SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 185Schlaflose Nacht in der Klinik

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Gut geschlafen hat die Patientin von Pola Gülberg bestimmt nicht, doch sie jede Stunde zu wecken war notwendig.
Gut geschlafen hat die Patientin von Pola Gülberg bestimmt nicht, doch sie jede Stunde zu wecken war notwendig. Christin Klose/dpa-tmn

Pola Gülberg versorgt auf der Intensivstation eine Patientin mit einem Schädelhirntrauma nach einem Sturz. Jede Stunde muss die Pflegerin nun die Pupillenreaktion der Frau kontrollieren – warum ihr das ziemlich leidtut.

Protokoll von Johanna Feckl, Ebersberg

Neulich übernahm ich in meinem Nachtdienst eine Patientin, die gerade als Neuzugang auf die Intensivstation kam. Im Gegensatz zu ihr wusste ich, was ihr jetzt bevorstand: eine ziemlich schreckliche Nacht, zu der meine Arbeit maßgeblich beitrug. Denn bis zum Morgen war es meine Aufgabe, ihr jede Stunde mit einer Lampe in die Augen zu leuchten und mich kurz mit ihr zu unterhalten. Klingt anstrengend, wenn man doch eigentlich schlafen mag. Deshalb plagte mich auch ein schlechtes Gewissen, als ich die Frau schon einmal vorwarnte, dass die nächsten Stunden kein Zuckerschlecken werden.

Am Abend zuvor war sie gestürzt. Was genau geschehen war, daran konnte sie sich nicht erinnern – sie ist wach geworden und lag am Boden. Zunächst vermutete sie, gestolpert zu sein. Doch in einem solchen Fall hätte sie ziemlich sicher im vorderen Kopfbereich eine Platzwunde gehabt, denn beim Stolpern fällt man meistens nach vorn. Bei ihr allerdings prangte die Platzwunde am Hinterkopf.

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Wenn einmal der Strom ausfällt, bekommen Pola Gülberg und ihre Kollegen auf der Intensivstation davon oft gar nichts mit, denn das Krankenhaus ist vorbereitet auf solche Situationen.

Protokoll: Johanna Feckl

Bekannte brachten sie ins Krankenhaus. Gut so, denn nicht nur die Wunde hatte eine ärztliche Versorgung nötig: In der Notaufnahme stellte sich heraus, dass der Schädel gebrochen war und sich ein Hämatom gebildet hat, das auf die Hirnhaut drückte. Sie hatte ein Schädelhirntrauma, das kann ziemlich gefährlich werden.

Man muss sich das so vorstellen: Im gesunden Zustand schwimmt das Gehirn in einer Flüssigkeit – das dämpft leichtere Erschütterungen, sodass das Organ nicht gleich gegen die Schädeldecke knallt. Man könnte auch sagen: Die Hirnflüssigkeit ist wie ein Mini-Airbag.

Wenn sich nun aber ein Hämatom gebildet hat und nach innen drückt, dann besteht die Gefahr, dass das Hirn eingeklemmt wird. Denn das Hämatom verdrängt das Organ nach unten, dort wird es enger und enger, dementsprechend kann das Areal immer schlechter durchblutet werden. Im unteren Teil des Hirns sitzen allerdings wichtige Steuerzentren, etwa das Atemzentrum. Blöd also, wenn hier unzureichend Blut fließt: Im schlimmsten Fall setzt die Atmung aus.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.
Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik. Peter Hinz-Rosin

Deshalb ist es bei solchen Patienten wichtig, sie zu überwachen, und zwar nicht nur am Monitor. Wenn der Druck des Hämatoms zu groß wird, wäre eines der ersten Anzeichen dafür eine veränderte Reaktion der Pupillen auf Licht. Also weckte ich meine Patientin im Stundentakt, um ihr mit einer speziellen Lampe in die Augen zu leuchten. Außerdem sprach ich jedes Mal kurz mit ihr, um zu kontrollieren, ob ihre Antworten wirr sind – das wäre ein weiteres Zeichen gewesen, dass etwas nicht stimmte und ich die Docs hätte dazuholen müssen.

Meine Patientin war zum Glück sehr verständnisvoll, obwohl sie bestimmt einfach nur schlafen wollte. Am nächsten Morgen, nach meinem Dienst, stand für sie eine CT-Kontrolle an, um bildgebend festzustellen, ob das Hämatom gewachsen war. Als ich zu meinem nächsten Nachtdienst kam, war sie schon auf Normalstation – alles noch einmal gut gegangen also. Und dort hat sie hoffentlich etwas mehr Schlaf bekommen als bei uns.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 40-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.

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