Süddeutsche Zeitung

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 140:Auch ein leeres Patientenbett kostet Geld

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Pola Gülberg versorgt eine Patientin, die immer wieder Krampfanfälle bekommt - sie ist Epileptikerin und muss in eine Fachklinik überwiesen werden, aber nirgends ist ein Platz frei. Warum halten Krankenhäuser nicht einfach mehr Kapazitäten vor?

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

Immer wieder wurde meine Patientin von Krampfanfällen geplagt. Ihr gesamter Körper stand dann unter extremer Spannung: Beine, Füße und Zehen, Arme und Hände - alles war gestreckt. Bis auf die Finger, die bildeten eher eine Kralle und zitterten. Der Blick der jungen Frau war bei jedem Anfall anders: Manchmal schaute sie ins Nichts, oder die Pupillen drehten sich nach oben weg, wieder andere Male hatte sie die Augen geschlossen. Die Krämpfe waren nie von langer Dauer, manchmal waren sie schon wieder vorüber, wenn ich in ihr Zimmer trat, dass es einen Krampf gegeben hatte, konnte ich dann nur noch an den zittrigen Linien ihres EKGs erkennen.

Meine Patientin kam wegen eines fieberhaften Infekts zu uns - in Verbindung mit ihrer Vorerkrankung kamen die Krampfanfälle zustande: Sie war Epileptikerin. Eigentlich ist es so: Wenn ein Betroffener medikamentös richtig eingestellt ist, dann kann er in den allermeisten Fällen ein völlig normales Leben führen und hat möglicherweise sogar nie wieder einen epileptischen Anfall. Die Reaktion meiner Patientin zeigte also ganz klar: Die Einstellung ihrer Medikamente passte nicht mehr. Doch wir als Intensivstation einer Kreisklinik konnten daran nichts ändern.

Patienten mit einer Epilepsie sind neurologische Patienten, für eine umfassende Behandlung braucht es eine entsprechende Fach-Intensivstation - eine Neuro-Intensiv. Also versuchten unsere Ärzte, einen freien Platz in einer solchen zu finden. Täglich telefonierten sie mit Kliniken in der Region. Jedes Mal erfolglos, nirgends war ein Bett frei für die junge Frau.

Überweisungen an Fachkliniken sind oftmals schwierig. Nicht mehr so wie zu Pandemie-Zeiten, aber leicht würde ich es jetzt dennoch nicht nennen. Das Problem ist: Kapazitäten bei solchen Spezialeinheiten im großen Stile freizuhalten, ist wenig sinnvoll. Es ist kaum kalkulierbar, wann wo wie viele Betten benötigt werden - schließlich ist die Medizin nicht immer gleich, es gibt nicht diesen einen Monat, in dem alle einen Schlaganfall bekommen, und im nächsten alle ein geplatztes Aneurysma im Gehirn. Die Fallzahlen schwanken. Aber auch ein leeres Patientenbett verschlingt viel Geld, denn Personal, Medikamente und andere Utensilien, die bei Belegung gebraucht würden, müssen ja trotzdem vorgehalten werden.

Wenn wir also kein entsprechendes freies Bett finden, bleibt der Patient weiterhin bei uns - so war es auch bei der jungen Frau. Wir konnten zumindest dafür sorgen, dass sich ihr Zustand nicht verschlechterte. Aber damit wir sie wieder gesund entlassen konnten, dafür fehlte uns einfach die notwendige Fachkapazität.

Ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es hat um die sieben Tage gedauert, ehe unsere Ärzte endlich ein freies Bett gefunden hatten. Die Zeit des Wartens war bestimmt nicht schön für meine Patientin. Für uns auch nicht. Aber letztlich war ich doch froh, dass sie immerhin bei uns war und damit jemand dafür sorgte, dass sie stabil blieb.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 39-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.

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