SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 61:"Das zuzelt mich sonst aus"

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SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 61: Bei schönem Wetter fährt Pola Gülberg mit dem Motorrad zur Klinik, denn so kann sie private Gedanken am besten hinter sich lassen.

Bei schönem Wetter fährt Pola Gülberg mit dem Motorrad zur Klinik, denn so kann sie private Gedanken am besten hinter sich lassen.

(Foto: Thomas Warnack/dpa)

Kurz vor Dienstbeginn hat Pola Gülberg eine Hiobsbotschaft erhalten. In der Arbeit ließen sie die Gedanken daran zunächst nicht los. Seitdem achtet sie noch mehr darauf, auf ihrem Arbeitsweg alle Stressfaktoren für die nächsten paar Stunden abzuschütteln.

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

Es war im vergangenen Winter, als sich meine Mutter kurz vor Dienstbeginn bei mir gemeldet hat. Einer meiner Cousins war an Corona erkrankt - so schwer, dass er nun ins Krankenhaus gekommen war und sofort an die Beatmung angeschlossen wurde. Das alles passierte in einem Land, von dem ich weiß, dass die medizinische Versorgung nicht so gut funktioniert wie bei uns in Deutschland. Die ganze Familie machte sich große Sorgen um meinen Cousin. Es stand nicht gut um ihn.

Kurz nach dieser Hiobsbotschaft betrat ich die Intensivstation und begann meine Schicht. Ich war durcheinander und beunruhigt - und hatte selbst Corona-Patienten zu versorgen. Ständig wurde ich dadurch an meinen Cousin erinnert und fragte mich, was bei ihm wohl gerade geschieht. Ich war den Tränen nahe, als ich auf die Toilette ging, um mich zu beruhigen. Dort sagte ich zu mir: "Pola, dein Kopf ist ganz woanders, obwohl du jetzt hier in der Arbeit gebraucht wirst - das ist deinen Patienten gegenüber nicht fair."

Die Standpauke hat gewirkt, das Erlebnis war ein Schlüsselmoment für mich. Zur Arbeit von uns Pflegekräften gehört Beobachten und Einfühlen. Wenn die Sensoren für diese Fähigkeiten jedoch durch eigene Gedanken und Gefühle blockiert sind, dann funktioniert dieser Teil unserer Arbeit weniger gut. Das hat keine patientengefährdenden Auswirkungen. Aber wir sind eben auch nicht so aufmerksam wie normalerweise.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 61: Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Deshalb schrieb ich meiner Mutter noch ein paar Tipps für meinen Cousin, um meinen Kopf davon zu leeren. Dann packte ich mein Handy weg und war ganz für meine Patienten da.

Seitdem achte ich noch mehr als zuvor darauf, keine Stressfaktoren mit in meine Arbeit zu nehmen. Das zuzelt mich sonst aus. Mein Mittel dafür ist mein Arbeitsweg. Den nutze ich, um mich von privaten Dingen zu Hause abzukapseln.

So fahre ich, wenn das Wetter schön ist und ich früh dran bin, gerne mit dem Motorrad zur Klinik. Manchmal halte ich auf einem Hügel an, stelle mich auf die Wiese und nehme mir einen Augenblick Zeit, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Obwohl das nur kleine Momente in der Natur sind, kann ich aus ihnen unglaublich viel Energie schöpfen.

In der Klinik angekommen gehe ich zu meinem Spind, schlüpfe aus meiner privaten Kleidung und in Kasack und Arbeitsschuhe. In die rechte Brusttaschen stecke ich meine Stifte, in die linke mein Notizbüchlein. Dann verlasse ich die Umkleide, desinfiziere meine Hände und es geht rauf auf die Station. Das mache ich ebenso bewusst wie die Fahrt zur Arbeit. Denn selbst diese kleinen Rituale helfen mir, um ganz in meiner Schicht anzukommen, vor allem der Kleidungswechsel.

Mein Cousin hat sich übrigens wieder erholt.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 38-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.

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