Immer wieder erlebe ich es, dass Angehörige ihren Liebsten, die gerade als Patienten bei uns auf der Intensivstation sind, bei ihren Besuchen etwas zu Essen mitbringen: ein Stück Kuchen, etwas Schokoladiges, im Sommer ein Eis – jetzt in der Adventszeit sind es vor allem Plätzchen und Christstollen. Essen ist eben für viele so viel mehr als die Nahrungsaufnahme zur Energiezufuhr. Es wird mit Zuneigung verbunden, mit Geselligkeit und Fürsorge.
Ich glaube, das ist der Grund, weshalb es für einen Großteil der Angehörigen gleich doppelt so schlimm ist, wenn der Ehemann oder die Ehefrau, der Vater oder die Mutter, bei uns intubiert ist und an der Beatmungsmaschine hängt – ohnehin kein schöner Anblick für Menschen, die das nicht gewohnt sind: weil etwas so Normales und gleichzeitig Wichtiges wie Essen gerade nicht geht. Da höre ich dann eine Frage häufig: „Wie kann denn der jetzt überhaupt noch essen?“
Es gibt verschiedene Möglichkeiten der künstlichen Ernährung, über die der Körper der Patienten alles bekommt, was er benötigt. Das sollte man nicht unterschätzen: Wenn man krank ist, ist die Zufuhr von ausreichend Kalorien und Nährstoffen extrem wichtig, denn ansonsten kann der Körper nicht richtig arbeiten – und damit auch nicht gegen die jeweilige Krankheit angehen und wieder gesund werden.
Einmal funktioniert die künstliche Ernährung über die Vene, meistens über den zentralen Venenkatheter, der in solchen Fällen ohnehin schon gelegt ist, um den Patienten mit Medikamenten zu versorgen. Dann hängt ein großer Beutel mit weißem Inhalt an einem Tropf – tropfenweise gelangt diese Flüssigkeit konstant in den Körper. Der Patient bekommt also nicht dreimal am Tag etwas zu Essen, sondern die Nährstoffe werden ihm permanent zugeführt. Diese Ernährungsform wählen wir dann, wenn der Darm des Patienten nicht intakt ist, also Nahrung nicht verarbeiten kann.

Die zweite Variante der künstlichen Ernährung ist eine Magensonde. Hier führt über die Nase ein Schlauch direkt in den Magen, sodass die beige Flüssigkeit aus dem Beutel am Tropf direkt dorthin gelangt. Angehörigen erkläre ich das oft, indem ich es mit Astronautennahrung vergleiche, also hochkalorisch komprimierte Nährstoffe – damit können die meisten etwas anfangen. In manchen Fällen ist es notwendig, dass der Schlauch bis in den Zwölffingerdarm führt, weil der Magen noch nicht richtig arbeitet. Dann braucht es eine vorverdaute Nahrung, schließlich fällt der erste Verdauungsprozess vom Kauen bis zur Verarbeitung im Magen weg. In jedem Fall lautet die Maßgabe immer, die Nahrungsaufnahme so zu gestalten, dass sie unter Einschränkung der jeweiligen Erkrankung dem natürlichen Weg am nächsten kommt.
Den Angehörigen, die am liebsten zu jedem Besuch eine Nascherei mitbringen möchten, erkläre ich dann: Manchmal ist auch Hinsetzen, die Hand halten und etwas Schönes erzählen genau die richtige Art der Zuneigung – es müssen nicht immer Plätzchen sein.
Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 40-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.


