SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 163Unliebsames Urlaubsmitbringsel

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Welches Tier für den Stich oder Biss verantwortlich war, ließ sich im Nachhinein nicht klären. Die Folgen jedenfalls waren gravierend.
Welches Tier für den Stich oder Biss verantwortlich war, ließ sich im Nachhinein nicht klären. Die Folgen jedenfalls waren gravierend. Patrick Pleul/dpa

Eine Frau wird im Urlaub von einem Insekt gestochen – nicht weiter schlimm, denkt sie. Doch dann entzündet sich die Einstichstelle, wenig später landet sie auf der Intensivstation von Pola Gülberg und muss intubiert werden.

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

Meine Patientin war im Urlaub, als sie irgendwas am Handgelenk gestochen oder gebissen hatte. Vielleicht eine Spinne, so hatte sie es uns auf Station erzählt, vielleicht war es aber auch etwas anderes. Harmlos jedenfalls. So harmlos, dass sie es gar nicht richtig mitbekommen hat. Schon zigmal zuvor passiert. Doch so harmlos war die ganze Geschichte dann leider doch nicht: Der Insektenstich führte zu einem dreiwöchigen Aufenthalt auf der Intensiv, bei dem es zwischenzeitlich nicht gut für sie aussah.

Der Insektenstich hatte sich entzündet, die Haut drum herum war gerötet und angeschwollen. Zu Hause hatte sie es mit Kühlen versucht, wie sie erzählte. Aber die Infektion wurde dennoch schlimmer.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 119
:Aber ich hab doch keine Zeit!

Häufig sind es sehr gestresste Menschen, die ihre Schmerzen nicht richtig erkennen oder sie mit Hilfe von Medikamenten unterdrücken. Anstatt gleich zum Hausarzt zu gehen, landen am Ende einige von ihnen bei Pola Gülberg auf der Intensivstation.

Protokoll: Johanna Feckl

Als die Frau in die Notaufnahme kam, war sie bereits so weit fortgeschritten, dass es zu einem Kompartment gekommen war – eine ziemlich gefährliche Angelegenheit: Der Gewebedruck innerhalb eines Areals ist stark erhöht, meist im Unterarm oder Unterschenkel. Grund dafür ist, dass sich Flüssigkeit in bestimmten Muskelgruppen einlagert hat und deshalb das Gewebe nicht mehr ausreichend durchblutet wird. Ein akuter Notfall, denn im schlimmsten Fall kann das zum Absterben von Gewebezellen führen. Dann bleibt nur noch die Amputation.

So weit war es bei der Frau zum Glück nicht. Die Ärzte machten einen Schnitt vom Ellbogen bis zum Handgelenk, um Druck aus dem Gewebe zu nehmen, sodass die Durchblutung wieder besser funktionierte. Das war höchste Zeit, denn aus der Wunde trat jede Menge Eiter aus – eine fulminante Entzündung im Unterarm.

Mehrere Tage lang blieb die Wunde offen und wurde steril abgedeckt, täglich musste die Frau zur Wundspülung in den OP. Trotzdem wurde die Infektion größer, es kam zu einer Sepsis: Fieber, schlechte Atmung – das kann bis zum Multiorganversagen führen. Unsere Patientin war sehr geschwächt, als sie intubiert wurde.

Nach gut zwei Wochen wurde sie zum Glück wieder extubiert. Doch dann bestand der Verdacht, dass sich die Infektion bis zu einer Gehirnhautentzündung ausgebreitet hatte – die Frau war verwirrt, ihre einzige Art der Kommunikation waren Schreie. Gott sei Dank hat sich dieser Verdacht nicht bestätigt. Zwei Tage später konnte sie wieder sprechen.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.
Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik. Peter Hinz-Rosin

Endlich ging es ihr besser. Doch die Sepsis hatte sie geschwächt. Als wir sie einmal zur Mobilisation an den Bettrand gesetzt haben, hat sie nach kurzer Zeit am gesamten Körper vor Anstrengung gezittert. Eine solch heftige Reaktion habe ich bislang selten erlebt. Aber es ging bergauf: Zwei Tage später habe ich die ersten Schläuche gezogen, nach zwei weiteren Tagen wurde sie auf Normalstation verlegt.

Dass die Folgen eines Insektenstichs derart ausarten, kommt selten vor. Dennoch ist es ratsam, die Einstichstelle zu beobachten. Wenn sie schmerzt und sich Rötung und Schwellung immer mehr ausbreiten, können das Anzeichen für eine Infektion sein. Das ist noch kein Grund zur Panik, aber ein guter Grund für einen Besuch beim Hausarzt.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 40-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.

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