bedeckt München 12°

Markt Schwaben:Pizza Alarmi

In the kitchen of chef Master class on cooking pizza PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright xs

Anders als in diesem Symbolfoto ist der Pizza-Ofen im Markt Schwabener La Piazza geschlossen.

(Foto: imago images / Panthermedia)

In einem Markt Schwabener Lokal musste die Feuerwehr in 14 Jahren knapp 170 mal wegen Fehlalarmen anrücken - womöglich aber bald zum letzten Mal.

Von Korbinian Eisenberger, Markt Schwaben

Brandmeldeanlage Marktplatz 31. Wenn Christian Hankofer diese Durchsage auf den Piepser bekommt, weiß er genau, was ihn erwartet: la procedura continua. In der Pizzeria La Piazza springt der Brandmelder an - und wie immer wird es Fehlalarm sein. Doch Kommandant Hankofer und 17 Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr Markt Schwaben rücken trotzdem aus.

"Wir verhalten uns nach wie vor routinemäßig wie bei jedem anderen Einsatz", sagt der 47-Jährige: Vom Büro in die Feuerwehrzentrale, rein in die Schutzkleidung und im Löschfahrzeug zum Italiener am Marktplatz. Kommandant Hankofer war "bei drei Viertel der Einsätze" dabei. Die Lokaltür geht auf, die Sirene wird lauter, drinnen warten sie schon auf die Stammgäste aus dem Spritzenhaus. "Schulter zucken, Arm heben, jetzt simma halt schon wieder da."

Drinnen steht dann meistens Angela Dachs, die das Lokal seit zehn Jahren betreibt und eine Statistik fortführt: Der ersten Fehlalarm wurde von den Vorgängern am 11. Februar 2007 registriert, den bis dato letzten verzeichnete Dachs selbst am 26. Februar 2021. Insgesamt ist die Markt Schwabener Feuerwehr in 14 Jahren knapp 170 Mal ins La Piazza ausgerückt - knapp 120 Mal davon wegen eines Fehlalarms durch die Brandmeldeanlage in der Ära des La Piazza. Allein seit April 2020 wurde Hankofers Löschzug 13 Mal zum Einsatz ins La Piazza gerufen. Mit dem immer gleichen Ergebnis.

"Wir stellen die Brandmeldeanlage zurück und fahren wieder." Pizza Alarmi? So kurios der Fall klingt, so humorlos geht es hier jedoch bisweilen zu. Wegen der Fehlalarme muss das Lokal - in normalen Zeiten - regelmäßig evakuiert werden, auch wenn die dampfende Pizza am Tisch steht. "Manche Gäste sind stinksauer", sagt Dachs. Auch deswegen streiten sich die Betreiber der Pizzeria mit den Inhabern des Gebäudes seit Jahren vor Gericht.

Rosamaria Muggianu und Pizzabäcker Andrea Ferro vom Markt Schwabener Italiener La Piazza.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Es geht um die Frage, wer die Rechnungen für die Feuerwehreinsätze an die Gemeinde zu zahlen hat - und demnach auch darum, wer für all das verantwortlich ist. Hintergrund ist, dass die Betreiber die Kapazität des Wirtshauses per Nutzungsänderung auf 199 Gäste erweiterten. Die technische Ausrüstung der Räume scheint jedoch nicht restlos dafür ausgelegt zu sein. Der Ausgang des Prozesses ist offen.

Im Kern geht es wohl darum, dass die Brandmelder in der Nähe des Pizzaofens sehr sensibel sind und die Rauchzeichen der Regina verlässlich fehlinterpretieren. Den Betreibern ist dieser Knackpunkt durchaus bewusst. "Wir dürfen da aber nicht dran herumschalten", sagt Angela Dachs, das Lokal müsse sich an die geltenden Brandschutzauflagen halten. Auch in diesen Zeiten, wo im Lokal wegen der Pandemiebestimmungen keine Gäste sitzen dürfen - der Pizzaofen aber trotzdem dampft, weil die Markt Schwabener ihre Diavola zum Mitnehmen bestellen.

Quattro stazioni: Zuletzt machte die Feuerwehr in zwei Wochen viermal Halt im Lokal

Markt Schwaben Pizzeria La Piazza Fehlalarm Feuerwehr

Einer von den 120 Einsätzen im Lokal seit 2011.

(Foto: Privat)

Bei all dem Tech-Meck ist ein Gerät im La Piazza außerordentlich funktionstüchtig: die Sirene. Das ist Videoaufnahmen zu entnehmen, die Angela Dachs auf ihrem Handy gespeichert hat. Zuletzt mussten Hankofers Leute wieder besonders häufig anrücken, allein zwischen 12. und 26. Februar heulte die Sirene viermal. Für die Feuerwehr hieß das: quattro stazioni in 14 Tagen. Der Kommandant bleibt bei dem Thema dennoch stoisch ruhig, kennt er es doch gar nicht anders, seit er 2015 das Amt übernahm. "Der ein oder andere ärgert sich schon, dass wir da jetzt gleich wieder hinfahren müssen", sagt er. "Bis jetzt sind meine Leute aber immer noch motiviert."

Die storia infinita im La Piazza hatte auch Hankofers Vorgänger schon beschäftigt - nun ist ein weiterer ehemaliger Kommandant mit der bayerisch-italienischen Angelegenheit betraut: Michael Stolze - von 1998 bis 2003 Feuerwehrchef - sitzt seit Mai 2020 als Bürgermeister im Markt Schwabener Rathaus und muss von seinem Büro zum La Piazza nur über die Straße gehen. Er hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, seine Kollegen und die Lokalbetreiber zu erlösen.

Für den Bürgermeister ist die Ursache des Problems "trivial". Helfen soll nun die Brandschutzdienststelle des Ebersberger Landratsamtes. Ein Gutachten könnte die Posse womöglich ein für allemal beenden: "Bei Betrieb im Lokal muss eine bestimmte Meldergruppe abgestellt werden", so Stolze. Ergo: Wenn die Calzone im Pizzaofen dampft, sind die nahe gelegenen Rauchmelder aus - andere bleiben intakt. Schließt die Küche, läuft die Brandschutzanlage wieder komplett. Noch fehlen zur Umsetzung einige Details, so Stolze. "Wir sind kurz vor dem Finale."

Wie man die Pizza auch dreht und wendet - es dürfte ein finale furioso werden. Denn wer die über Jahre angehäuften Einsätze bezahlen muss, ist ungeklärt. Der Gemeinde fielen Kosten an, etwa für die Ausrüstung oder die Entschädigung der Arbeitgeber wenn ein Feuerwehrler wegen der Pizzeria aus dem Büro musste. Seit Januar 2021 erhebt die Gemeinde bei Fehlalarmen eine Pauschale von 500 Euro pro Einsatz, vorher war es etwas weniger. Hankofer und seine Crew bekommen kein Geld, ihre Arbeit ist ehrenamtlich, also unbezahlt.

Warum tun sich Feuerwehrmänner so etwas freiwillig an? Vielleicht auch weil man nie sicher sein kann, dass doch jemand in Not gerät. In den Anfangsjahren hatte das La Piazza einen Feuerschlucker als Attraktion engagiert. Ein andermal fing der Ärmel eines Gastes Feuer an einer Kerze. In beiden Fällen rückte Hankofers Löschzug an. Ohne nachträgliche Rechnung fürs Lokal. Es war kein Fehlalarm. Die Sirene erfüllte diesmal ihre originäre Bestimmung.

© SZ vom 13.03.2021/koei
Zur SZ-Startseite

Bauer sucht Haus
:Behörde: Landwirt soll in Holzscheune wohnen

Ein Jungbauer aus Markt Schwaben möchte mit Frau und Kindern neben seine Weide ziehen. Darf er - wenn er vorher sechs Monate in einem Stadel haust.

Von Korbinian Eisenberger

Lesen Sie mehr zum Thema