SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 44:Sind wir jetzt auch im Krieg?

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SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 44: Ohne FFP2-Masken wären die Corona-Fallzahlen noch höher, sagt Pola Gülberg. Deshalb wird sie ihre auch weiterhin tragen.

Ohne FFP2-Masken wären die Corona-Fallzahlen noch höher, sagt Pola Gülberg. Deshalb wird sie ihre auch weiterhin tragen.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Pola Gülberg wundert sich über den Ausdruck "Freedom Day" in Bezug auf Corona - und ist erleichtert, dass er in Bayern nicht wie geplant kommt.

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

Wenn ich den Ausdruck "Freedom Day" höre, denke ich mir: Warum Freedom - sind wir jetzt auch im Krieg? Die Formulierung hat für mich nichts mit Freiheit durch den Wegfall von Corona-Schutzmaßnahmen zu tun, wofür ihn dieser Tage jedoch viele Menschen gebrauchen. Ein solcher Freedom Day war angesetzt für den 20. März. Ich bin erleichtert, dass er zumindest in Bayern nicht so gekommen ist, wie es die Bundesregierung geplant hatte. Bis Anfang April gelten immerhin Maskenpflicht sowie 2-G- und 3-G-Regeln nach wie vor. Ich habe ganz und gar nicht den Eindruck, dass Corona vorbei ist, vor allem hier im Landkreis dampfen die Infektionszahlen geradezu. Das macht sich in den Kliniken bemerkbar - dort ist ein Normalzustand in weiter Ferne.

Es mag sein, dass wir auf der Ebersberger Intensivstation nach dem Delta-Hoch Ende vergangenen Jahres eine Verschnaufpause haben. Es kommen deutlich weniger Corona-Patienten zu uns. Aber an anderen Orten scheint das nicht so zu sein. Denn wir übernehmen regelmäßig von Kliniken in umliegenden Landkreisen Covid-Fälle. Allgemein betrachtet sind die Ressourcen nach wie vor erschöpft.

Würden bei der aktuellen Lage nun Masken und Tests im öffentlichen Raum wegfallen, ist es logisch, dass sich noch mehr Menschen infizieren. Damit fällt auch noch mehr Personal wegen einer Infektion aus als ohnehin schon. Außerdem steigt proportional nicht nur die Zahl der Patienten an, die wir wegen Corona behandeln, sondern auch die Zahl derjenigen, die wir mit Corona versorgen: Ein Patient kommt wegen eines gebrochenen Beins in die Klinik. Bei seiner PCR-Testung, die wir routinemäßig bei allen vornehmen, gibt es dann einen Corona-positiver Zufallsbefund. Es ist aber egal, ob ein Patient wegen oder mit Corona in der Klinik ist. In beiden Fällen ist er isolationspflichtig und das bedeutet mehr Zeit, die wir für die Pflege benötigen.

Ein höherer Versorgungsaufwand bei weniger Personal. Wie soll das funktionieren?

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 44: Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Hinzukommt: Bis wir die Ergebnisse der PCR-Tests vorliegen haben, dauert es unter Umständen zwei oder drei Tage. Wir sind ein kleines Krankenhaus und haben im Labor nicht die Möglichkeit für solch spezielle Auswertungen. Diese Arbeit erledigt eine externe Firma. So lange die Ergebnisse ausstehen, müssen die Patienten isoliert werden. Das bedeutet ab einer gewissen Anzahl ein Platzproblem. Außerdem wird häufig vergessen, dass Corona nicht die einzige Viruserkrankung ist, bei der Patienten isolationspflichtig bleiben.

Ich bin froh um meine FFP2-Maske und werde sie weiterhin tragen. Auf der Intensivstation sowieso, aber auch jenseits meiner Arbeit. So lautet übrigens der allgemeine Tenor, wenn ich mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen umhöre. Es wäre schön, wenn Politik und Gesellschaft das auch so sehen würden. Denn einen Freedom Day bei extrem hohen Fallzahlen und einer hochansteckenden Virusvariante kann es nur geben, wenn er auf dem Rücken von uns Pflegekräften ausgetragen wird. Das ist nicht in Ordnung. Wir sollten uns stattdessen einen Freedom Day für alle Kriegsregionen wünschen.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 37-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte finden Sie unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station.

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