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Pliening/Kirchseeon:Dicke Luft

In der Plieninger Traglufthalle wohnen bis zu sechs Flüchtlinge zwischen Abtrennwänden in einem Stockbetten-Lager.

(Foto: Christian Endt)

Plienings Traglufthalle ist bei Flüchtlingen unbeliebt, nicht nur wegen der Hitze, die sich unter dem Dach staut. Der Kirchseeoner Helferkreis holt die Männer aus der Massenunterkunft kurzerhand zurück in die Gemeinde.

Von Korbinian Eisenberger, Pliening/Kirchseeon

Wenn die Sonne scheint, muss Arif Bassami* in diesen Tagen besonders zeitig aufstehen. Nicht wegen des Deutschkurses in München, der ist meistens erst nachmittags, und auch nicht wegen dem Fußballtraining in Kirchseeon, das ist am Abend. "In der Halle ist es oft schon in der Früh nicht mehr auszuhalten", erzählt der Syrer am Handy. "Die Männer tragen kurze Hosen und laufen mit freiem Oberkörper rum", sagt er. "Manche laufen nachts weg, weil sie nicht schlafen können." Der 23-Jährige will weg, wohin weiß er nicht. "Hauptsache raus aus der Halle", sagt er noch, bevor er auflegt.

Sechs Wochen sind vergangen, seit zunächst 175 Flüchtlinge aus den landkreisweiten Notunterkünften vom Landratsamt in die neu errichtete Plieninger Traglufthalle umgesiedelt wurden. Wie anderswo auch hat das Landratsamt Ebersberg auf Anweisung der Regierung von Oberbayern auch anerkannte Flüchtlinge in Traglufthallen untergebracht. Maximal finden in Pliening 300 Menschen Platz, ebenso groß ist die Halle in Grub, die in den nächsten Wochen belegt werden soll.

Schlimmer als Viehhaltung

Lange war die Unterbringung der anerkannten Flüchtlinge ein Dilemma, für das es keinen Ausweg zu geben schien - gerade bei der Wohnungsknappheit im Münchner Speckgürtel. Bisher wurden die Menschen nach ihrer Anerkennung meist in Wohnungen untergebracht. Seit der Ministerrat des bayerischen Kabinetts am 12. April auf Vorschlag von Sozialministerin Emilia Müller eine "Anpassung der bayerischen Asylbewerberunterbringung" beschloss, dürfen anerkannte Flüchtlinge jedoch auch in Massenunterkünften untergebracht worden - so wie jetzt in Pliening.

Stefanie Meier vom Kirchseeoner Helferkreis geht seither beinahe täglich durch das breite Eingangstor, vorbei an den Securitys, hinein in eines der Abteile, wo bis zu sechs Männer zusammenwohnen. "Wenn man Vieh so halten würde, würde man verklagt werden", sagt sie. Meier, die ihren richtigen Namen aus Furcht vor Anfeindungen im Internet nicht in der Zeitung lesen möchte, steht am Küchenfenster eines Wohnhauses in Kirchseeon und hat einen Glasreiniger in der Hand.

Im Nebenzimmer der Küche bauen Djamal Abdul und Jussuf Ibraim zwei Betten zusammen. "Wir ziehen hier beide ein", sagt Abdul. Offiziell wohnen die beiden Syrer noch in der Plieninger Traglufthalle, "die Mietverträge sind aber bereits unterschrieben und vom Jobcenter abgesegnet", sagt Meier. Insgesamt habe der Kirchseeoner Helferkreis bereits 20 Flüchtlinge in acht Häusern in Kirchseeon und Eglharting untergebracht, sagt sie. "Wir wollen möglichst viele wieder nach Kirchseeon zurückholen."

Die Leitstelle meldet mehrere Einsätze

Meier hat Beobachtungen gesammelt, "schlimme Bilder", wie sie es nennt. Bilder, wie der Notarzt wegen der stickigen Hitze mehrere Männer behandeln musste, und wie ein Sicherheitsbeamter ohnmächtig in einen Sanka verladen wurde. Die Integrierte Leitstelle in Erding, wo die Einsätze registriert werden, teilt inzwischen mit, dass es in den vergangen 14 Tagen mehrere Einsätze in der Traglufthalle gegeben habe, davon "einen hitzebedingten Abtransport." Das Landratsamt erklärt, man habe deshalb "die Firma, die die Traglufthalle zur Verfügung stellt, aufgefordert wie vertraglich festgelegt für ausreichende Be- und Entlüftung und einen entsprechenden Sonnenschutz zu sorgen", wie es in einer Stellungnahme heißt. Die Halle werde demnächst nachgerüstet.

Die Beschwerden über die Belüftung haben sich über Handy-Chat-Programme schnell rumgesprochen. "Vielen geht es aber auch darum, dass sie in ihrem Umfeld bleiben dürfen", sagt Meier. Anfang der Woche hatte ein junger Mann aus Sierra Leone etwa für Aufregung gesorgt, weil er aus Protest gegen seinen Zwangsumzug auf ein Containerdach am Grafinger Gymnasium gestiegen war. Mit ihm protestierten 31 weitere junge Männer, von denen sich ein Großteil innerhalb des vergangenen Jahres "gut in Grafing eingelebt" habe, wie der dortige Helferkreis mitteilte. "Unsere Bemühungen, die Flüchtlinge zu integrieren, werden dadurch torpediert", sagt auch Joachim Weikel, Vorsitzender des Helferkreises Markt Schwaben. "Es gibt Flüchtlinge, die im Sportverein, beim Gospelchor und im Sprachkurs seit fast einem Jahr voll dabei waren und jetzt nach dem Umzug wieder komplett von vorne anfangen müssen", sagt er.

Die teure Halle muss auch belegt werden

Wenn Helfer aus dem Landkreis Ebersberg erzählen, schwingt meist Kritik am Landratsamt mit. Dort befinden sich die Zuständigen allerdings in einer Zwickmühle: Zum einen wird erwartet, in der Flüchtlingsfrage möglichst allein im Sinne der Integration vorzugehen. Zum anderen müssen die Mitarbeiter des Landratsamts die politischen Vorgaben der Staatsregierung und der Regierung von Oberbayern umsetzen. Von dort heißt es, dass man "die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger um die angemessene Unterbringung von Asylbewerbern auch im Landkreis Ebersberg sehr ernst" nehme. "Es wäre unvertretbar, die teure Traglufthalle" nicht entsprechend zu belegen, teilt die Regierung von Oberbayern mit und beruft sich dabei auf eine Antwort von Landrat Robert Niedergesäß (CSU) auf einen offenen Brief mehrerer Landkreisbürger.

Khan Rayhan, 28, weiß, um wen es geht, wenn der Name des Landrats fällt. Der syrische Maschinenbau-Student, getrimmter Bart, Hemd, soll demnächst in eine der Wohnungen in Kirchseeon einziehen, seine Koffer hat er gepackt. "Wir haben ihm eine Empfehlung gegeben", sagt Meier, ohne wäre es wohl schwierig. Gute Chancen, so Meier gebe es bei Älteren, die froh sind, wenn ein junger Mann bei Hausmeistertätigkeiten zu Hand gehe. "Ich habe hier Freunde gefunden ", sagt Abdul, der zuletzt in einem Stockbett in Pliening wohnte. "Für mich ist auch wichtig, dass ich nicht vier Kilometer bis zum Poinger Bahnhof gehen muss", sagt er. "Wenn ich mit der Sprache soweit bin, muss ich nahe an München sein", sagt er. Dort will er sein Ingenieursstudium fertig machen.

* Alle Namen der Flüchtlinge geändert.

© SZ vom 04.06.2016/moje
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