaret kämpft immer noch mit den Tränen, "wir können nicht mehr schlafen. Wir konnten es unserer Oma erst nicht erzählen, das ist so peinlich."

Auch Gloria, die eine Riesenwut im Bauch hat, kommen die Tränen. "Ich hab gedacht, wenn ich nicht alles mitbekomme, kann ich es mir hinterher noch anschauen. Hätte ich das geahnt, hätte ich doch viel mehr in meinem Kopf gespeichert. Eine absolute Katastrophe."

Katastrophal ist die Sache auch für den Fotografen, zumal die Schwestern überlegen, ihn zu verklagen. "Ich habe einen Riesenfehler gemacht, der nicht zu reparieren ist", sagt er. Wie das Missgeschick habe passieren können, könne er selbst nicht erklären. Aber eine relativ neue Kamera, ein schwacher Akku, vielleicht ein heraus gerissenes Kabel - all das hat wohl dazu beigetragen, das die Aufnahme so gar nicht das geworden ist, was sich die Familie vorgestellt hat. Vor allem aber habe er den Auftrag falsch eingeschätzt. Er habe ja auch noch nie eine Beerdigung gefilmt, spezialisiert ist er auf Porträts. "Vielleicht hätte ich gleich sagen sollen, ich mache das nicht."

Das sehen die Schwestern Walsh ähnlich. "Hätte er es uns eine halbe Stunde vorher gesagt, hätten wir improvisieren können, zur Not mit der Videokamera unseres Papas." So aber gibt es nicht mal Aufnahmen von den Gästen. "Irgendeiner hätte das bestimmt machen können, es waren ja fast 200 Leute da. Aber das sieht man auf dem Film ja auch nicht."