SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 22:Gesund werden geht nur aktiv

Intensivpflege Fachkraft Kreisklinik Ebersberg

Julia Rettenberger.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Julia Rettenberger über widerwillige Patienten und den großen Nutzen von Prophylaxe.

Protokoll: Johanna Feckl

Es ist noch nicht lange her, als wir zu zweit zu einem Patienten ins Zimmer gekommen sind, um eine Lagerungstherapie zu machen - dabei positionieren wir den Betroffenen neu, beispielsweise von links nach rechts, damit er sich nicht wund liegt. Also: Wir wollten dem Mann etwas Gutes tun, denn sind wunde Stellen einmal da, geben sie sich hartnäckig und sind schmerzhaft. Unser Patient aber, er war sauzwider. "Eigentlich gehts mir gar nicht so schlecht, bis auf dann, wenn ihr kommt!", schleuderte er uns entgegen, als meine Kollegin und ich erklärten, was wir vorhaben.

Unsere Patienten sind oft genervt von unserer Hartnäckigkeit was solche Prophylaxen anbelangt. Aber gesund werden ist auf der Intensivstation eine harte Angelegenheit. Es ist nicht so wie bei einem grippalen Infekt, wo meistens Ruhe im Bett und ein paar Tabletten ausreichen, um wieder fit zu werden. Auf der Intensiv muss jeder Patient für dieses Ziel aktiv etwas tun. Und Prophylaxen wie die Lagerungstherapie gehören dazu.

Wenn wir bei einem bettlägerigen Patienten keinerlei Prophylaxen durchführen, hat das Folgen, und zwar nicht nur wund gelegene Stellen am Körper. Auch Gelenke werden steif und Muskeln verkümmern, sodass der gesamte Bewegungsapparat stark eingeschränkt ist. Ebenso steigt durch den Bewegungsmangel die Gefahr für das Entstehen von Thrombosen. Der Stuhlgang funktioniert nicht mehr richtig. Das Zahnfleisch kann zu bluten beginnen, in Folge dessen Zähne auch gerne mal ausfallen - und es gibt noch vieles mehr. Es ist also kein "Papperlapapp", das durch fehlende Prophylaxe entsteht, sondern eine schmerzhafte Angelegenheit.

Deshalb prägen Prophylaxen auch den Arbeitsalltag einer jeden Pflegekraft. Das Ziel ist, jedem möglichen Problem mindestens einen Schritt voraus zu sein, sodass es gar nicht erst entsteht. Nun gehe ich aber nicht zu den Patienten hin und sage "So, Hallöchen, jetzt machen wir mal eine Prophylaxe". Stattdessen baue ich sie in meine Pflegetätigkeiten am Bett ein. Beim Waschen zum Beispiel versuche ich, jedes Gelenk gut durchzubewegen, sodass sie nicht steif werden. Meine immobilen Patienten lagere ich alle paar Stunden um, damit sie nicht wund werden. Morgens und abends und oft auch zwischendurch achte ich auf das Zähneputzen, damit der Bakterienhaushalt im Mund stimmt und keine Pneumonie entsteht - das kann im Zweifel schnell gehen: Bakterien gelangen aus dem Mundraum hinunter in die Lunge und verursachen dort eine Entzündung.

Es ist immer wieder erstaunlich für mich zu sehen, wie sehr die Patienten von unseren Prophylaxen profitieren. Dem Patienten, bei dem meine Kollegin und ich eine Lagerungstherapie durchführen wollten, haben wir das auch erklärt. Jedes Mal, wenn wir wieder gekommen sind, ging seine Litanei trotzdem von vorne los. Aber mitgemacht hat er letztlich doch, wenn auch widerwillig.

Julia Rettenberger ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 27-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte finden Sie unter sueddeutsche.de/thema/Auf_Station

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